Zum Glück ein Buch

„Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären das Glück. Würden Sie dann gerne bei sich vorbeikommen?“

Das fragt Eckart von Hirschhausen die Leserinnen und Leser von Glück kommt selten allein* einleitend – gleich nach seinen zwei Vorworten für Optimisten und Pessimisten. Wenn Eckart von Hirschhausen Fakten witzig verpacken darf, ist er in seinem Element wie der Pinguin im Wasser. In diesem Fall beleuchtet er auf seine besonders vergnügliche Art Fakten darüber, was uns glücklich macht und was nicht. Ich habe viel Spaß beim Lesen gehabt und empfehle es meinen Leserinnen und Lesern unbedingt weiter.

Nur: Wie kann ich ein solches Buch angemessen vorstellen? Vielleicht so: Ich füttere Sie nur an, und den Rest – das Lesen, Lachen und ins Leben übertragen – können Sie selbst erledigen.

Wenn das Glück selten allein kommt, womit kommt es dann? Das verrät der Autor in fünf bis sechs Kapiteln. Als Appetithäppchen zitiere ich Ihnen aus jedem dieser Kapitel etwas Eindrückliches …

Kapitel 0: Glück kommt mit Missverständnissen

Kapitel Null? Ja, genau. Hier geht es noch nicht darum, was uns wirklich glücklich macht, sondern um die irrealen Vorstellungen darüber, was uns glücklich machen würde.

Mein Appetithappen für Sie kommt aus dem Abschnitt Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an und lautet:

„Wir sind das, was wir oft denken und tun! Ich sage es deshalb, weil wir uns meistens für jemand ganz anderes halten. Warum können so viele Menschen über Stunden praktisch regungslos auf dem Sofa hocken? Die Antwort: weil sie es geübt haben! Oft. Viele Abende lang. Unter Verzicht auf viele andere Dinge, die sie jetzt nicht mehr so gut können wie Sofahocken. Aber das läuft super.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 64)

Und ich dachte immer, ich sei ein Naturtalent im Sofahocken!

Kapitel 1: Glück kommt mit anderen

Das ist etwas, was auch die persönlichen Geschichten meiner Protagonisten in 827 Jahre Lebenskunst* mir deutlich gezeigt haben. Das Beisammensein mit anderen macht glücklich – bis auf einige Ausnahmen.

Im Abschnitt Rote Kringel und Bekanntenkreise drückt der Autor das so aus:

„Es gibt Naturtalente, die verbreiten gute Laune, egal wo sie hinkommen. Und es gibt andere Naturtalente, die verbreiten gute Laune, egal wo sie weggehen.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 127)

Kapitel 2: Glück kommt mit dem Zufall

Haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der abergläubisch ist? Bestimmt. Sind Sie es selbst? Bestimmt nicht. Oder? Die Zusammenhänge, die wir uns in unserem Kopf zusammendichten, halten wir selbst schließlich für real.

Von dem, was wir erleben, ist mehr Zufall als wir denken. Eckart von Hirschhausen fragt zur Veranschaulichung, ob uns schon einmal eine Taube mit ihrem Darminhalt getroffen habe und erklärt etwas später:

„Wir unterstellen der Taube und der ganzen Welt eine böse Absicht. Dabei ist weder die Taube noch die Welt grundsätzlich gut – oder bösartig. Der Darminhalt der Taube und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser uns trifft, folgen einfach dem natürlichen Lauf der Dinge. Tauben haben ein Spatzenhirn und zielen nicht beim Entleeren.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 140)

Das mit dem Zufall könnte eine traurige Erkenntnis sein, wenn man dem glücklichen Zufall nicht auf die Sprünge helfen könnte. Deshalb gibt der Autor kurz darauf Glückstipps für den Umgang mit dem Zufall, aber die verrate ich hier nicht.

Kapitel 3: Glück kommt mit dem Genuss

Genuss? Dafür haben wir doch gar keine Zeit. Schließlich müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir zukünftig erreichen wollen, und dieses zukünftige Etwas macht uns dann hoffentlich glücklich. Echt? Natürlich nicht. Hier mein Appetithappen aus dem dritten Kapitel:

„Jeder Tag besteht aus genug Plankton, um satt und glücklich zu werden. Vielen kleinen Momenten, die wir nicht besonders beachtenswert finden, weil wir auf das große Glück warten, das wir verpassen könnten, wenn wir uns mit dem kleinen bereits zufriedengeben.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 229)

Übrigens lässt sich der Genuss mit Achtsamkeitsmeditation trainieren, wie ich es im MBSR-Training feststellen durfte*.

Kapitel 4: Glück kommt mit dem Tun

Im ersten Abschnitt dieses Kapitels, Alles im Fluss, direkt neben einem Bild urinierender Männer, die wir dankenswerterweise nur von hinten sehen, schreibt Eckart von Hirschhausen über den Flow. Gemeint ist das selbstvergessene Aufgehen in einer Tätigkeit, bei der man gar nicht merkt, wie glücklich man ist, weil man nicht darüber nachdenkt.

Worüber ich in dem Zusammenhang auch noch nicht nachgedacht hatte:

„Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen ehrgeizig und zielgerichtet. Dem Ehrgeizigen geht es darum, über andere zu siegen, dem Zielgerichteten reicht es, wenn er seinen eigenen inneren Schweinehund besiegt und sein Bestes gibt. Der Ehrgeizige will besser sein als andere. Der Zielgerichtete will sein Bestes für sich und andere […]“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 251)

Kapitel 5: Glück kommt vom Lassen

Was denn jetzt – vom Tun oder vom Lassen? Die Kunst ist, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen, zum Beispiel das Selbstzerstörerische. Mir gefällt der Abschnitt Mach dich nicht fertig besonders gut. Herrlich prägnant erklärt uns der Autor, dass und warum wir uns oft für ungenügend halten, auch wenn wir es nicht laut sagen.

Weil ich es so gut finde, komme ich hier mit nur einem Zitat nicht aus …

„Wir neigen dazu, uns Dinge von innen an den Kopf zu werfen, die wir niemandem von außen durchgehen lassen würden.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 308)

Und warum machen wir so etwas?

„Wir halten uns vor allem deshalb für schlechter als die anderen, weil wir von uns selbst mehr wissen als von den anderen!“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 308)

Von uns selbst bekommen wir alles Blödsinnige, Unanständige und Unsichere mit, was in uns vorgeht. Von den anderen nicht – und das ist gut so. Aber es ist auch gut, zu wissen, dass es in denen nicht besser aussieht.

Wenn wir akzeptieren, dass wir mit unseren Macken und Ängsten normal sind, können wir uns viele Selbstvorwürfe sparen und dankbar sein, dass wir von den anderen nicht auch noch den ganzen Müll mitbekommen.

Fazit

Selber lesen macht noch glücklicher!


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Pulse of Europe – Aktiv werden statt zuzusehen

Nur noch zwei Tage bis zum Jubiläum! Am 25.3.2017 ist es 60 Jahre her, dass Belgien, die Niederlande, Luxemburg, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien die ‚Römischen Verträge‚ gezeichnet haben.

Hat mich das interessiert? Sehr lange sehr wenig. Für mich war das friedliche Zusammenleben mit den europäischen Nachbarn und die wachsenden Freiheiten nur theoretisch etwas Besonderes. Verneint hätte ich es nicht, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Aber Begeisterung? Faszination?

Schritte aus der Ignoranz

Und dann wurden seltsame Stimmen laut, in Deutschland und drumherum. Stimmen, die behaupteten,

  • Solidarität hätten wir nicht nötig,
  • Abschottung sei ein sinnvolles politisches Konzept,
  • die Rückkehr zu Nationalismen sei eine ernst zu nehmende Alternative.

Wie bitte? Hatten die alle keine Omas und Opas mit Kriegserfahrung? Hatten die noch weniger im Geschichtsunterricht mitbekommen als ich? Man müsste was tun, dachte ich, und trat der Europa-Union Deutschland (EUD) bei – einer überparteilichen Bürgerinitiative, die noch älter ist als die Römischen Verträge.

