BGE als Antrieb in die Freiheit?

Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zu Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft.

(Jean Jacques Rousseau, zitiert nach zitate.net)

Gefangen in Fremdbestimmung

Manchmal fühlen wir uns gefangen – in einer Situation, in einer Beziehung, in einem Job, in unserem durchgetakteten Alltag. Aktive Lebensgestaltung, gar Lebenskunst, ist dann schwer vorstellbar. Zwar drängt alles in uns nach Ausbruch aus der Gefangenschaft, aber es geht ja anscheinend nicht. Mit Geld hat das meist nur zum Teil zu tun. Oft sind die Alternativen zu ungewiss, wir möchten niemanden verletzen, machen uns Sorgen, was andere von uns denken und machen uns Sorgen zu scheitern. Die Unsicherheit fesselt uns an die Fremdbestimmung.

Das einengende Gefühl, nicht frei entscheiden zu können, nur machen zu können, was die vertrackte Situation oder die Mächtigen im eigenen Leben erlauben, kann erdrückend werden. Ein hoher Lotto-Jackpot weckt dagegen Träume von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und ansonsten völlig vernünftige Personen setzen ein Teil ihres Geldes auf diese Hoffnung mit verschwindend geringer Eintrittswahrscheinlichkeit.

Viele Gitterstäbe, Mauern und Beschränkungen bestehen vor allem in unserem Kopf. Es sind zumindest teilweise Selbstbeschränkungen. Brauchen wir tatsächlich die Lottomillionen, die finanzielle Unabhängigkeit, um da herauszukommen?

Überraschende Freiheitserfahrungen mit begrenztem BGE

MZL BGE und Freiheit

Auf Mein-Grundeinkommen.de können Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) von 1.000 Euro für 12 Monate gewinnen. Eine Registrierung reicht. Das ist eine hübsche Summe von insgesamt 12.000 Euro, eine Summe, mit der sich wirklich einiges anfangen lässt. Bei dieser Summe von finanzieller Unabhängigkeit zu sprechen, wäre jedoch naiv.

Umso mehr überrascht es, dass Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen Gewinner*innen getroffen haben, die dieses begrenzte Grundeinkommen als große Befreiung empfunden und entsprechend ihr Leben umgekrempelt haben. Als weitere Facetten des Grundeinkommensgefühls neben Zuversicht beschreiben die beiden daher die Freiheit von und die Freiheit zu etwas (in: Was würdest du tun? Wie uns das Bedingungslose Grundeinkommen verändert). Ich finde, dass beides so eng zusammenhängt, dass ich es hier zusammenwurschtel: Die Freiheit von verletzenden Abhängigkeiten bringt Freiheit zu bewusster Lebensgestaltung mit sich.

Da haben einerseits Menschen den Schritt aus ungünstigen Arbeitsverhältnissen heraus gewagt, andere haben sich jedoch plötzlich neu für den alten Job oder für einen Relaunch der bestehenden Beziehung engagiert und begeistert. Wenn die imaginären Gitterstäbe des erlebten Gefängnisses verschwinden, können Menschen nicht nur das Gefängnis verlassen, sondern auch auf den befreiten Boden des ehemaligen Gefängnisses zurückkehren und den Raum neu gestalten. Ohne Gitterstäbe kein Fluchtreflex?

Warum nicht gleich so?

Noch einmal: Kann das an einer begrenzten Geldsumme liegen? Zum Teil wohl tatsächlich, denn das Geld kann die nötige Atembrause bringen, die Lücke so weit füllen, dass sich ein Übergang gestalten lässt. Aber die Entscheidung, um die Beziehung und die Familie zu kämpfen – die Freiheit zum Ja? Das kann doch nur an einer veränderten Perspektive liegen, einer neuen Wahrnehmung der Situation und der eigenen Möglichkeiten in ihr.

