Wie der Gedanke an den Tod die Lebenskunst fördert

Stellen Sie sich vor, sie wüssten genau, wann Sie sterben.

Vor kurzem habe ich mit Freunden den Film „Das brandneue Testament“ gesehen. Darin ist Gott ein gar nicht netter Kerl im abgewetzten Bademantel, der seine Familie und die Menschheit quält. Seine Tochter schleicht sich nachts an seinen Computer und tut das Unglaubliche: Sie gibt die Todesdaten der ganzen Menschheit bekannt. Jeder hat plötzlich einen Countdown auf dem Handy, der die verbleibende Lebenszeit anzeigt.

Danach begibt sich Gottes Tochter durch die Waschmaschine eines Waschsalons auf die Erde, um ein brandneues Testament mit sechs weiteren Aposteln zu verfassen. Die Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Kenntnis ihrer übrigen Lebenszeit. Aber es lässt keinen kalt. Alle überlegen sich, wie sie mehr oder weniger sinnvoll die restliche Zeit verbringen wollen.

Wieso?

Es hat sich gar nichts geändert. Die Lebenszeit bleibt, wie sie nun einmal bestimmt ist (bis Gottes Frau den Computerstecker zieht, um staubzusaugen). Geändert hat sich nur das Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit.

Warum es clever ist, an den Tod zu denken

Philosophen, Die Bibel und auch einige Romanautorinnen und -autoren empfehlen uns, dass wir uns die eigene Sterblichkeit klar machen. Wozu soll das gut sein?

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Die Bibel, Psalm 90, Vers 12)

Heißt das etwa, dass wir dümmer sind, wenn wir nicht an unsere Sterblichkeit denken? Die Gefahr besteht.

Seneca erhebt in seinem Schreiben „Von der Kürze des Lebens„* den Vorwurf:

„Ihr lebt, als würdet Ihr immer leben.“ (Seneca)

Auch er dachte also, dass das keine gute Idee ist. Dabei vermeiden wir doch den Gedanken an den Tod so gerne. Gerade habe ich „Ein Mann namens Ove„* von Fredrik Backman als Hörbuch gehört. Im Kapitel „Ein Mann namens Ove und der Tod“ heißt es:

„Der Tod ist eine sonderbare Angelegenheit. Die Menschen verbringen ihr ganzes Leben, als ob es ihn gar nicht gäbe. Und doch ist er meistens einer der wichtigsten Gründe, um überhaupt zu leben.“

Wie das? Wilhelm Schmid erläutert in seinem Buch Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst*, was der Gedanke an den Tod darin zu suchen hat:

„Der Gedanke an den Tod ist in einer reflektierten Lebenskunst gedacht als Ermutigung zum Leben, als Ansporn zum Auskosten der Fülle des Lebens.“ (W. Schmid)

Genau darum geht es. Denn was passiert, wenn wir so tun, als wären wir unsterblich? Wir verheddern uns im Alltag. Kleinigkeiten bekommen eine übermächtige Bedeutung, die sie sofort verlieren, wenn wir nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Wesentliches, Lebensträume und Herzensangelegenheiten verschieben wir auf irgendwann später, wenn wir Zeit dafür finden.

Wer den Tod nahe stehender Menschen erlebt hat oder gar für sich selbst schon mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert wurde, weiß, wie sehr das sofort sämtliche Prioritäten zurecht rückt. Als ich als Au pair in England war, verunglückte ein Ehepaar aus unserer dortigen Kirchengemeinde tödlich und hinterließ zwei Söhne im Grundschulalter. Ich sah einen der beiden wie paralysiert bei der Trauerfeier sitzen und konnte mich plötzlich überhaupt nicht mehr über kleine Widrigkeiten aufregen, die mir im Alltag begegneten. So lange, bis ich mich wieder komplett vom Alltag habe gefangen nehmen ließ.

„Vieles von dem, was im Alltag sich vordrängt und wichtig erscheint, wird zu einem Nichts angesichts des Todes.“ (W. Schmid)

Angesichts des Todes wird uns klar, worauf es ankommt. In diesem Sinne werden wir klüger, wenn wir bedenken, dass wir sterben müssen. Warum vermeiden wir diesen Gedanken dann so hartnäckig?

Warum es schwer fällt, an den Tod zu denken

Ich greife noch einmal auf mein Hörbuch* zurück. Im Kapitel „Ein Mann namens Ove und der Tod“ wird weiter ausgeführt:

„Wir fürchten den Tod, doch die eigentliche Angst vieler Menschen ist die, dass er jemand anderen trifft. Die größte Angst ist immer die, dass der Tod uns stehen lässt und wir einsam und allein zurückbleiben.“

Da ist etwas dran, denke ich. Auf jeden Fall bedeutet Tod Trennung und Abschied für den Sterbenden und für seine Angehörigen. Wir müssen loslassen und das kann schmerzhaft sein. Wir fürchten, den Schmerz nicht zu ertragen und lassen uns von unserer Angst dazu verleiten, so zu tun, als gebe es ihn gar nicht.

