Wie Sie sich Respekt verschaffen, ohne laut zu werden

Respekt verschaffen

Entschuldigung – die Überschrift lügt. Sie suggeriert, dass wir uns normalerweise Respekt verschaffen, indem wir laut werden. Das stimmt nicht, doch manchmal glauben wir es trotzdem.

Was stimmt: Manchmal können wir uns durchsetzen, wenn wir laut werden – Männer leichter als Frauen. Doch was bekommen wir da? Respekt? Meistens eher Angst oder Resignation. Mit Respekt meine ich hier etwas anderes, nämlich Beachtung und Achtung.

Notizen zum Respekt

Ende Juni hatte ich das echte Vergnügen, einen Vortrag von René Borbonus zu hören. Der erste Teil drehte sich um Respekt. Sein Buch dazu* stelle ich in diesem Artikel vor. Doch zum Aufwärmen hier ein paar Schlaglichter aus dem Vortrag:

  • Alle sehnen sich nach Respekt.
  • Wer Respekt bekommen möchte, muss Respekt geben.
  • Respektvolles Miteinander hält gesund und macht uns produktiver.
  • Wir leben in einem Klima, das Respektlosigkeit fördert.
  • Wir verhalten uns aus purer Unachtsamkeit viel häufiger respektlos, als uns bewusst ist.
  • Bagatellisierung und Dramatisierung der Gefühle anderer sind auch Respektlosigkeiten.
  • Respektvolle Kommunikation lässt sich üben.
  • Gegen gezielte Respektlosigkeiten anderer können wir uns durch geschickte Kommunikation souverän zur Wehr setzen.

In Respekt! Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen* führt René Borbonus diese Punkte in fünf Teilen wunderbar aus und gibt dem Leser viele praktikable Hilfestellungen für den Alltag mit. Die großen Zwischenüberschriften nach dem Prolog heißen:

  • Wen oder was respektieren wir?
  • Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?
  • Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden
  • Wie Sie mit Respektlosigkeiten umgehen
  • Wie Sie Respekt als Erfolgsinstrument einsetzen

Zu jedem Teil schreibe ich hier ein paar Worte, die Sie hoffentlich anregen, tiefer ins Buch einzusteigen oder den Autoren auch einmal live zu erleben.

Teil 1: Respektspersonen

Im ersten Teil beleuchtet der Autor die Frage, was uns andere respektieren lässt. Selbstachtung ist dabei ein grundlegendes Thema. Dazu fällt mir ein etwas drastisches Kant-Zitat ein:

„Wer sich selbst zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.“ (Kant)

Selbstachtung geht allerdings in seiner Wirkung weit über dieses Thema hinaus:

„Selbstachtung bildet die Basis für ein glückliches und zufriedenes Leben.“, (R. Borbonus, Respekt!*, S. 19)

Wer sich selbst achtet, bekommt nicht automatisch von allen Respekt, doch auf jeden Fall können ihn Respektlosigkeiten weniger erschüttern.

Darüber hinaus lesen wir in den einzelnen Abschnitten Überlegungen zu Charisma und Machtgehabe, zu gesunder Autorität und zu respektablen Werten. Vier Werte, die zu Respekt führen, betrachtet Borbonus näher:

  • Klarheit,
  • Kompetenz,
  • Konsistenz und
  • Präsenz.

Doch auch gesellschaftliche Respekt-Hindernisse führt uns der Autor hier vor Augen, zeigt unseren Trend zur Akzeptanz von Verhöhnung und Schamlosigkeit an konkreten Beispielen und den Einfluss der Medien auf die öffentliche Wahrnehmung. „Wer respektiert wird, entscheidet der Redakteur“ lautet eine Zwischenüberschrift.

Bin ich dann doch nur ein Opfer meiner Sozialisation? Nein, deshalb habe ich das Thema hier aufgegriffen. Wenn Respekt so selbstverständlich wäre, wie wir es mit dem Klischee der „guten Kinderstube“ vorgeben, hätte er mit Lebenskunst nicht viel zu tun. Gedankenlose Anpassung führt zum Mitmachen bei der hochmodernen Respektlosigkeit. Respekt müssen wir bewusst gestalten, oft entgegen dem Trend – echte Lebenskunst.