Schnell begriff ich: Die Kritik an der EU ist – zum Teil – sehr berechtigt. Sie muss dringend umgestaltet werden. Die Stimmen, die rückwärtsgewandte Konzepte anpreisen, sammeln die Stimmen derjenigen ein, die frustriert sind und das Vertrauen in Europa verloren haben.

Ich begriff: Der Frieden in Europa, mit dem ich aufgewachsen bin, ist keineswegs selbstverständlich, sondern intensiv erarbeitet, errungen. Und er bedarf weiterer intensiver Arbeit, wenn wir ihn erhalten wollen.

Pulse of Europe – Eine Initiative aus Frankfurt

Es musste doch noch viel mehr Menschen wie mich geben, dachte und sagte ich. Menschen, die lange Zeit angenommen haben, um Europa würden sich schon andere kümmern – andere, die mehr Ahnung und mehr Zeit haben. Menschen, die jetzt etwas tun wollen, wenigstens ihre Stimme erheben wollen, um deutlich zu machen: Wir wollen die Europäische Union! An manchen Stellen anders als bisher und vielleicht haben wir im Detail unterschiedliche Vorstellungen, aber unsere Stimmen bekommen die, die um europafreundliche Lösungen ringen.

Natürlich gibt es diese Menschen und immer mehr schließen sich ihnen an. Nach dem Brexit und den Ergebnissen der Präsidentschaftswahl in den USA hat ein Paar in Frankfurt im November 2016 PulseOfEurope gegründet – im Gegensatz zur EUD eine ganz junge Initiative, aber ebenso überparteilich und voller frischer Dynamik.

Stand heute sind auf der PulseOfEurope-Homepage 65 Städte gelistet, in denen sonntags um 14 Uhr (in Frankreich um 15 Uhr) Menschen für Europa auf die Straße gehen. Sie gehören unterschiedlichen oder gar keinen Parteien und Konfessionen an und haben doch gemeinsame Überzeugungen, die die Frankfurter Initiatoren in 10 Grundaussagen formuliert (und hier ausgeführt) haben:

  1. Europa darf nicht scheitern
  2. Der Frieden steht auf dem Spiel
  3. Wir sind verantwortlich
  4. Aufstehen und wählen gehen
  5. Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit sind unantastbar
  6. Die europäischen Grundfreiheiten sind nicht verhandelbar
  7. Reformen sind notwenig
  8. Misstrauen ernst nehmen
  9. Vielfalt und Gemeinsames
    (… sind kein Widerspruch)
  10. Alle können mitmachen – und sollen es auch

Alle wollen mitmachen – Vorbereitungsdynamik in Oldenburg

Schafft auch das verhältnismäßig kleine Oldenburg, eine PulseOfEurope-Veranstaltung auf die Beine zu stellen? Von mehreren Seiten war Peter Meiwald, Vorsitzender der Europäischen Föderalisten Oldenburg e.V., darauf angesprochen worden. Zum (vermeintlich) ersten Vorbereitungstreffen kamen 10 Personen, die nur zum Teil Mitglied im Verein sind, und im Hintergrund standen noch einige parat, die nur den Termin nicht einrichten konnten. ‚Tolles Engagement!‘, dachten wir da schon. Innerhalb kürzester Zeit wollten wir die erste Veranstaltung am 26.3.17 vorbereiten. Dazu gehörte natürlich auch die Anmeldung bei der Stadt. Und welche Information kam von dort zurück? Eine solche Veranstaltung war bereits für den 26.3.17 angemeldet worden. Das Engagement ist noch größer und vielseitiger als wir nach unserem Treffen gedacht hatten. Schnell fanden sich die beiden Gruppen zusammen und wir konnten unkompliziert auf den schon fahrenden Zug aufspringen.

Es ist die Aktion engagierter BürgerInnen in und um Oldenburg, und alle, die die oben gelisteten PulseOfEurope-Statements unterstützen möchten, sind dazu herzlich eingeladen – in Oldenburg und den anderen 64 Städten.  Das heißt: Auch wenn Vereinigungen und Verbände (hoffentlich) ihre Verteiler zur Einladung nutzen, kommen alle als Privatpersonen, als europäische Bürger, die gemeinsam für Europa eintreten möchten. Download Flyer

Was hat das alles mit Lebenskunst zu tun? Ganz klar: Da haben ein paar Frankfurter Personen den Mut gehabt, ihre Überzeugungen auf ihre eigene Art öffentlich zu machen, damit viele Menschen berührt und eine ganze Bewegung losgetreten.


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Wie wir durch Zeit für andere Zeit für uns gewinnen

Hilfsbereitschaft, das zeigt sich immer wieder, macht den Helfenden fröhlich. Was uns trotzdem davon abhalten kann, ist dieser schreckliche Zeitmangel. Irgendwann braucht man schließlich auch mal Zeit für sich. Vielleicht für seine ganz eigenen Lebenskunst-Projekte.

Deal: Mehr Kümmern, mehr Lebenszeit

Wie wäre es, wenn wir einfach ein paar Jahre dazu bekommen würden, damit wir genügend Zeit haben? Das scheint, zumindest statistisch, drin zu sein. Wer sich kümmert, lebt länger. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung beschreibt die Ergebnisse einer Studie, bei der für andere Engagierte durchschnittlich fünf Jahre länger lebten als nicht für andere Engagierte. Die Forscher vermuteten, dass moderates Engagement wohl das beste sei, denn wenn es wieder in Stress ausarte, könne es kaum lebensverlängernd wirken.

Fünf Jahre mehr für moderates, regelmäßiges Kümmern um andere? Dann bliebe ja doch genug Zeit für mich. Ich hätte mehr Spaß, weil Hilfsbereitschaft glücklich macht, mehr Zeit und würde einen Beitrag leisten. Nicht schlecht, oder? Es kann natürlich sein, dass gerade mein Leben sich irgendwo am statistischen Rand abspielt. Dann lebe ich dadurch vielleicht nur zwei Wochen länger oder auf der anderen Seite vielleicht sogar sechs Jahre. Falls ich nicht zwischendurch überfahren werde, aus dem Fenster falle oder Ähnliches. Es wäre also Quatsch, einen Automatismus abzuleiten. Den gibt es nicht. Trotzdem gibt es diese interessante Tendenz, dass man zu Freude und Nützlichkeit auch noch Zeit bekommt.

Ich fantasiere einmal ganz unwissenschaftlich, was daran gesund sein könnte: Während ich mich kümmere, kann ich weniger grübeln. Das ist für die psychische Gesundheit schon einmal ganz gut. Außerdem muss ich möglicherweise Körper und Köpfchen einsetzen und fördere meine Beweglichkeit. Schließlich ist dieses Nützlichkeitsgefühl so herrlich, dass sicher ein paar fröhliche Hormone durch den Körper geschickt werden und mich emotional fit halten.

Kümmern 2017+

Wie wäre es, wenn wir ab 2017 alle ein bisschen mehr von unseren Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen für andere einsetzten? Es dürfte die Kriterien für Lebenskunst erfüllen: Jeder kann seine individuellen Möglichkeiten, seine besondere Art einbringen. Es kann auf Undankbarkeit stoßen und nichts bringen, birgt also ein gewisses Risiko, und es hat hohes Potenzial, andere zu berühren.

Unter meinen Gesprächspartnern für das Buch „827 Jahre Lebenskunst“* waren auffällig viele Kümmerer. Mit 80+ stehen sie Enkeln beratend zur Seite, besuchen kranke Freunde und bringen traurige Bekannte zum Lachen.

Überlegen Sie mit: Wer braucht Sie? Zum Beispiel:

  • Ihre Koch-Künste
  • Ihre Zuhör-Künste
  • Ihre mitreißenden Erzählungen
  • Ihren klugen Rat
  • Ihre Hilfe beim Einkauf
  • Ihr handwerkliches Geschick
  • Ihren Gesang
  • Ihre Geduld
  • Ihre Zeit auf dem Spielplatz
  • Ihre Fachkenntnisse
  • Ihre herzliche Umarmung
  • Ihren Humor
  • Ihre Zuversicht

Vieles, was wir geben können, kostet „nur“ Zeit. Es könnte passieren, dass wir mehr davon zurückbekommen!