Die Gefahr: Wir existieren vor uns hin, statt unser Leben zu gestalten.

„Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange da gewesen.“ (Seneca)

Die Lebenszeit bewusst gebrauchen

Vor kurzem hörte ich einen Vortrag von René Borbonus. Er erzählte, er habe eine besondere Uhr. Der „Tikker“ zeigt einen Lebenszeit-Countdown an. Ganz so präzise wie im Film „Das brandneue Testament“ funktioniert das natürlich nicht. Die Uhr kann sich nur nach der Statistik richten. Sie berechnet die Lebenserwartung ihres Trägers und zählt von da an rückwärts. Vielleicht ist Ihnen das zu rabiat. Ich fand das Beispiel recht eindrücklich: Wenn er sich gerade richtig aufregen wolle, erzählte René Borbonus, sehe er auf diese Uhr und sage sich: „Och nö, keine Zeit.“

Wieder zitiere ich aus „Die Kürze des Lebens„*:

„Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis zum Ende gut verwendet würde.“ (Seneca)

  • Was trägt diese Sache dazu bei, dass ich stolz auf mein Leben sein kann?
  • Ist das wichtig, um beruhigt sterben zu können?

Ich finde es hilfreich, sich solche Fragen zu stellen. Natürlich gibt es eine Menge Dinge, die irgendwie erledigt werden sollten, obwohl sie nicht diese tiefgreifende Bedeutung haben. Wir müssen dann aber nicht so tun, als würde die Welt untergehen, wenn wir sie nicht schaffen. Wenn wir unsere Freunde nicht einladen, weil wir es nicht schaffen, perfekt aufzuräumen, sind wir nicht mehr beim Wesentlichen.

Da fällt mir noch einmal eine Geschichte aus der Bibel ein: Jesus besucht zwei Frauen, die beide Maria heißen. Eine von ihnen eilt geschäftig durchs Haus, ordnet schnell alles und versucht, das perfekte Dinner vorzubereiten. Die andere lässt den Haushalt Haushalt sein, setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Ich wäre lieber wie die Zweite.

Der eine Punkt ist für mich also, mich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der zweite Punkt ist, den gegenwärtigen Augenblick bewusst zu leben. Dabei hilft mir das Achtsamkeitstraining, das ich mit dem MBSR-Kurs begonnen habe*.

„Alles, was da kommen soll, liegt im Ungewissen. Jetzt, auf der Stelle, erfasse das Leben!“ (Seneca)

Wenn wir das nicht tun, ist das ziemlich dämlich, meint er:

„Was für eine Torheit, was für ein gedankenloses Übersehen der Sterblichkeit, auf das fünfzigste und sechzigste Jahr alle Heilspläne hinauszuschieben und es sich in den Kopf zu setzen, das Leben zu beginnen an dem Punkte, bis zu dem es nur wenige bringen.“ (Seneca)

Vielmehr sollten wir jeden Tag so verwenden, als ob es der letzte wäre, schlägt Seneca vor. Damit steht er wieder nicht alleine da. Marc Aurel bezieht das sogar auf jede einzelne Tat, die wir so tun sollen, als wäre es unsere letzte. Lassen Sie uns ruhig intensiver, hartnäckiger oder verrückter leben, so lange wir Zeit dazu haben.

Loslassen lernen, sterben lernen

„Übe dich täglich darin, das Leben mit Gleichmut verlassen zu können.“

So zitiert Wolfgang Schmid Seneca in Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst*. Wie soll das denn gehen?

Einerseits hilft es, wenn es wenig Ungeklärtes gibt. Wenn ich jemanden um Verzeihung bitten möchte, wenn es einen offenen Konflikt gibt, wenn es unabgeschlossene Projekte gibt, kann ich diese Dinge so klären, dass ich mit Leichtigkeit von der Bühne abtreten könnte. Selbst bei beruflichen Projekten kann ich eine Nachvollziehbarkeit sicherstellen, die es einem Stellvertreter oder Nachfolger leicht macht, sich hineinzustürzen. Und was habe ich davon? Mehr Gelassenheit!

Auch das Loslassen lässt sich üben. Dabei hilft, wie bei der Präsenz, die Achtsamkeitsmeditation. Darüber hinaus können wir im Kleinen anfangen und Dinge oder Personen weniger verbissen steuern. Je weniger wir andere zum Objekt unserer festen Vorstellung machen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie das Potenzial entfalten, das in ihnen steckt.

Wir können uns von Kisten im Keller oder auf dem Dachboden trennen und erleben, dass das Leben entspannter weiter läuft. Wir können Menschen zuhören, die andere Menschen verloren haben und es überstanden haben. Wir können trotz und mit all unserer Angst Menschen, die sterben, aufsuchen und ihnen einfach nahe sein. So können wir in der Begegnung mit ihnen reifen und dem Sterben gelassener begegnen.