Vielleicht hat es etwas mit dem Rousseau-Zitat oben zu tun. Das Geld, das wir bedingungslos bekommen, kann ein Mittel zur Freiheit werden. Was wir dagegen an Materiellem zu brauchen glauben, kann uns in niederschmetternden Situationen und Gedankengebäuden gefangen halten. In diesem Sinne mag das BGE eine Art Antrieb in die Freiheit darstellen, die Tür zu einer neuen Perspektive auf unsere Möglichkeiten öffnen.

Ich halte das für einen weiteren guten Grund, dieses Konzept ernsthaft zu prüfen. Im Sinne der Lebenskunst möchte ich aber nicht auf die Ergebnisse warten.

Sich die eigenen Möglichkeiten klar machen

Die meisten von uns haben (noch) kein BGE. Das ist aus meiner Sicht eine schlechte Ausrede, um in imaginären Gefängnissen hocken zu bleiben. Entscheidend scheint das Bewusstsein zu sein, dass wir die Situation verlassen könnten. Vielleicht wollen wir es nicht, weil wir dann auf unser Haus verzichten müssten oder unsere Familie sich darüber aufregen würde oder sich sogar Freund*innen abwenden könnten. Aber überleben würden wir das.

Mehr noch: In den meisten Fällen würden wir uns relativ rasch an neue Lebensumstände gewöhnen, die Familie würde sich wieder einkriegen, alte Freund*innen zurückkehren oder neue dazu kommen. Durchdenken Sie das doch einmal, bis Sie es wirklich glauben. Es geht darum, die imaginären Gitterstäbe zu entfernen. Ist ihnen das gelungen, können Sie sich frei für die aktive Gestaltung der jetzigen Lebenssituation oder für ein Verlassen dieser Situation und einen Neustart entscheiden – ein Stück Grundeinkommensgefühl schon ohne Grundeinkommen.

Wie geht das mit dem Durchdenken, bis ich es glaube? Ich stelle mir Fragen und zwar vor allem diese:

  • Warum (nicht)?
  • Ist das wirklich so?
  • Wie könnte es noch sein?
  • Wie haben andere das gelöst?
  • Was müsste ich tun, um tatsächliche Hürden zu beseitigen?
  • Worauf müsste ich verzichten?
  • Wäre ich dazu bereit? / Ist es mir das wert?
  • Wer würde mir helfen?

Ziel ist die Erkenntnis: Ich habe die Freiheit, meine Situation aktiv zu gestalten oder sie zu verlassen.

Ich nehme ein schwieriges Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter eines Kindes mit Behinderung, die fast gar keine Zeit für sich hat und unter dem ständigen Eingespanntsein leidet. Es kann gut sein, dass schon die Erkenntnis, dass sie sich auf Grundlage ihrer Werte und ihrer Liebe so einsetzt, einen Teil der Belastung nimmt: Ich mache das, weil ich es will. Darüber hinaus kann der innere Dialog beispielsweise offenlegen, dass sie glaubt, immer stark sein zu müssen und nicht um Hilfe bitten zu dürfen. Ein erster Schritt könnte sein, in Internetforen herumzusuchen, welche Hilfen andere Eltern in einer ähnlichen Situation in Anspruch nehmen. Vielleicht erläutert sie die Situation auch im kommunalen Familienberatungsbüro oder bei Verantwortlichen der örtlichen Kirchengemeinde oder in der wohlwollenden Nachbarschaft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass da Ideen für Entlastungsmöglichkeiten kommen. Die Mutter muss sie nicht annehmen. Sie soll erst einmal nur wissen, dass sie sie annehmen könnte.

Um es ganz deutlich zu schreiben: Es geht hier nicht um alternative Fakten oder um das Schönreden von Situationen, sondern um die Unterscheidung zwischen tatsächlichen und imaginierten Beschränkungen einerseits und um Umgangsmöglichkeiten mit tatsächlichen Beschränkungen andererseits.

Lassen Sie uns Schritte in die aktive Lebensgestaltung gehen. Und wenn wir dafür eine Gehhilfe bräuchten, die wir (noch) nicht haben, lassen sie uns notfalls auf allen Vieren loskrabbeln – nur nicht einfach verharren.

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