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Gewohnheiten für ein erfülltes Leben

„Der, dem Lebenskunst zugeschrieben werden kann, zeichnet sich dadurch aus, dass er ein erfülltes Leben führt“, behauptet Wilhelm Schmid in seinem Buch Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst* (S.33). Das würden die meisten von uns wohl gerne umsetzen, wenn sie wüssten wie.

Eine erste Antwort liefert uns der Autor freundlicherweise kurz danach: „Eine Technik der nachhaltigen Einübung und bewussten Ausübung von Lebenskunst ist die Gewohnheit“, schreibt er* auf  Seite 34.

Wie Gewohnheiten Sie charakterisieren

Gewohnheiten prägen unser Verhalten. Es wäre viel zu energieraubend, über jeden Handgriff und jeden Gedankengang erst einmal nachdenken und entscheiden zu müssen. Welchen Schuh wir zuerst anziehen, wie wir den Nachbarn grüßen, wie wir an Schwierigkeiten herangehen – alles Gewohnheit. Eindrücklich erklärt das Charles Duhigg in Die Macht der Gewohnheit: Wir folgen unseren Gewohnheitsschleifen aus

  • Auslösereiz (Es ist 20 Uhr)
  • Routine (Fernseher an, Chipstüte auf)
  • Belohnung (Gefühl von Gemütlichkeit und Entspannung)

Nach Lebenskunst klingt das nun gerade nicht, oder?

Das „finale Argument“ für Lebenskunst sei der Tod, erklärt Wilhelm Schmid* dem Leser: Weil wir uns darüber im Klaren sind, dass dieses Leben begrenzt ist, sind wir motiviert, es wirklich zu leben, statt es nur so dahingehen zu lassen. Wie kann er da gerade Gewohnheiten als gute Technik empfehlen?

Die Auflösung: Schmid meint nicht irgendwelche Gewohnheiten, sondern autonome Gewohnheiten. Das sind die, die ich bewusst auswähle und einübe. Die autonomen Gewohnheiten charakterisieren Sie, weil Sie sie nicht automatisch von anderen übernommen haben, sondern ausgewählt haben. Es geht darum, dass Sie Gewohnheiten auswählen und einüben, die   ein erfülltes Leben fördern.

Drei Eimer für ein erfülltes Leben

Es gibt verschiedenste Kategorisierungen dafür, welche Bestandteile zu einem erfüllten Leben gehören, zum Beispiel aus der Philosophie, von den großen Religionen und seit bald zwei Jahrzehnten auch von der Positiven Psychologie.

Ich greife heute das Modell von Jonathan Fields auf, weil mir sein Bild von den drei Eimern so gut gefällt. Er beschreibt es in seinem Buch How to Live a Good Life und bezieht sich auf Erkenntnisse der Positiven Psychologie. Mich haben die Betreiber von fizzle.co in ihrem Podcast darauf aufmerksam gemacht, aber ich werde es noch selbst lesen, ehrlich – und es hier vorstellen, wenn es so praktikabel ist, wie es der Autor verspricht. Seine drei Eimer tragen die Etiketten:

  • Contribution: seinen Beitrag leisten
  • Connection: verbunden sein
  • Vitality: Vitalität / Lebenskraft

Diese drei Eimer sollten wir gut füllen, wenn wir ein erfülltes Leben wollen, behauptet Fields. Allerdings haben sie alle drei ein Leck. Wenn wir uns um einen zu wenig kümmern, herrscht darin bald Ebbe. Im Interview auf fizzle.co schlägt er vor, morgens zu prüfen, wie voll die jeweiligen Eimer auf einer Skala von 1 bis 10 sind und entsprechend aktiv zu werden. Sein Buch* soll überwiegend Anregungen dazu geben, welche Aktivitäten das sein können. Die Übungen kann ich noch nicht beurteilen, das kommt noch.

Schmeißen Sie doch einmal die Erkenntnisse über die Bedeutung der Gewohnheiten und über die drei Eimer zusammen: Wenn Sie für jeden Eimer gute Gewohnheiten haben, schrumpft die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo plötzlich Ebbe ist. Soweit Sie es beeinflussen können. Es kann Sie trotzdem eine Grippe erwischen, bei der Sie sich nicht sehr vital fühlen, besser zu wenigen Leuten Kontakt haben und auf ihren Beitrag auch erst einmal verzichten. Nur: Wenn Sie sich um Ihre Gesundheit kümmern, sinkt eben die Wahrscheinlichkeit dafür, weil das Immunsystem mehr Kraft hat als vorher.

Eimer-Gewohnheiten

Ich fordere Sie heraus, Gewohnheiten zu finden, die die drei Eimer füllen.

Wo leisten Sie einen Beitrag (Contribution)? Das kann zum Beispiel im Beruf sein, im Ehrenamt oder in der Familie. Was könnten Sie sich angewöhnen, um „automatisch“ Ihre Stärken oder Ihr Vermögen in einem dieser Felder einzubringen?

Mit wem möchten Sie verbunden sein (Connection)? Wer sind wichtige Menschen in ihrem Leben? Oder zu welchen Menschen hätten Sie gerne mehr Kontakt? Hier kann es sich ebenfalls um Freunde, Familienmitglieder oder auch um Gleichgesinnte aus der Kirchengemeinde, einem Verein oder einer Bürgerinitiative  handeln. Darüber hinaus ist auch die spirituelle Beziehung zu Gott hier einzuordnen, wenn das für Sie von Bedeutung ist. Was können Sie sich angewöhnen, um mit diesen Menschen / Gott regelmäßig Kontakt zu pflegen, damit Sie sich nicht immer wieder dazu aufraffen müssen?

Für mein Buch „827 Jahre Lebenserfahrung“ habe ich zehn lebensbejahende Menschen gesprochen, die mindestens 80 Jahre alt war. Das mit der Verbundenheit hatten sie alle drauf und oft mit klaren Gewohnheiten verbunden: Manche fahren einmal im Jahr für ein verlängertes Wochenende mit drei Freundinnen weg, seit Jahren oder Jahrzehnten. Manche telefonieren einmal wöchentlich zur gleichen Uhrzeit mit einem guten Freund.

Bleibt der Vitality-Eimer. Was können Sie sich angewöhnen, um vital zu bleiben? Dreimal in der Woche zu joggen, ist zwar super für das Immunsystem, aber Sie dürfen auch damit anfangen, die Treppe immer dem Aufzug vorzuziehen. Körper und Psyche sind so unauflösbar miteinander verknüpft, dass jede Aktivität auch dem jeweils anderen nützt oder schadet. Welche Nährstoffe wollen Sie Ihrem Körper täglich zuführen? Welche Eindrücke auf Ihre Psyche einströmen lassen?

Jede dieser drei Kategorien birgt viele mögliche Unterkategorien. Die Möglichkeiten sind also vielfältig und die Versuchung wahrscheinlich groß, sich gleich wieder auf den Lieblings-Eimer zu stürzen. Deshalb: Wählen Sie eine kleine Gewohnheit pro Eimer. Viel Spaß!


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Inspiriert von Sven Langenkamp

Sven Langenkamp ist 34 Jahre alt und lebt gleich neben meinen Eltern in einem idyllischen Dorf ohne nennenswerte Infrastruktur. Eigentlich kann dort nur arbeiten, wer Landwirt oder Förster ist. Es sei denn, man hat eine besondere Idee …

Vergangenen Sonntag haben wir Sven Langenkamp in seiner Handwerksbuchbinderei besucht und ich war in vielfacher Hinsicht  begeistert:

  • Ich habe meinen ehemaligen Nachbarn kaum wiedererkannt.
  • Er hat sich eine sehr stilvolle, aufgeräumte und freundliche Werkstatt geschaffen.
  • Man kann an einem Buch ALLES selber machen, wenn man es kann.
  • Wenn man das kann, ist jedes Format in höchster Qualität möglich.
  • Durch die unterschiedlichen Materialien, Prägungen und Größen, ist die Auswahl schier endlos.
  • Diese Bücher fühlen sich einfach gut an.

Ein Mensch in seinem Element

Buchbinderei Langenkamp

In den letzten Jahren habe ich Sven Langenkamp vielleicht dreimal bei besonderen Geburtstagen oder Jubiläen meiner Eltern getroffen. In meinem Hinterkopf war er als sehr stiller, zurückhaltender Mensch abgespeichert. Als wir am Sonntag bei ihm klingelten, wirkte er entspannt und offen und nahm uns mit zu seinem Werkstatteingang.