Vor allem können wir uns in dem Gedanken üben, dass die Dinge um uns herum, uns maximal vorübergehend gehören, dass die Menschen um uns herum nicht immer da sein werden. Um so mehr sollten wir sie jetzt bewusst wahrnehmen und genießen. Sie sind nicht selbstverständlich.

Was ich mir wünsche

„Leben zu lernen, dazu gehört das ganze Leben, und, was du vielleicht noch wunderbarer finden wirst, sein Leben lang muss man sterben lernen.“ (Seneca)

Gut, dann ist es zu früh für ein endgültiges Fazit. Was ist mein vorläufiges Fazit?

  • Ich möchte mir meine Sterblichkeit bewusst machen, um zu erkennen, worauf es ankommt.
  • Ich möchte mit Blick auf meine Endlichkeit intensiver, hartnäckiger und verrückter leben.
  • Ich möchte mich mit dem Gedanken an den Tod nach und nach anfreunden und das Loslassen üben.
  • Ich möchte andere in Trauer und Tod nicht alleine lassen, auch wenn mir die Worte fehlen.

Was sind Ihre Gedanken dazu?

Breiten Sie Ihre Adler-Flügel aus!

Die Geschichte vom Adler im Hühnerhof

Die Geschichte vom Adler im Hühnerhof ist sehr bekannt. Hier ist sie für Sie zur Erinnerung in Liedform von Duo Camillo:


Ich habe den Eindruck, dass die Hühner in dieser Geschichte schlecht wegkommen. Um sie geht es nicht, das sehe ich ein. Trotzdem, der Bauer hält sie nicht zum Scherz …

Vom Wert erstklassiger Hühner

Es gibt überhaupt keinen Grund auf Hühner herabzusehen. Ich habe lange Zeit keine Eier vertragen und weiß, dass man auch ohne sie zurecht kommt. Aber es ist schön, wenn man das nicht muss. Hühner haben einen ganz praktischen Nutzen für uns. Sie liefern uns Eier oder sie brüten sie aus und sorgen für mehr Hühner. Selbst wer Hühner nicht wegen ihres Nutzens mag, kann sie als schöne oder besondere Tiere genießen.

Adler können wir als majästetische Tiere der Lüfte bewundern – wenn sie da sind, wo sie hingehören …

Adler: Maximal zweitklassige Hühner

Vögel die so tun, als wären sie ein Huhn, sind einfach albern. Auch und gerade, wenn es sich um Adler handelt. Klick um zu Tweeten Der Adler in unserer Geschichte kann nicht einmal etwas dafür. Er kennt es nicht anders. Er ist unter Hühnern groß geworden und ahmt sie nach. Nur: Die Nachahmung macht ihn nicht zum Huhn, da kann er picken, wie er will. Als Huhn ist er zweitklassig, wenn überhaupt. Er hat dort einfach nicht zu suchen, im Hühnerhof. Wir können ihm nur wünschen, dass er sich für seine Unfähigkeit, ein erstklassiges Huhn zu sein, wenigstens nicht schämen kann.

Kenne wir das nicht selbst? Versuchen wir nicht oft, den vermeintlich unumstößlichen Normen zu entsprechen? Die ‚richtige‘ Figur zu haben, die ‚richtige‘ Kleidung‘, das ‚richtige‘ Auftreten? Wie schnell glauben wir, als ganze Person nicht gut zu sein, wenn wir diesen Normen nicht entsprechen?

Wenn wir der Norm nicht entsprechen, könnte es auch sein, dass die Norm nicht uns entspricht. Klick um zu Tweeten Vielleicht sind wir im falschen Lebensraum unterwegs und jagen Idealen hinterher, die für uns alles andere als ideal sind. Und statt uns zu entfalten, machen wir uns klein und fühlen uns schlecht.

Die Flügel ausbreiten

In der Geschichte vom Adler ist es ein Fremder, der dem Vogel zeigt, wo er hin gehört. Der glaubt das erst nach mehrerern Anläufen. Manchmal brauchen wir andere Menschen, die uns sagen, was sie in uns sehen.

Wenn Sie sich zweitklassig fühlen, prüfen Sie doch einmal, ob Sie sich im passenden Lebensraum bewegen. Sind Sie am falschen Ort? Oder haben Sie vielleicht nur vergessen, Ihre Flügel auszubreiten? Oder machen Sie sich Sorgen, was die Hühner und der Bauer denken? Der Adler braucht mehrere Anläufe, bis er sich nicht mehr nach den Hühnern umsieht. Haben Sie ruhig etwas Geduld mit sich und probieren Sie sich aus.

Wann haben Sie den Eindruck „Jetzt bin ich in meinem Element“? Dann breiten Sie Ihre Flügel aus!