Das geheimnisvolle Zeugnis

Das geheimnisvolle Zeugnis ist eine Geschichte, die ich einem Kind vor vielen, vielen, vielen Jahren zur Einschulung geschrieben und jetzt wieder ausgegraben habe …

Ein unheimliches Loch

Paul war sechs Jahre alt und wohnte in einer großen, besonderen Stadt. Ganz in der Nähe seines Wohnhauses hielt die Schwebebahn, mit der man hoch über den Autos und dem Fluss zum Kino schweben konnte. Wenn Paul in dieser Bahn fuhr, träumte er davon, später einmal bis zum Mond zu schweben. Mit „später“ meinte er, wenn er groß sein würde. Das war gar nicht mehr lange hin, denn in zwei Tagen, am Dienstag, würde er in die Schule kommen.

Jetzt war Sonntag und Paul spielte mit Lars und Lisa im Wald Verstecken. Es war für Paul gar nicht einfach, sich richtig groß zu fühlen, obwohl er jetzt fast ein Schuljunge war. Er konnte schließlich nichts daran ändern, dass auch seine Geschwister immer älter wurden und er immer der Jüngste blieb.

„Vielleicht“, dachte Paul gerade, „bin ich ja wenigstens der Einzige von uns, der eines Tages bis zum Mond schwebt.“ In diesem Augenblick hörte er Lars Warnruf: „50! Ich komme!“ Gerade noch konnte Paul mit einem Hechtsprung hinter einem Busch verschwinden. Augenblicklich spürte er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Ein mulmiges Gefühl im Bauch kann natürlich auch davon kommen, dass man nichts gegessen hat oder dass man viel zu viel gegessen hat. Aber Paul hatte ganz normal gegessen. Es musste einen viel ungewöhnlicheren Grund für sein mulmiges Gefühl geben. Da bemerkte er es: Der Busch hatte sich entfernt! Oder hatte er sich vom Busch entfernt ohne es zu merken?

Weiter oben, die Böschung hinauf, hörte er Lars lachend „Hab dich“ rufen, nachdem er über Lisa gestolpert war, die sich einfach flach in eine Mulde gelegt hatte. 

„Hier bin ich“, wollte Paul gerade rufen. Es war ihm doch zu unheimlich dass er immer tiefer vom Busch wegzurutschen schien, aber nur nach unten, nicht nach hinten. Ein Loch tat sich auf! Vor Schreck vergaß Paul zu rufen und verschwand in einer Höhle.

Ronaldus und Ronalda

Bevor sich Pauls Augen an das dämmrige Kerzenlicht gewöhnt hatten, hörte er eine kratzige Frauenstimme: „Sieh mal, Ronaldus, Paul besucht uns.“

Ronaldus antwortete mit einem gackernden Lachen, nahm Pauls linke Hand, schüttelte sie kräftig und rief: „Was für eine freudige Überraschung! Herzlich willkommen bei Ronaldus und Ronalda!“ Und wieder lachte er sein „Ga, ga, ga.“

Paul grinste. Eigentlich war das Ganze ja unglaublich unheimlich, aber bei einer solchen Lache konnte man schlecht Angst haben. Er erkannte nun, dass vor ihm ein kleines, altes Männlein mit abstehenden lila Haaren und ebenso abstehenden Ohren stand. Hinter ihm schüttete Ronalda eine grasgrüne Flüssigkeit in einen Becher, den sie Paul reichte.

„Höhlenapfelschorle“, krächzte sie. „Entschuldige meine kratzige Stimme. Ich bin zu viel an der Sonne gewesen. Sogar meine Haare sind ausgeblichen, guck!“ Sie zog sich eine blassrosa Strähne vor die Augen und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ga, ga, ga“, lachte Ronaldus. „Setzen wir uns.“ Mit diesen Worten ließ er sich neben Ronalda in einen Stapel runder Kissen plumpsen, die überall in der Höhle verstreut lagen. Paul setzte sich den beiden gegenüber und genoss die fruchtige Höhlenapfelsaftschorle.