Gleich hinter der Eingangstür steht ein Regal mit Notiz- und Gästebüchern unterschiedlichster Größe. Sogar kleine Schlüsselanhänger-Notizbücher in unterschiedlichsten Farben sind dort zu finden.

Buchauswahl BuchbindereiOben führt Sven uns vorbei an einer kleinen Küche in seine Werkstatt. Gemeinsam mit seinem Vater hat er den ehemaligen Dachboden in sein persönliches Arbeitsparadies verwandelt.  Durch große Dachfenster strömt Tageslicht herein, das durch das Orange-Gelb der hinteren Wand selbst an diesem grauen Oktobertag freundlich wirkt. Rechts neben der Tür steht auf einem Schreibtisch ein antikes Telefon neben einem Mac, links der Tür ein altes, liebevoll gepolstertes Sofa, auf dessen Rückenlehne es sich der Kater gemütlich macht. Auf mehreren Arbeitstischen sind Pressen, Schneidemaschinen und mir unbekannte Gerätschaften angeordnet. In einer Ecke liegen riesige Papierbögen, in einer anderen ein Ledervorrat. An den Wänden hängen alte Fotografien.

Wir sind in einer anderen Welt, die Sven sich geschmackvoll und genau nach seinen Vorstellungen gestaltet hat. Er lächelt, erzählt und erklärt, während wir aus dem Staunen nicht herauskommen.

Flotter Zuschnitt für die  Buchdecke

Die Hauptbestandteile eines Buches sind der Buchblock und die Buchdecke. Beides erstellt Sven aus den Rohmaterialien selbst nach eigenen Ideen und/oder Kundenwünschen.

„So eine Buchdecke können wir mal eben machen“, sagt er. „Auf welche Farbe hättet Ihr denn mal Lust?“

Wir stehen neben dem Lederstapel und mir gefällt gleich das oberste ganz ausgezeichnet, ein Vintage-Leder. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, ob Sven auch noch das Jagen selbst übernimmt. Nein, das habe er sich abgewöhnt. Das Leder bestellt er zum Teil online, zum Teil bezieht er es von einem lokalen Schuster, der auch noch alles per Hand fertigt und zum Teil von einem großen süddeutschen Händler.

„Das ist ökologisch gegerbt und von glücklichen süddeutschen Kühen“, betont Sven. „Man weiß, wo es herkommt. Da lege ich auch Wert drauf, dass das nicht die heilige Kuh aus Indien ist, die da zum Buch verarbeitet wird.“

Für Individualmaße müsste der Buchbinder erst einmal den Lederbedarf berechnen. Wir nehmen ein Standardmaß, für das er sich eine Schablone gefertigt hat, die er auf einen schönen Ausschnitt unseres Lederstücks legt. Mit dem Rollschneider fährt er daran entlang und das Grobmaß ist fertig. Mit der kleineren der großen Papierschneidemaschine schneidet er das Stück auf Feinmaß zurecht, zuerst genau einen rechten Winkel und dann, mit einem prüfenden Blick auf seine Maßtabelle, die übrigen Kanten. Die Maße hat er sich farblich hinterlegt ausgedruckt und auf die Tischecke geklebt. Er muss nichts suchen und schneidet flott und exakt das Leder zu.

„Das macht man schon ein paarmal am Tag“, erklärt Sven.

Der Weg zum Traumberuf

Während Sven die Maße noch einmal überprüft, frage ich, wie er darauf gekommen ist, so etwas zu machen.

Das käme daher, dass er auch selber schreibe, erklärt er – Fantasy-Geschichten. Es sei ihm doch zu blöde gewesen, diese ganzen losen Blätter für die Korrektur herumfliegen zu haben. „Und ich stehe halt auf so alte Bücher“, sagt er. Doch zunächst wollte er die losen Blätter in den Griff bekommen und kaufte sich ein Lumbecken, mit dem man Klebebindungen machen kann.

Lumbecken

Sven holt ein hölzernes Gerät hervor, das Lumbecken, und stößt einen Stapel Papier zurecht, damit ich verstehe, wovon er spricht. Er klemmt den Stapel ins Becken, klappt die Bügel hoch, spannt das Ganze. Um mehr Fläche zu haben, knickt man den Stapel erst zu einer Seite, leimt den Rücken, und wiederholt das dann mit Knick zur anderen Seite.

„Dann wir das Ding zugeklappt und dann zusammengepresst“, sagt Sven. „Dann hast du eine Klebebindung. So habe ich mal angefangen.“

Ungefähr 2010 habe das begonnen. Sven kaufte sich daraufhin erste Bücher übers Buchbinden, schaffte sich Materialien an und gab zunächst den eigenen Werken  ein schönes Äußeres. Als er einer Bekannten davon erzählte, schlug sie vor, das auch anderen anzubieten.

„Und dann habe ich einfach angefangen und dann hat sich das so weiterentwickelt und jetzt stehe ich hier“, fasst er einen langen Weg knapp zusammen.

Abnehmer fand er vor allem online über eine Künstler-Community, bei der er Bilder postete. Inzwischen hat er den eigenen Online-Shop, doch den Weg dorthin finden noch immer Viele über die Community.

Nun wird es erst einmal Zeit, sich weiter um die Buchdecke zu kümmern.

Leder schärfen

Die Ränder unseres Lederstücks sollen sich später elegant um die Spezialpappen für Vorderteil und Rückenteil klappen lassen. Dazu dünnt Sven sie erst einmal aus.

Buchbinderei Schärf Fix

Mit einem Reststück geht er zum Lederschärfer, dem Schärf-Fix, den er hinten am Arbeitstisch befestigt hat. Die Klinge darin pellt das Leder ab, während man es durchzieht. Da Sven es auslaufend abgepellt haben möchte, muss er zunächst die richtige Winkeleinstellung für dieses Leder herausfinden.

Auch hier geht es nicht ohne Erfahrung. Zu Anfang habe er immer Löcher damit ins Leder gemacht, erzählt Sven. Es sei ziemlich fummelig. Bevor er ans eigentliche Schärfen geht, wechselt er die Klinge, denn er braucht sie in voller Schärfe. Was mich überrascht: Während des Bearbeitens tauscht er noch einmal die Klinge aus. Spezialklingen für ein Spezialgerät seien zwar auch spezialteuer, aber das nütze nichts, erklärt er. Bei dickem Sattelleder seien sie schon nach einer Linie stumpf.

Die Buchdecke zusammensetzen

Weitere Vorarbeiten hat Sven für dieses Buchmaß schon erledigt. Sonst müsste er jetzt die riesigen Pappen, die am Tisch lehnen, auf der größeren Schneidemaschine zurechtschneiden. Die Pappe für Vorder- und Rückseite hat eine Schaumstoffpolsterung, die noch einmal mit Papier überklebt ist. Das ergibt die schöne weiche Haptik bei Lederbüchern. Den dünneren Pappstreifen für den Buchrücken schneidet Sven noch auf die richtige Länge zurecht. Und weil es bei Lederbücher schöner ist, rundet Sven die äußeren Ecken von Deckel und Rücken noch mit je drei geübten Schnitten ab.

Abstandhalter BuchdeckeNach Lehrbuch müsste er nun das Außenmaterial einleimen, aber wieder schlägt Erfahrung die Theorie: Bei Leder, zumal bei dünnem, flexiblem, nervt das. Sven schmiert den Leim auf die Pappen, bevor er sie aufpresst. Eine kleine Messingleiste dient als Abstandshalter zwischen den Pappen. Diese Zwischenräume sind die Scharniere, an denen wir später das Buch auf- und zuklappen.

Ecken-Otto im Einsatz

Sven Langenkamp Buchbinder

Bevor er die Lederränder um die Pappen schlägt, schneidet Sven die Ecken im 45°-Winkel zurecht. Normalerweise, sagt er, könnte man nun alle Ränder einleimen und – zack, zack, zack – umklappen. Aber ich habe nun einmal ein flexibles Leder ausgesucht, das sich beim Schärfen stark gewellt hat. Deshalb geht er Rand für Rand vor, klappt jeden mit einem untergelegten Stück Papier um und zuppelt alles zurecht.

