Ich und die Menschen – eine Rezension

„Menschen sind eine reale zweibeinige Lebensform von mittelmäßiger Intelligenz.“

aus „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Auf den ersten Blick erscheint dieses Zitat nicht als Ermutigung zur Lebenskunst. Dennoch habe ich „Ich und die Menschen“ von Matt Haig als Hörbuch (Sprecher: Christoph Maria Herbst) nun schon mehrfach genossen. Ich kann diesen zugleich kritischen, humorvollen und liebevollen Blick auf die Macken und Vorzüge der Menschheit wärmstens empfehlen.

Der Mensch aus außerirdischer Perspektive

„Menschen sind eine reale zweibeinige Lebensform von mittelmäßiger Intelligenz“, schreibt der Held der Geschichte, bei dem es sich nur scheinbar um den Mathematiker Prof. Andrew Martin handelt, an die übrigen Vonadorianer auf seinem fernen Heimatplaneten. Er ist mit dem klaren Auftrag auf die Erde gekommen, den Fortschritt der Menschheit aufzuhalten – zu ihrem eigenen Besten.

Die knappen Ersterkenntnisse beim Blick des Außerirdischen auf die Menschen, festgehalten im Vorwort an die Mitaußerirdischen, sind witzig und krude zugleich, z. B.

  • „Die Dinge, die sie tun, um glücklich zu werden, sind in Wirklichkeit oft die Dinge, die sie unglücklich machen. Dazu gehören Shopping, Fernsehen, beruflicher Aufstieg …“
  • „Die Erde war, wie mir später klar wurde, ein Planet der verpackten Dinge: Nahrung in Folie, Körper in Kleidung, Verachtung in Lächeln.“
  • „Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch  nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil. Ihr Hauptzweck ist, dem Leser ein Gefühle Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich deswegen trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie sich als nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die sie Kapitalismus nennen. Sehr populär.“

(Disclaimer: So habe ich es gehört. Die Interpunktion im Buch könnte anders aussehen.) 

Ein scheinbar einfacher Auftrag

Die Menschheit ist definitiv noch nicht reif für die mathematische Erkenntnis, die der wahre Professor Martin hatte, bevor er starb. Nun bleibt sicherzustellen, dass sowohl der mathematische Beweis als auch alle Menschen, die darüber Bescheid wissen, endgültig verschwinden. Mit seiner überlegenen Intelligenz und der Macht in seiner linken Hand ist der Protagonist dafür bestens ausgestattet. Der Start geht allerdings etwas in die nicht vorhandene Hose, denn statt am Schreibtisch an der Cambridge University landet der Außerirdische im unbekleideten Körper des Professors mitten auf der Straße. Natürlich kann er sich anfangs nicht vorstellen, dass die Abwesenheit von Kleidung zu einer solchen Aufregung führt und so prallen im wahrsten Sinne des Wortes Welten aufeinander. 

Sein Auftrag an sich erscheint zunächst relativ einfach, denn voraussichtlich haben bisher nur wenige Menschen vom mathematischen Durchbruch erfahren. Auch moralisch ist das kein großes Problem. Die Menschen scheinen genauso gierig, gewaltbereit und irrational zu sein, wie es zu erwarten war. Obendrein unheimlich häßlich. Zwei bis vier von ihnen für das Wohlergehen des großen Ganzen zu opfern, müsste vertretbar sein.

Die andere Seite der Menschheit

Kompliziert wird es, als der Protagonist seine vermeintliche Frau Isobel und den 15-jährigen Sohn Gulliver samt Hund Newton näher kennenlernt. Plötzlich kommen verwirrende Dinge wir Mitgefühl und Fürsorge ins Spiel, dann auch noch Musik und Gedichte. Kurzum, der neue Andrew Martin zögert die Vernichtung der Familie hinaus und die Moderatoren, die ihn geschickt haben, werden allmählich ungeduldig. Einzelheiten werden hier nicht verraten.

Trotz ihrer Irrationalität lernt der Pseudo-Professor die Menschen, besonders einige von ihnen, im Verlauf des Buches sehr zu schätzen und gibt Gulliver sogar 97 Ratschläge weiter. Viele davon sind spezifisch für diese Geschichte. Einige sind jedoch auch für das eigene Leben bedenkenswert, z. B.:

„Wenn du in den Nachrichten siehst, wie andere Mitglieder deiner Spezies leiden, denk nicht, du könntest nichts tun. Aber sei gewiss, du kannst nichts tun, solange du die Nachrichten siehst.“

aus „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Trotz des Mordauftrages lässt sich dieser Roman schwerlich in übliche Buchkategorien pressen. Für mich ist es humorvoller Tiefgang in eine ansprechende Geschichte verpackt. Schließlich ist es der Planet der verpackten Dinge. Es ist dem Autor gelungen, mich mit Leichtigkeit und Lachen zum Nachdenken und teilweise zum Widerspruch anzuregen. Eine klare Lese- bzw. Hör-Empfehlung!

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