Teil 2: Männer, Frauen und andere komische Vögel

„Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?“, fragt René Borbonus im zweiten Teil. Ein Grund dafür ist, dass Menschen verschieden sind. Unterschiedliche Prägungen führen zu unterschiedlichen Bedürfnissen und zu unterschiedlichen Vorstellungen davon, worin sich Respekt ausdrückt.

Ein häufiges Spannungsfeld zeigt der Autor am Riemann-Thomann-Modell, in dem sich auf einer Achse das Streben nach Nähe und das Streben nach Distanz oder Unabhängigkeit gegenüber stehen. Wenn eine Person gerade ein starkes Bedürfnis nach Distanz hat und die andere nach Nähe, wird es kompliziert. Person A verhält sich abweisend, weil sie Person B als aufdringlich empfindet. Person B kämpft umso mehr um Nähe, weil sie sich zurückgestoßen fühlt. Beide fühlen sich in ihren Bedürfnissen nicht respektiert.

Ähnliches passiert durch die tendenziell unterschiedlichen Kommunikationsgewohnheiten von Männern und Frauen. Wenn der andere auf einer Ebene antwortet, die unsere Bedürfnisse nicht trifft, sind wir schnell entgeistert. Er ist scheinbar trampelig, sie scheinbar lächerlich und die gegenseitige Abwertung nimmt ihren Lauf.

Keine Sorge, das ist kein resignatives Kapitel, sondern René Borbonus gibt ordentlich Anregungen, wie wir es besser machen können und im Streitfall konfliktfähiger werden können.

Teil 3: Auswege aus der Respektlosigkeit

Im Teil „Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden“ erfahren wir zunächst, dass auch der gutmütigste Leser nicht vor Respektlosigkeit gefeit ist, denn meistens ist sie nicht die Folge von Böswilligkeit:

„In erster Linie verhalten wir uns respektlos aus einem sehr profanen Grund: Unachtsamkeit.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 119

Wir sehen den Menschen hinter der Kasse nicht einmal an, weil wir gerade mit den Gedanken ganz woanders sind oder telefonieren. Dieser Mensch sieht uns seinerseits nicht an, diskutiert vielleicht nebenher irgendetwas mit dem Kollegen an einer anderen Kasse, weil er gar nicht mehr damit rechnet, wahrgenommen zu werden. Ganz undramatisch, nur eben auch nicht respektvoll.

Oft bekommen wir einfach nicht mit, was in den Menschen um uns herum vorgeht, sehen nicht hin, hören nicht zu. Oder wir schleudern flott eine Phrase hin: „Davon geht die Welt nicht unter.“ Durch ein wenig Aufmerksamkeit können wir viele alltägliche Respektlosigkeiten abstellen und unser Leben gleichzeitig durch kurze echte Begegnungen bereichern.

Ähnlich sieht es bei der Kommunikation über das Internet aus. Die anonymisierte Parallelwelt verführt dazu, Dinge rauszuhauen, die wir im direkten Kontakt nie so formulieren würden. Nicht das Internet ist böse, sondern wir handeln zu schnell und unüberlegt. Wenn wir uns vorstellen, da sitzt uns ein Mensch gegenüber, schreiben wir vermutlich überlegter, fragen einmal mehr nach oder schweigen einmal.

Besonders hilfreich finde ich den Abschnitt zum Umgang mit Emotionen, eigenen und fremden. Emotionen sind etwas Erfreuliches, denn sie treiben uns zum Handeln an. Wenn wir völlig unreflektiert aus der Emotion heraus handeln, geschieht das im Affekt. Oft nicht hilfreich, oft nicht respektvoll. Drei Fragen können uns helfen, unsere Emotionen zu prüfen und unser Handeln zu steuern:

  • Ist die Emotion passend?
  • Ist ihre Intensität passend?
  • Was will die Emotion von mir?