„Und was kommt jetzt?“, fragt er seinen Vater.

„Der Ecken-Otto!“, antwortet der richtig.

Ecken-Otto Buchbinderei„Damit ich hier so schöne runde Ecken bekomme, wird das Leder jetzt so ein bisschen wieder aufgemacht“, erklärt Sven uns. „Da gehe ich mit dem Finger rein, dann kommt der Ecken-Otto hier von unten – zack, zack zack – es wird plattgehauen – und das nennt sich ‚Ecken einziehen‘.“

Dieses Gerät hat Sven beim Buchbindermeister in Steyerberg kennengelernt. Zu kaufen gibt es das nicht, man muss es sich schon selber bauen. Sven zieht jede Ecke ein und arbeitet sie fein aus. Auch an den Scharnierecken arbeitet er noch einmal nach damit das Buch später nicht schief auf Ledergnubbeln steht, die sich abnutzen würden.

 Fertige Buchdecke

Ein letzter Schritt fehlt noch, bevor die Prägepresse die äußere Veredelung vornehmen darf: Die eingeschlagenen Lederränder bilden eine kleine Kante zur darunter liegenden Pappe. Das behebt Sven mit einer dünnen Ausgleichspappe. Erneutes Messen, Schneiden und Kleben. Dabei erklärt Sven uns noch die Bedeutung der Laufrichtung des Papiers. Immer wieder erinnern mich einzelne Punkte ans Nähen.

Titel und Ornamente

Der Zeitpunkt ist erreicht, an dem wir verstehen, warum uns mittlerweile so warm ist. Die große Prägepresse hinter uns hat sich überhitzt. Sven holt die Prägung am Abend nach, als wir schon weg sind, aber das Prinzip erklärt er uns.

Prägemuster Buchbinderei

Die Prägemotive kann man sich anfertigen lassen. Für unser Buch möchte Sven jedoch original Muster aus dem 18. Jahrhundert nehmen, die ihm der Meister aus Steyerberg geschenkt hat. Er legt sie in einem passenden Rahmen zurecht. So wird er sie später mit Spezialkleber in die angemessen heiße Presse kleben und auf die Buchdecke pressen, um eine Blindprägung zu bekommen. Möchte man sie in Gold oder Silber, kommen entsprechende Spezialfolien zum Einsatz.

Für die Titel, die auf dem Buchrücken erscheinen, benutzt er eine kleinere Titelpresse, die nach dem gleichen Prinzip arbeitet.

Ein Buchblock in Fadenheftung

Mittlerweile ahne ich, dass auch das Innere des Buches mit viel Aufwand verbunden ist, wenn es edel und handgemacht sein soll. Sven hat für unser Beispielbuch schon einen Block fertig, doch den kann er erst nach der Prägung einsetzen. So zeigt er uns noch das Prinzip der Fadenheftung.

Lagen pressen

20 Lagen Papier will Sven zusammenheften. Eine Lage besteht meist aus vier mittig gefalzten, ineinander geschobenen Blättern. Entsprechend muss er aus den riesigen Ausgangsbögen Blätter in doppelter Buchgröße zuschneiden und in der Mitte falzen. Den ganzen Stapel legt er zwischen zwei Pressbretter und spannt sie für mindestens eine Stunde in die Papierpresse. Nach der Pressung wird es noch einmal korrekt zurechtgeschnitten, ähnlich wie vorher das Leder. Durch die Einzelschnitte entstehen feine Kanten, wenn man die Lagen übereinander legt. Das nennt man einen berippten oder barbierten Schnitt. Sven meint, das sei Geschmackssache, aber für ihn habe so ein Buch einfach mehr Charakter.

Normalerweise legt Sven in der Presse viele Blöcke übereinander, bis sie voll ist. Deshalb hat er auch viel fertig abgepresstes Papier auf der Fensterbank, an dem er uns die Bindung demonstrieren kann. Mit seinen Papierlagen setzt Sven sich an einen anderen Arbeitstisch, auf dem ein weiteres antik anmutendes Gerät steht, die Heftlade. Drei Heftbänder spannt er dort für unser Beispiel ein. Zwei könnten bei der Buchgröße ausreichen, aber Sven mag es richtig stabil. Hinter der Lade schaltet er eine Lampe ein, deren Zweck wir später verstehen werden.

Heftbänder Buchbinderei

Der Heftfaden braucht die Länge einer Lage mal die Anzahl der Lagen. Das Ergebnis ist ein meterlanger Faden. „Das kräuselt sich ja jetzt noch so und gibt hundertprozentig Knoten, wenn man so damit anfängt“, sagt Sven. „Deshalb habe ich hier noch ein Stück Bienenwachs.“ Dort zieht er den ganzen Faden durch, so dass er geschmeidiger und etwas begradigt wird. Nun kann die eigentliche Bindearbeit beginnen. Jede Lage schiebt der Buchbinder mit dem Rücken an die Heftbänder und klappt sie auf. Mit der Ahle, einem kleinen Piekser, sticht er die Löcher vor, jeweils eins außen und jeweils eins auf beiden Seiten der Heftbänder. Die Lampe hilft ihm, die Löcher zu finden, während er den Faden von außen beginnend hindurch fädelt und die Lage so mit den Bändern verbindet.

Heftlade

Bei der dritten Lage wird es langsam etwas einfacher und eine Besonderheit kommt hinzu: die Fitzbünde. Die echten Bünde an den Heftfäden verhindern nicht, dass es außen wabbelig wird. Deshalb geht der Buchbinder ab der dritten Lage an den Enden noch einmal eine Lage tiefer mit seinem Faden und zieht ihn so durch, dass sich eine Schlaufe bindet. Abwechselnd verbindet er so links und rechts die Lagen zusätzlich miteinander.

30-45 Minuten braucht Sven zurzeit noch für so einen kompletten Block. Dabei hört er normalerweise klassische Musik oder Jazz. „Da kann man schön drin versinken und man kann da auch richtig bei abschalten“, sagt Sven. „Als Arbeit empfinde ich das fast gar nicht. Das ist so ein Entspannungsmoment.“

Den fertigen Buchblockrücken beklebt er mit Gaze und dann kann man noch schöne Lesebänder auswählen und das Kapitalband, das den Buchblockrücken hübsch an der schmalen Kante abschließt. Die leichte Rundung im Rücken verhindert, dass er sich nach vielfachem Aufschlagen nach innen wölbt.

So wird ein Buch draus

Der fertige Buchblock wird nicht, wie man erwarten könnte, direkt an die Buchdecke geklebt. Dazwischen kommt eine Papierhülse, ein Papierschlauch, der die Belastung überträgt. Das oberste Blatt und der Buchdeckel werden über das Vorsatzpapier miteinander verbunden. Selbst das bietet noch Gestaltungsmöglichkeiten. Sven zeigt uns eins, auf dem eine Landschaft gedruckt ist, in der die Geschichte spielt.

Rückenhülse

Buchrücken

Ausreichend beeindruckt sind wir nun allemal. Doch abschließend interessiert mich noch die Vorgeschichte.

Vom Fachinformatiker auf Umwegen zum Buchbinder

Gelernt hatte Sven Langenkamp ursprünglich Fachinformatiker. Ich habe zwar begriffen, dass das professionelle Handwerks-Buchbinden sich schrittweise aus dem Hobby ergeben hat, aber der Übergang ist mir noch nicht klar.

Ein Leben als Fachinformatiker konnte Sven sich nicht auf Dauer vorstellen. Wenn er den ganzen Tag am Rechner saß, konnte er seine Kreativität zu wenig ausleben, zu wenig gestalten. Doch was sollte er stattdessen tun? Sicher wusste er nur, was er nicht wollte.

So habe er ein paar Jahre quasi für die Selbstfindung gebraucht, habe unter anderem viel mit Pferden gemacht und ausgeholfen und nebenher seine Geschichten erfunden. In die Buchbinderei sei er dann nebenher hinein gewachsen.

Strahlend sagt er: „Also wenn das nicht mein Traumberuf ist, dann weiß ich nicht mehr weiter. Das ist es, glaube ich, wirklich. Was anderes möchte ich auch gar nicht mehr machen. Das ist dann auch das, was man machen sollte. Das macht sehr viel Spaß!“

Was macht ihm so viel Spaß daran?

