Wie Europa wieder Spaß machen würde

Europa-Utopie

Europa? Krise!

Was bleibt einem als Lebenskünstler in einer Krise? Die Resignation kann es nicht sein, denn die hat mit Kunst, mit aktiver Gestaltung, nichts zu tun. Der Rückzug auf erwiesenermaßen unsinnige Scheinlösungen wie Nationalismus kann es auch nicht sein, denn dazu muss man die Geschichte und die aktuellen Bedingungen der globalisierten Welt gleichzeitig ausblenden. Ein Lebenskünstler gestaltet aber bewusst. Eine andere Herangehensweise ist es, eine Utopie zu entwerfen.

Bei Wikipedia (abgerufen am 27.1.17) heißt es: „Politische Utopien, wie sie erstmals Thomas Morus entwickelt hat, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die in ihrer Zeit bestehenden sozio-ökonomischen Verhältnisse und Institutionen umfassend kritisieren und aus ihrer Kritik heraus eine fiktive, in sich nachvollziehbare Alternative entwerfen.“ Bei „Utopie“ denke ich schnell an „nicht umsetzbar.“ Treffender ist aber wohl „nicht kurzfristig umsetzbar.“ Das klingt nun wieder sehr nach Lebenskunst!

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Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin und Direktorin des European Democracy Lab in Berlin, entwirft in ihrem Buch Warum Europa eine Republik werden muss!: Eine politische Utopie* das Bild eines als Republik geeinten Europas.

Europa: Gründe für die Krise

Im ersten Teil analysiert Guérot, wie und warum Europa in eine tiefe Krise geraten ist. Das entspricht der umfassenden Kritik, die in der Wikipedia-Definition oben erwähnt wird. Im Kern geht es darum, dass die Europäische Union in ihrer Struktur zu verworren und undemokratisch ist, dass es den europäischen Bürgern an politischer Gleichheit fehlt und die nationalen Interessen immer wieder dem Gemeinwohl entgegen stehen. Die gegebenen Machtverhältnisse und Interessenslagen führten dazu, dass insbesondere die ländlichen Regionen und Europas Randregionen abgehängt würden. Und da die Menschen der EU die Lösung nicht mehr zutrauen, gibt es einen Rückfall in Nationalismen – trotz der Erfahrung, dass das in der Vergangenheit immer zu Krieg und Zerstörung  geführt hat, nicht zu Wohlstand und Freiheit. Und trotz des Wissens: Die kleinen Einzelstaaten haben in der globalisierten Welt auch keine Chance. Ein Dilemma.

Europa: Ein Ausweg

Als Ausweg präsentiert Guérot im zweiten Teil* die Euroäische RePublik, deren P sie groß schreibt, um die Bedeutung des Gemeinwohls zu unterstreichen. Eine Republik sei genau das System, das zwischen Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus stehe. „Das Bild, das hier vor Augen steht, zeigt lebendige, sich weitgehend selbstregierende europäische Provinzen unter dem gemeinsamen rechtlichen Dach einer Europäischen Republik, animiert und belebt von Bürgern, statt von Nationen“, schreibt sie auf S. 122. Die Autorin führt aus, wie die politische, die territoriale und die wirtschaftliche Neuordnung aussehen könnte.

Im dritten Teil, dem „Nachklapp“ betrachtet Guérot noch die Rolle dreier Gruppen: die Frauen, die Jugend und die Bildungs-Elite.

Europa: Gar nicht so utopisch

Das Buch* lässt sich als Provokation lesen, als Ermutigung und als Drama. Die Dramatik, die es mir vor Augen führt, könnte lähmen, wenn da nicht zugleich die Lösungsansätze wären, die so utopisch gar nicht sind. Ich kann das hier aus zwei Gründen nicht genauer erläutern. Erstens würde die Abhandlung zu lang werden und zweitens müsste ich das Buch noch mindestens zweimal lesen. Das spricht vielleicht nicht für meinen politischen Bildungsstand. Trotzdem: Es ist mir teilweise sprachlich zu intellektuell. Ich halte die Inhalte für sehr spannend, motivierend und diskussionswürdig, nicht nur für Eliten, und hätte mir gewünscht, dass es für ein breiteres Publikum noch angenehmer zu lesen ist.

Davon sollte sich niemand vom Lesen abhalten lassen, sondern sich gerne herausfordern lassen. Ohne manchmal mühsamen Hirneinsatz werden wir die Kurve in Europa vermutlich nicht kriegen. Vieles ist schon angedacht und entworfen. Es lässt sich weder einfach, noch schnell umsetzen und durchsetzen, zeigt aber eine attraktive Möglichkeit auf. Vor allem ist das Buch wohl als Einladung geschrieben und auch so lässt es sich lesen: Eine Einladung, am Aufbau eines gemeinwohlorientierten Europas mitzuarbeiten, statt sich in die Resignation zu flüchten oder in Lösungen, die bekanntermaßen nicht funktionieren. Ob das dann so aussieht, wie die Autorin es vorschlägt? Vielleicht.


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Autor: Lydia Girndt

Lydia Girndt ist Diplom-Psychologin, Beraterin und Autorin. Ihre Leidenschaft ist die Persönlichkeitsentwicklung.

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