Lebenskunst berührt

lebenskunst berührt

Lebenskunst – das bewusste Gestalten des eigenen Lebens nach seinen individuellen Einsichten und Werten. Was hat das mit anderen zu tun?

Ich durfte mich vor vielen Jahren einmal tänzerisch auf einer christlichen Konferenz ausdrücken. Gerd Voß hatte einen alten, ausdrucksstarken Choral neu arrangiert und ich habe auf der großen Bühne gezeigt, was der Text und die Melodie in mir auslösen. Meine Knie haben durch ihr Zittern ausgedrückt, dass mich das einige Überwindung gekostet hat. Über Ecken habe ich erfahren, was das bei einer Konferenzteilnehmerin ausgelöst hat: Sie habe sich nach Monaten der Trauer um ihren Mann befreit gefühlt, die Musik mit nach Hause genommen und selbst dazu getanzt. Ich wäre nicht ansatzweise auf die Idee gekommen, dass dieses Experiment einen solchen Effekt haben könnte.

Wer sein Leben bewusst gestaltet, gestaltet auch das Zusammenleben bewusst. Die Begegnungen mit anderen. Die Botschaften, die er sendet. Und die eigenen Reaktionen auf die Botschaften der anderen.

Lebenskunst wächst durch Begegnung

Wie kommen wir zu unseren Werten und Überzeugungen? Was formt unsere Einstellungen? Wie entdecken wir unsere Stärken? Wie kommen wir darauf, wie wir sie in unser Verhalten und Gestalten übersetzen können?

Unterschiedlich.

Manche entwickeln fast alles im direkten Austausch mit anderen. Der Psydiater C. G. Jung hat sie als extravertiert bezeichnet, nach außen gewandt. Andere sind eher introvertiert, nach innen gewandt. Sie durchdenken die Fragen für sich, sammeln damit Erfahrungen in Begegnungen und reflektieren dann wieder für sich. Sie lesen Sprüche, Erfahrungsberichte, Gedichte, die Bibel, die Philosophen. Auch indirekte Begegnungen sind Begegnungen.

Wir brauchen die Gedanken, Rückmeldungen und Reaktionen anderer, um uns und unsere Lebenskunst zu entwickeln. Klick um zu Tweeten

Wie es ein anderer so passend formuliert hat:

Am Du werden wir erst zum Ich. (Martin Buber)

Als Gerd Voß mich damals fragte, ob ich einen Ausdruckstanz bei einem Kongress machen würde, fand ich das ein bisschen albern. Ich wusste ja nicht einmal, was das ist! Und ich war auch damals schon zu alt, um noch professionelle Tänzerin zu werden. Schreiben war immer eher mein Metier. Da hat ein anderer etwas gesehen, worauf ich nicht gekommen wäre und hat seine musikalischen Fähigkeiten eingesetzt, damit etwas Gemeinsames entsteht, das andere berühren kann.

Auf unsere individuelle Art und Weise interpretieren wir, filtern wir, setzen wir neu zusammen, machen uns die Themen und Gedanken zu eigen. Jede von uns ist ein Unikat und jede von uns braucht die anderen, um ihr Profil weiter zu schärfen.

Lebenskunst drückt sich in Begegnung aus

Wenn Sie Ihre Gedanken ausschließlich in Ihr Tagebuch schreiben und es unter Verschluss halten, kann das für Sie sehr wertvoll und sinnvoll sein. Ich will Sie davon nicht abhalten. Kunst ist es (noch) nicht.

Erst wenn Sie Ihre Gedanken und Erkenntnisse ‚öffentlich‘ äußern, können Sie etwas bewegen, was über Sie hinaus geht. Mit ‚öffentlich‘ meine ich in diesem Fall auch das Vier-Augen-Gespräch. Vielleicht können Sie jemandem in einer schwierigen Trennungssituation besonders gut zuhören, weil Sie so etwas selbst schon durchlebt und verarbeitet haben. Ihre Gesprächspartnerin spürt: Die versteht mich, die kennt das und heute geht es ihr gut. Sie geht ermutigt aus dem Gespräch, es hat sie verändert. Es ist Lebenskunst.

In Neustadt am Rübenberge habe ich ein Singspiel erlebt, das mich umgehauen hat. Die Kantorin Birgit Pape hat es selbst geschrieben und mit den Kindern eingeübt. Eltern, Geschwister und andere Ehrenamtliche haben für Kostüme, Bühnenbild, Technik, Musikalische Begleitung, Verdunklung und Beleuchtung gesorgt. Dabei ist eine Gemeinschaftsproduktion entstanden, die mich und andere zutiefst berührt und total begeistert hat. Als Entwurf in Frau Papes Schublade hätte es das nicht geschafft.

Kunst drückt sich aus und schafft Verbindungen zu anderen. Wenigstens zu einigen anderen. Vielleicht haben Sie auch schon Kunstwerke gesehen, bei denen Sie den berüchtigten Satz dachten: Ist das Kunst oder kann das weg? In Ihnen bewegt solche Kunst nichts außer Kopfschütteln. Auch das ist typisch Kunst: Sie berührt und bewegt nicht alle. Bei anderen führt sie zu gar nichts oder gar zu Verärgerung. Deshalb brauchen wir ja Mut dafür.

Wie sollen andere aus der Begegnung mit Ihnen, mit Ihren Texten, Ihren Darbietungen oder Produkten herausgehen? Was möchten Sie auslösen? Und sind Sie bereit, die anderen entscheiden zu lassen, wovon und wie sie sich bewegen lassen?


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Autor: Lydia Girndt

Lydia Girndt ist Diplom-Psychologin, Beraterin und Autorin. Ihre Leidenschaft ist die Persönlichkeitsentwicklung.

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