„Das ist einfach alles“, schwärmt Sven. „Das Gestalterische, dass man sich sehr viel austoben kann, wie so ein Buch aussehen kann. Und das schöne Gefühl, man hat nachher was in der Hand. Ich bin immer wieder erstaunt: Das habe ich gemacht? Das ist einfach schön. Es fängt bei solchen Papieren und einem Stück toter Tierhaut an und man hat auf einmal ein Buch daraus. Auch das Arbeiten an sich macht Spaß. Es ist etwas ganz anderes als am Rechner zu sitzen.“

Natürlich hätte ich auch gerne etwas über seinen Umgang mit Schwierigkeiten oder unzufriedenen Kunden hören, aber dazu fällt ihm nichts ein. Die Kunden sind zufrieden und glücklich. Offenbar schafft er eine gute Auftragsklärung vorab und berät auch gerne, was möglich ist und was zusammen passen würde. Gerne bestellt werden leere Bücher in jedem Format. In den USA ist eine kurze Geschichte aus einem Videospiel besonders gefragt, also ein Buch, das Sven auch selbst bedruckt. Auch die Kalender enthalten natürlich keine leeren Seiten sondern sind innen von ihm gestaltet. Die Möglichkeiten sind eben fast grenzenlos.

Sven freut sich auf seine ruhige Art, aber strahlt dabei eine solche Zufriedenheit  und Liebe zu seiner Tätigkeit aus, dass ich trotzdem den Eindruck habe, vor mir stehe ein anderer Mensch.

Lederbuch Buchbinderei
Das Besuchsergebnis

Noch reicht der Verdienst nicht ganz, aber der Trend geht beständig aufwärts. Ich bin mir sicher, dass er nicht mehr zu bremsen ist.

Er habe sich nicht von einem Tag auf den anderen vom Fachinformatiker zum Buchbinder entwickelt, betont Sven noch einmal. Das habe wirklich Jahre gedauert, bis er überhaupt auf die Idee gekommen sei. Ich möchte wissen, was er anderen empfiehlt, die auf der Suche sind.

Nicht aufgeben, nicht verzagen„, antwortet er. „Am Ball bleiben. Weiter suchen. Irgendwann kommt es unverhofft aus einer Ecke, woran man gar nicht gedacht hat.


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Was Alex Diehl und Miss Norma gemeinsam haben

Alex Diehl ist Musiker. In einem Interview, erschienen im Weser Kuriers am 29.9.2016, beschreibt er, wie er überraschend zu seiner heutigen Bekanntheit gekommen ist. Wenige Tage später veröffentlichte die Zeitung einen Bericht über das Ende der Reise von Miss Norma, die mit 91 Jahren an Krebs gestorben ist. Tausende von Fans haben ihre Reise verfolgt, die sie nach ihrer Krebsdiagnose angetreten ist.

„Sieh an“, dachte ich, „da gibt es doch eine Parallele.“ Nämlich? Eins nach dem anderen …

Alex Diehl: Viel Arbeit, viel Hartnäckigkeit und …

Vier Instrumente spielt Alex Diehl laut Interview in Studioqualität. Selbst bei einer Menge Talent kann er das nicht mit reinem Herbei-Sehnen erreicht haben. Wer ein Instrument wirklich beherrschen möchte, muss sehr viel Übungszeit investieren. Bei vier Instrumenten dürfte es sehr, sehr viel Übungszeit gewesen sein. Nur: Fähig zu sein, reicht nicht.

Um sich ganz der Musik widmen zu können, hat Alex Diehl vor dem Abitur die Schule geschmissen. Er wusste genau, was er wollte. Ich will niemanden auffordern, sofort den Job zu kündigen, denn das ist weder in jeder Lebenssituation noch für jeden ‚Typen‘ der passende Weg. Mir geht es um den klaren Willen, den dieser Schritt zeigt. Vielleicht zeigt er auch ein wenig jugendliche Naivität, denn leicht war der weitere Weg nun wirklich nicht. Alex Diehl hat erst einmal sehr einfach gelebt, verschiedene Stile probiert und Texte für andere geschrieben.

Der große Durchbruch ließ auf sich warten. Viele geben in einer solchen Situation wahrscheinlich auf. Alex Diehl hat das Gegenteil gemacht: Er hat in Eigenregie ein Konzert für mögliche Vertragspartner organisiert und selbst die Band gezahlt. Und er bekam einen Vertrag.

Er hatte die Fähigkeiten, die Hartnäckigkeit und?

… und Mut

Alex Diehl hat es gewagt, Lieder auf Deutsch auf der Bühne zu singen, die er zunächst nur für sich geschrieben hatte. Lieder, die ausdrücken, was ihn bewegt. Wer sich mit seinen Produkten und Werken der Öffentlichkeit stellt, braucht eh schon Mut. Doch gerade die Werke zu präsentieren, die ausdrücken, was einen am meisten bewegt, braucht Zusatz-Mut. Da zeigt sich jemand mit seinen ganz eigenen Erfahrungen, emotional und verletzbar. Und was passiert? Er berührt Menschen. Bestimmt nicht jeden, vielleicht nicht einmal die Mehrheit, aber das muss auch nicht sein.

Den überraschenden Durchbruch hat Nur ein Lied gebracht, das Alex Diehl aus seiner Betroffenheit über die Pariser Terroranschläge im November 2015 geschrieben, mit Handy gefilmt und auf Facebook veröffentlicht hat. Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich das Video massiv. Der Sänger hat ausgedrückt, was ihm am Herzen lag und vielen, vielen anderen ging es wohl ähnlich. Sein aktuelles Album heißt Bretter meiner Welt*.

„Miss Norma“ Bauerschmidt

Als Alex Diehl geboren wurde, war „Miss Norma“ 62 Jahre alt. Im August 2015 bekam Norma Bauerschmidt die Diagnose Krebs und entschied sich für ein Reiseabenteuer statt für eine Krebsbehandlung. Sie wollte Wale beobachten, die Niagara-Fälle besuchen und Vieles mehr. Sie stieg zu Sohn und Schwiegertochter ins Wohnmobil und machte sich auf den Weg. Das ist an sich schon eine Besonderheit, aber nur ein Teil der Geschichte.

Der Spiegel berichtet, dass 450.000 Menschen ihre Reise verfolgt haben. Unter Driving Miss Norma haben ihr Sohn und ihre Schwiegertochter die Reise auf Facebook dokumentiert. Macht man sowas, den eigenen Umgang mit einer tödlichen Krankheit öffentlich dokumentieren? Sich in solcher Verletzbarkeit zeigen? Ach ja, das ist ja nicht die Frage, denn Lebenskunst ist unkonventionell. Mit der Art, wie es Miss Norma gemacht hat, hat sie Hunderttausende Menschen berührt und ermutigt. Ende September 2016 ist sie gestorben.

Die Gemeinsamkeit und ein Balanceakt

Das sind doch sehr unterschiedliche Geschichten. Was sie gemeinsam haben: Beide Protagonisten haben es gewagt, persönliche Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle öffentlich zu präsentieren. Sie haben uns teilhaben lassen und damit sicher nicht ausschließlich Begeisterung geerntet, sondern auch manches Kopfschütteln oder Nase Rümpfen.

Nur: Wo ist die Grenze zum Seelenstriptease oder reinem Voyeurismus? Ist ‚Big Brother‘ etwa inspirierend? Wohl kaum, denke ich. Ich sehe mir so etwas nicht an, weil es keinen Reiz für mich hat. Da geht es um die Selbstdarstellung an sich, vermutlich um ein ziemlich aufgesetztes Selbst.

Wer sich auf das Parkett der Lebenskunst wagt, bringt sich mit seiner Originalität ein. Dabei dürfen auch ab und zu Banalitäten auftauchen, nur hoffentlich nicht ungefiltert jeder Unsinn. Wagen wir doch ruhig etwas mehr Öffnung ohne Seelenstriptease. Wir müssen ja nicht gleich Hunderttausende damit inspirieren. Und wo die Grenze ist, das spürt jeder selbst sehr gut, wenn er ehrlich zu sich ist.