Eine Emotion beruht auf einer spontanen Bewertung. Dafür bringt der Autor mehrere Beispiele. Ich greife nur die Wut heraus, die auf der Annahme beruht, dass uns jemand schadet und das mit Absicht tut. Oft ist diese Interpretation zu Ich-bezogen. Der andere ist so mit sich beschäftigt, dass er überhaupt nicht darüber nachdenkt, wie er mir schaden könnte.

Vielleicht aber doch. Dann kann ich immer noch überlegen, ob ich mich über eine kommunikative Spitze so aufregen muss, als hätte er mein Haus angezündet. Leichter Ärger wäre vielleicht passender als lodernde Wut. Wenn Wut passend ist, dann ist auch ihre Aufforderung passend: Wehre dich! Die kommunikative Spitze kann man sich verbitten. Beim angezündeten Haus wäre dagegen eine Strafanzeige fällig.

So ruhig können wir das Gefühl wohl kaum analysieren, wenn es gerade aufwallt. In der Situation schlägt der Autor vor, genug Zeit vergehen zu lassen, bis der „hormonelle Nebel“ sich einigermaßen verzogen hat.

Der dritten Abschnitt hat mir besonders gefallen.

Teil 4 Respekt verschaffen bei Provokateuren

Es gibt Wälder, in die wir noch so zartfühlend hineinrufen können, aus ihnen brüllt es trotzdem derb zurück. Wie können wir uns da Respekt verschaffen?

Leider, leider gibt uns René Borbonus hier kein Allheilmittel. Keine Strategie funktioniere immer, meint er. Schade. Was sollen wir dann machen? Unser Repertoire erweitern. Je mehr Reaktionsmuster uns zur Verfügung stehen, desto leichter fällt es uns, ein passendes auszuwählen. Und einen Leitsatz bekommen wir:

„In der Sache klar, zum Menschen respektvoll: Das sollte Ihr Leitsatz werden.“ R. Borbonus, Respekt!*, S.145

Für einige bekannte Respektlosigkeiten versorgt uns der Autor mit passenden Reaktionsmöglichkeiten. Er liefert zum Beispiel ‚Killerphrasen-Killer‘, Möglichkeiten zum Umgang mit ‚Ja-aber-Sagern‘ und bringt Beispiele für respektvolle Schlagfertigkeit. Manchmal gibt es ganz harte Nüsse, bei denen solche Strategien nicht reichen. Hier seine Warnung:

„Den größten Gefallen tun Sie dem Provokateur, wenn Sie ärgerlich oder unsicher reagieren – also genau so, wie er es beabsichtigt.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 159

Als mögliche ‚Notbremsen‚ benennt er das Schweigen, demonstrative Höflichkeit oder sogar kommentarloses Verlassen des Schauplatzes. Die ‚Wunderwaffe gegen Respektlosigkeiten‚ sei Resilienz. Damit gelingt es einem, auf Provokateure nicht unsicher zu reagieren. Sie schaffen es einfach nicht, uns persönlich zu treffen. René Borbonus beschreibt Resilienz als „emotionale Dickhäutigkeit, die mich davor bewahrt, dass ich mir alles zu sehr zu Herzen nehme.“ (S. 162) Natürlich bekommen wir auch zur Resilienz Anregungen, wie wir sie ausbauen können.

Teil 5 Respekt als Erfolgsinstrument

Respektvolles Kommunizieren ist zwar zunächst eine Frage der Haltung. Wenn die erst einmal passt, brauchen wir aber immer noch Methoden, um  es umzusetzen. Der Autor gibt im letzten Abschnitt unter anderem Anregungen zu

  • Verständlichkeit,
  • Körpersprache und
  • Konfliktlösung

Er rundet den Teil ab mit einem Abschnitt unter dem Titel „Respektvolles Verhalten als Strategie und Lebensaufgabe.“

Mich haben Vortrag und Buch* davon überzeugt, dass Respekt und der Umgang mit Respektlosigkeiten lohnenswerte Aspekte der Lebenskunst sind.


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Autor: Lydia Girndt

Lydia Girndt ist Diplom-Psychologin, Beraterin und Autorin. Ihre Leidenschaft ist die Persönlichkeitsentwicklung.

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