„Woher kennt Ihr meinen Namen“, fragte er, nachdem er drei Schlucke getrunken hatte.

„Ha, ein schlauer Junge“, rief Ronalda begeistert. „Er stellt Fragen!“

„Ja, wundervoll, ga, ga“, stimmte Ronaldus ein. „Das ist ganz einfach“, erklärte er dann. „In dem Augenblick, in dem ein Kind hier hereinplumpst, wissen wir seinen Namen. Doch wissen wir nicht, was du wünschst.“

„Was wünschst du denn“, fragte Ronalda.

Was er wünschte? Als erstes fiel Paul ein, woran er kurz zuvor gedacht hatte. „Irgendwann einmal“, schwärmte er, „möchte ich bis zum Mond oder noch weiter schweben.“

„Ja, das klingt spannend“, nickte Ronaldus.

„Aber erst gehe ich zur Schule“, erklärte Paul.

„Hm, zum Mond fliegen“, sagte Ronalda nachdenklich. „Astronauten machen so etwas. Astronaut will er werden – und zur Schule gehen.“ Sie stand auf und schlurfte zu einer Wand, die ganz von einer Schiebetür bedeckt war. Mit einem leichten Schubs öffnete Ronalda sie und dahinter erschienen unzählige aufgerollte Papierblätter, die in kleinen Fächern steckten.

„Was ist denn das“, fragte Paul staunend.

„Ha, schon wieder eine Frage“, rief Ronaldus begeistert, bevor er erklärte: „Das ist unser Berufe-Regal. Ronalda sieht nach, welche Aufgaben du erfüllen musst, damit du von uns ein Astronaut-Werde-Befähigungs-Zeugnis bekommst.“

„Hi, hi“, lachte jetzt Paul, „ein Astronaut-Werde-Befähigungs-Zeugnis!“ Doch dann sah er gespannt zu, wie Ronalda suchte.

„Astronaut beginnt mit A“, murmelte sie und ließ ihren Finger am oberen Regalrand entlang gleiten. „Mal sehen – Affenzüchter, Angler, Apfelsaftpresser – ah, hier ist es, Astronaut.“

„Lies vor“, forderte Ronaldus sie auf.

Ronalda rollte das Papier auseinander und las:

„Astronaut

Wer Astronaut werden will, muss gerne schweben und sehr neugierig sein. Aber das reicht noch lange nicht. Astronaut kann nur jemand werden, der zur Schule gegangen ist. Denn ein Astronaut muss viel wissen und deshalb viel lernen – und dafür muss man natürlich solche Sachen wie Lesen und Rechnen können.

Voraussetzung für das Astronaut-Werde-Befähigungszeugnis ist es darum, die Aufgaben vom Schlaues-Schulkind-Blatt zu erfüllen. Sehen Sie dazu unter „Sch“ nach.“

„Du hattest recht, Paul“, juchzte Ronaldus und klatschte vor Freude in die Hände. „Du musst zuerst zur Schule gehen.“

„Ich muss Aufgaben lösen“, fragte Paul nach. „Aber ich fange doch übermorgen erst an mit der Schule.“

„Ga, ga, ga, ga“, lachte Ronaldus. „Das ist doch der Spaß. Wer zu uns kommt, kommt viermal. Beim ersten Mal bekommst du deine erste Aufgabe und dann kommst du wieder, wenn du sie erfüllt hast. Dann bekommst du, ist ja klar, die zweite und es geht genauso. Wenn du alle drei Aufgaben erfüllt hast, bekommst du dein Zeugnis.“

Während Ronaldus erklärte, hatte Ronalda das Astronautenpapier wieder aufgerollt und in sein Fach gesteckt. Wieder hörte Paul sie murmeln: „Sch – Schafhirte, Schalldämpfer, Schachspieler, Scheibenwischer, Schriftsteller, Schulkind (dummes) – aha, hier: Schulkind (schlaues).“

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