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Wie Sie sich Respekt verschaffen, ohne laut zu werden

Entschuldigung – die Überschrift lügt. Sie suggeriert, dass wir uns normalerweise Respekt verschaffen, indem wir laut werden. Das stimmt nicht, doch manchmal glauben wir es trotzdem.

Was stimmt: Manchmal können wir uns durchsetzen, wenn wir laut werden – Männer leichter als Frauen. Doch was bekommen wir da? Respekt? Meistens eher Angst oder Resignation. Mit Respekt meine ich hier etwas anderes, nämlich Beachtung und Achtung.

Notizen zum Respekt

Ende Juni hatte ich das echte Vergnügen, einen Vortrag von René Borbonus zu hören. Der erste Teil drehte sich um Respekt. Sein Buch dazu* stelle ich in diesem Artikel vor. Doch zum Aufwärmen hier ein paar Schlaglichter aus dem Vortrag:

  • Alle sehnen sich nach Respekt.
  • Wer Respekt bekommen möchte, muss Respekt geben.
  • Respektvolles Miteinander hält gesund und macht uns produktiver.
  • Wir leben in einem Klima, das Respektlosigkeit fördert.
  • Wir verhalten uns aus purer Unachtsamkeit viel häufiger respektlos, als uns bewusst ist.
  • Bagatellisierung und Dramatisierung der Gefühle anderer sind auch Respektlosigkeiten.
  • Respektvolle Kommunikation lässt sich üben.
  • Gegen gezielte Respektlosigkeiten anderer können wir uns durch geschickte Kommunikation souverän zur Wehr setzen.

In Respekt! Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen* führt René Borbonus diese Punkte in fünf Teilen wunderbar aus und gibt dem Leser viele praktikable Hilfestellungen für den Alltag mit. Die großen Zwischenüberschriften nach dem Prolog heißen:

  • Wen oder was respektieren wir?
  • Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?
  • Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden
  • Wie Sie mit Respektlosigkeiten umgehen
  • Wie Sie Respekt als Erfolgsinstrument einsetzen

Zu jedem Teil schreibe ich hier ein paar Worte, die Sie hoffentlich anregen, tiefer ins Buch einzusteigen oder den Autoren auch einmal live zu erleben.

Teil 1: Respektspersonen

Im ersten Teil beleuchtet der Autor die Frage, was uns andere respektieren lässt. Selbstachtung ist dabei ein grundlegendes Thema. Dazu fällt mir ein etwas drastisches Kant-Zitat ein:

„Wer sich selbst zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.“ (Kant)

Selbstachtung geht allerdings in seiner Wirkung weit über dieses Thema hinaus:

„Selbstachtung bildet die Basis für ein glückliches und zufriedenes Leben.“, (R. Borbonus, Respekt!*, S. 19)

Wer sich selbst achtet, bekommt nicht automatisch von allen Respekt, doch auf jeden Fall können ihn Respektlosigkeiten weniger erschüttern.

Darüber hinaus lesen wir in den einzelnen Abschnitten Überlegungen zu Charisma und Machtgehabe, zu gesunder Autorität und zu respektablen Werten. Vier Werte, die zu Respekt führen, betrachtet Borbonus näher:

  • Klarheit,
  • Kompetenz,
  • Konsistenz und
  • Präsenz.

Doch auch gesellschaftliche Respekt-Hindernisse führt uns der Autor hier vor Augen, zeigt unseren Trend zur Akzeptanz von Verhöhnung und Schamlosigkeit an konkreten Beispielen und den Einfluss der Medien auf die öffentliche Wahrnehmung. „Wer respektiert wird, entscheidet der Redakteur“ lautet eine Zwischenüberschrift.

Bin ich dann doch nur ein Opfer meiner Sozialisation? Nein, deshalb habe ich das Thema hier aufgegriffen. Wenn Respekt so selbstverständlich wäre, wie wir es mit dem Klischee der „guten Kinderstube“ vorgeben, hätte er mit Lebenskunst nicht viel zu tun. Gedankenlose Anpassung führt zum Mitmachen bei der hochmodernen Respektlosigkeit. Respekt müssen wir bewusst gestalten, oft entgegen dem Trend – echte Lebenskunst.

Teil 2: Männer, Frauen und andere komische Vögel

„Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?“, fragt René Borbonus im zweiten Teil. Ein Grund dafür ist, dass Menschen verschieden sind. Unterschiedliche Prägungen führen zu unterschiedlichen Bedürfnissen und zu unterschiedlichen Vorstellungen davon, worin sich Respekt ausdrückt.

Ein häufiges Spannungsfeld zeigt der Autor am Riemann-Thomann-Modell, in dem sich auf einer Achse das Streben nach Nähe und das Streben nach Distanz oder Unabhängigkeit gegenüber stehen. Wenn eine Person gerade ein starkes Bedürfnis nach Distanz hat und die andere nach Nähe, wird es kompliziert. Person A verhält sich abweisend, weil sie Person B als aufdringlich empfindet. Person B kämpft umso mehr um Nähe, weil sie sich zurückgestoßen fühlt. Beide fühlen sich in ihren Bedürfnissen nicht respektiert.

Ähnliches passiert durch die tendenziell unterschiedlichen Kommunikationsgewohnheiten von Männern und Frauen. Wenn der andere auf einer Ebene antwortet, die unsere Bedürfnisse nicht trifft, sind wir schnell entgeistert. Er ist scheinbar trampelig, sie scheinbar lächerlich und die gegenseitige Abwertung nimmt ihren Lauf.

Keine Sorge, das ist kein resignatives Kapitel, sondern René Borbonus gibt ordentlich Anregungen, wie wir es besser machen können und im Streitfall konfliktfähiger werden können.

Teil 3: Auswege aus der Respektlosigkeit

Im Teil „Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden“ erfahren wir zunächst, dass auch der gutmütigste Leser nicht vor Respektlosigkeit gefeit ist, denn meistens ist sie nicht die Folge von Böswilligkeit:

„In erster Linie verhalten wir uns respektlos aus einem sehr profanen Grund: Unachtsamkeit.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 119

Wir sehen den Menschen hinter der Kasse nicht einmal an, weil wir gerade mit den Gedanken ganz woanders sind oder telefonieren. Dieser Mensch sieht uns seinerseits nicht an, diskutiert vielleicht nebenher irgendetwas mit dem Kollegen an einer anderen Kasse, weil er gar nicht mehr damit rechnet, wahrgenommen zu werden. Ganz undramatisch, nur eben auch nicht respektvoll.

Oft bekommen wir einfach nicht mit, was in den Menschen um uns herum vorgeht, sehen nicht hin, hören nicht zu. Oder wir schleudern flott eine Phrase hin: „Davon geht die Welt nicht unter.“ Durch ein wenig Aufmerksamkeit können wir viele alltägliche Respektlosigkeiten abstellen und unser Leben gleichzeitig durch kurze echte Begegnungen bereichern.

Ähnlich sieht es bei der Kommunikation über das Internet aus. Die anonymisierte Parallelwelt verführt dazu, Dinge rauszuhauen, die wir im direkten Kontakt nie so formulieren würden. Nicht das Internet ist böse, sondern wir handeln zu schnell und unüberlegt. Wenn wir uns vorstellen, da sitzt uns ein Mensch gegenüber, schreiben wir vermutlich überlegter, fragen einmal mehr nach oder schweigen einmal.

Besonders hilfreich finde ich den Abschnitt zum Umgang mit Emotionen, eigenen und fremden. Emotionen sind etwas Erfreuliches, denn sie treiben uns zum Handeln an. Wenn wir völlig unreflektiert aus der Emotion heraus handeln, geschieht das im Affekt. Oft nicht hilfreich, oft nicht respektvoll. Drei Fragen können uns helfen, unsere Emotionen zu prüfen und unser Handeln zu steuern:

  • Ist die Emotion passend?
  • Ist ihre Intensität passend?
  • Was will die Emotion von mir?

Eine Emotion beruht auf einer spontanen Bewertung. Dafür bringt der Autor mehrere Beispiele. Ich greife nur die Wut heraus, die auf der Annahme beruht, dass uns jemand schadet und das mit Absicht tut. Oft ist diese Interpretation zu Ich-bezogen. Der andere ist so mit sich beschäftigt, dass er überhaupt nicht darüber nachdenkt, wie er mir schaden könnte.

