Lebenskunst ist unkonventionell

Lebenskunst ist unkonventionell

Wann haben Sie sich das letzte Mal mitten in einem Kaufhaus zum Ausruhen auf den Fußboden gelegt? Solche Aktionen schlägt Tim Ferris in Die 4-Stunden-Woche* vor. Damit soll sich der Leser daran gewöhnen, Ungewöhnliches zu tun. Denn: Nur vier Stunden in der Woche zu arbeiten, ist unkonventionell. Das muss man sich erst einmal trauen!

Was sind Konventionen?

‚Konventionen‘ sind Übereinkünfte, wie ‚man‘ sich in verschiedenenen Situationen als anständiges Mitglied einer Gesellschaft oder einer Gruppe verhält. In Kaufhäusern auf Fußböden herumliegen? Macht man nicht! Nur vier Stunden in der Woche erwerbstätig sein? Dann ist man kein wertvolles Mitglied der Leistungsgesellschaft. Beim Essen schmatzen? Macht man nicht! Konflikte direkt ansprechen? Ärger zeigen? Als Mann in Tränen ausbrechen? Sonntags in die Kirche gehen? Macht man nicht?!

Moment. Möglicherweise arbeiten Sie in einem Team, in dem Konflikte immer direkt angesprochen werden. Oder in Ihrer Familie ist es normal, Ärger zu zeigen. Und war es nicht lange Zeit eine gesellschaftliche Konvention, sonntags in die Kirche zu gehen?

Wenn ich ‚zugebe‘, dass ich an relativ vielen Sonntagen zum Gottesdienst gehe, bekomme ich manchmal zur Antwort: „Ich kann auch an Gott glauben, ohne jeden Sonntag in die Kirche zu rennen.“ Nun, ich hatte weder „jeden Sonntag“ gesagt, noch laufe ich so spät los, dass ich rennen müsste. Normalerweise. Trotzdem glauben die Zuhörer schnell, ich tue das aus irgendeinem Zwang heraus. Schließlich galt früher einmal: „Sonntags geht man in die Kirche. Wer das nicht tut, ist komisch und eher nicht vertrauenswürdig.“ Offenbar kann sich eine Konvention in ihr Gegenteil verkehren. Heute gilt eher: „In die Kirche geht man nur an Weihnachten. Wer sonntags in die Kirche geht, ist komisch und naiv.“

Sobald ich etwas näher darüber nachdenke, fällt mir auf, dass Konventionen nicht so starr sind, wie sie klingen. Sie sind

  • gruppenbezogen,
  • generationsbezogen,
  • situationsbezogen und
  • regionsbezogen.

Es gab Zeiten und gibt vermutlich heute noch Milieus, in denen es ‚zum guten Ton‘ gehörte, nach dem Essen laut zu rülpsen.

Konventionen bieten Sicherheit

Wer die Konventionen einer Gesellschaft oder Gruppe kennt, hat einige Vorteile. Er weiß, wie er sich benehmen muss, um dazuzugehören und niemandem vor den Kopf zu stoßen. Entsprechend unwohl und unsicher fühlen wir uns, wenn wir uns in fremden Zusammenhängen bewegen müssen:

  • Wie benimmt man sich in einem feinen Restaurant?
  • Wie benimmt man sich bei einem klassischen Konzert?
  • Wie benimmt man sich in der neuen Firma / im neuen Kollegenkreis?

Zu Anfang meiner Beraterinnen-Tätigkeit habe ich bei einem Geschäftsessen Scholle bestellt, ohne mir vorher Gedanken zu machen, in welcher Form das Tier auf meinem Teller landet. Die Form war vollständiger als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich saß da und dachte: „Toll. Wie isst ‚man‘ das denn?“ Es war mir wirklich unangenehm. Ich stand vor der Entscheidung, entweder die ganze Zeit mit dem Tier zu kämpfen und zu überlegen, was die Geschäftspartner von mir denken – oder einfach zu fragen und mich dann aufs Gespräch konzentrieren zu können. Ich entschied mich, meine mangelnde Schollen-Erfahrung einzugestehen und die Dame neben mir zeigte mir gerne die Schollen-Ess-Konventionen.

Wer die Regeln nicht kennt, ist verunsichert. Wer die Regeln kennt, aber nicht gewohnt ist, hat das Gefühl, sich verbiegen zu müssen. Das verführt uns dazu, uns in relativ engen,  uns bekannten Grenzen zu bewegen.

Warum Lebenskünstler unkonventionell sind, obwohl sie keine Rebellen sind

Rebellen sind diejenigen, die die Konventionen durchbrechen, um sie zu durchbrechen. Sie kennen das vielleicht aus der eigenen Pubertät oder aus der ihrer Kinder. Letztlich sind die Rebellen also genauso von den Konventionen bestimmt wie die Konventionellen. Sie müssen immer genau das Gegenteil machen.

Lebenskünstler sind Menschen, die aus Überzeugung handeln, wie sie handeln. Ob sie dabei Konventionen einhalten oder… Klick um zu Tweeten Mal entsprechen die Konventionen ihren Überzeugungen und Werten, mal nicht. Sie handeln unabhängig von den Konventionen und sind damit selbst dann unkonventionell, wenn sie sie einhalten.

Was ist mit Konventionen, die mit eigenen Überzeugungen und Werten wenig zu tun haben? Mir fällt seltsamerweise wieder das Rülpsen ein, das ‚man‘ sich in der Öffentlichkeit verkneift, wenn ‚man‘ älter als 17 und nicht auf dem Bau ist. Ich halte Rülpsen nicht für sehr wichtig. Mir fällt gerade keine Philosophie ein, die ich darum herum stricken könnte, warum ich das unbedingt trotzdem tun oder auf jeden Fall lassen sollte. Bei mir greift an der Stelle ein übergeordneter Wert: Anderen nicht unnötig vor den Kopf stoßen. Wenn mir der Rülpser nicht unkontrolliert herausrutscht, verkneife ich ihn mir eher. Ein wenig spielt da wohl auch die konventionelle Lydia mit hinein, die nicht gerne unangenehm auffällt. Egal, an der Stelle muss ich nicht mit meinen konventionellen Persönlichkeitsanteilen um meine Identität als Lebenskünstlerin kämpfen.

Kurz und knapp

Ein Kriterium für Lebenskunst ist für mich, dass die Konventionen keine entscheidende Rolle für das Denken, Handeln und Tun spielen. Dieser Herausforderung möchte ich mich stellen. Machen Sie mit?


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Autor: Lydia Girndt

Lydia Girndt ist Diplom-Psychologin, Beraterin und Autorin. Ihre Leidenschaft ist die Persönlichkeitsentwicklung.

6 Gedanken zu „Lebenskunst ist unkonventionell“

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