Vielleicht aber doch. Dann kann ich immer noch überlegen, ob ich mich über eine kommunikative Spitze so aufregen muss, als hätte er mein Haus angezündet. Leichter Ärger wäre vielleicht passender als lodernde Wut. Wenn Wut passend ist, dann ist auch ihre Aufforderung passend: Wehre dich! Die kommunikative Spitze kann man sich verbitten. Beim angezündeten Haus wäre dagegen eine Strafanzeige fällig.

So ruhig können wir das Gefühl wohl kaum analysieren, wenn es gerade aufwallt. In der Situation schlägt der Autor vor, genug Zeit vergehen zu lassen, bis der „hormonelle Nebel“ sich einigermaßen verzogen hat.

Der dritten Abschnitt hat mir besonders gefallen.

Teil 4 Respekt verschaffen bei Provokateuren

Es gibt Wälder, in die wir noch so zartfühlend hineinrufen können, aus ihnen brüllt es trotzdem derb zurück. Wie können wir uns da Respekt verschaffen?

Leider, leider gibt uns René Borbonus hier kein Allheilmittel. Keine Strategie funktioniere immer, meint er. Schade. Was sollen wir dann machen? Unser Repertoire erweitern. Je mehr Reaktionsmuster uns zur Verfügung stehen, desto leichter fällt es uns, ein passendes auszuwählen. Und einen Leitsatz bekommen wir:

„In der Sache klar, zum Menschen respektvoll: Das sollte Ihr Leitsatz werden.“ R. Borbonus, Respekt!*, S.145

Für einige bekannte Respektlosigkeiten versorgt uns der Autor mit passenden Reaktionsmöglichkeiten. Er liefert zum Beispiel ‚Killerphrasen-Killer‘, Möglichkeiten zum Umgang mit ‚Ja-aber-Sagern‘ und bringt Beispiele für respektvolle Schlagfertigkeit. Manchmal gibt es ganz harte Nüsse, bei denen solche Strategien nicht reichen. Hier seine Warnung:

„Den größten Gefallen tun Sie dem Provokateur, wenn Sie ärgerlich oder unsicher reagieren – also genau so, wie er es beabsichtigt.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 159

Als mögliche ‚Notbremsen‚ benennt er das Schweigen, demonstrative Höflichkeit oder sogar kommentarloses Verlassen des Schauplatzes. Die ‚Wunderwaffe gegen Respektlosigkeiten‚ sei Resilienz. Damit gelingt es einem, auf Provokateure nicht unsicher zu reagieren. Sie schaffen es einfach nicht, uns persönlich zu treffen. René Borbonus beschreibt Resilienz als „emotionale Dickhäutigkeit, die mich davor bewahrt, dass ich mir alles zu sehr zu Herzen nehme.“ (S. 162) Natürlich bekommen wir auch zur Resilienz Anregungen, wie wir sie ausbauen können.

Teil 5 Respekt als Erfolgsinstrument

Respektvolles Kommunizieren ist zwar zunächst eine Frage der Haltung. Wenn die erst einmal passt, brauchen wir aber immer noch Methoden, um  es umzusetzen. Der Autor gibt im letzten Abschnitt unter anderem Anregungen zu

  • Verständlichkeit,
  • Körpersprache und
  • Konfliktlösung

Er rundet den Teil ab mit einem Abschnitt unter dem Titel „Respektvolles Verhalten als Strategie und Lebensaufgabe.“

Mich haben Vortrag und Buch* davon überzeugt, dass Respekt und der Umgang mit Respektlosigkeiten lohnenswerte Aspekte der Lebenskunst sind.


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Inspiriert von Daniela Revink

Heute: Inspiriert von Daniela Revink

Nichts ist für mich inspirierender als die Geschichten meiner Mitmenschen, die mit ihrem Leben und Tun ihre besondere Sicht auf die Welt ausdrücken. Solche Menschen möchte ich hier nach und nach vorstellen und beginne mit Daniela Revink, zugleich Geschäftsführende Gesellschafterin von S!GNS® und Freie Künstlerin.

Daniela Revink

Wir kennen uns aus dem WEC, einer Gruppe selbstständiger Frauen auf XING, die sich in verschiedenen Städten auch offline austauschen. Im August 2016 habe ich Daniela in ihrem Bremer Büro besucht, um herauszufinden, welche Erfahrungen sie in ihren beiden Tätigkeiten gesammelt hat. Ich gebe unser Gespräch hier etwas gekürzt wieder:

Wie bist du dazu gekommen, dich selbstständig zu machen?

Durch Anregung von meiner Geschäftspartnerin Judith Hagedorn. Wir haben schon in der Zeit, in der ich früher hier mit ihr gearbeitet habe, immer wieder darüber nachgedacht, ob wir S!GNS® gemeinsam führen können, und wir konnten uns das beide sehr gut vorstellen.

Du warst ihre Angestellte?

Ich war damals, 1995, für rund zwei Jahre ihre Angestellte. Danach bin ich nach Hamburg gegangen. Zu der Zeit ging es los mit dem Internet. Ich begann Fachliteratur zu lesen und habe gesagt: „Links, Links, wieso links, warum nicht rechts? So geht das nicht. Ich lasse mir nicht mehr länger ein X für ein U vormachen“, und habe ein Jahr eine Zusatzausbildung in Hamburg gemacht.

Wann war das?

Das war 1998. Deshalb habe ich diesen riesigen, langen Namen als Abschluss: „Fachfrau für elektronisches Publizieren, Fachrichtung Multimedia-Gestaltung“ – habe ich mir nicht ausgedacht, passt auch auf keine Visitenkarte, publiziere ich so auch nicht, aber ich hab da ein Zeugnis.

1999 bin ich wieder hier zurück nach Bremen gekommen und habe wieder angestellt in einer Agentur gearbeitet. In der Zeit, also ’99, haben Judith und ich immer wieder ganz intensive Gespräche geführt: Wie ist das möglich? Wie kriegen wir das hin, dass wir hier neu gründen mit mir als Existenzgründerin und allem, was dazugehört.

Graue Herren überzeugen

Und das hat dich nicht abgeschreckt, dieses Ganze, was man mit bedenken muss? Das hattest du ja vorher nicht.

Nein, das hatte ich vorher nicht. Das war auch grauenhaft und gruselig im Nachhinein, aber wenn man da erst einmal drin steckt und auch wirklich an das glaubt, was man will, will man auch nicht wieder zurück.

Ich war davon überzeugt und habe gedacht, das müssen auch Banken so sehen: Das ist ein Unternehmen, das schon seit ’88 am Markt ist. Wir haben schon mehrere Jahre gemeinsam erfolgreich gearbeitet. Ich habe gedacht, das muss ein Vorteil sein: Wir wissen, worauf wir uns einlassen, wir kennen uns, wir kennen unsere Kompetenz, wir fangen hier nicht etwas Neues an, wir erfinden auch das Rad nicht neu und ich komme mit meiner Zusatzqualifikation zurück. Diese ganzen grauen Herren hatten eher solche Bilder vor Augen gehabt: Da kommt die kleine Angestellte, macht das als Hobby, die andere trennt sich von ihrem Geschäftspartner und muss etwas Neues aufbauen. Keiner hat uns für voll genommen. Man hat überhaupt nicht den Vorteil gesehen, den wir beide durch unsere Qualifikationen haben.

Das heißt, Ihr seid gar nicht ernst genommen worden?

Nein, nicht für fünf „Pfennig“ – damals noch. Das war wirklich ein Scheuersack, durch den wir gehen mussten. Ich habe das gar nicht glauben können und immer wieder zu diesen „Bankberatern“ gesagt: „Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein!“

Wie habt Ihr euch denn da durchgesetzt?

Hartnäckigkeit, zäh bleiben, neue Vorschläge entwickeln und einfach weiter machen. Anfangs war es hartes Brot mit Zwischenfinanzierung von Familienmitgliedern, bis dann endlich die Förderung kam. Wir haben trotzdem am 1. Januar 2000 hier unsere Arbeit als GbR aufgenommen.

Das hat uns natürlich nicht den Wind aus den Segeln genommen, aber es hätte netter und einfacher sein können. Es ist auch albern, zu glauben, dass uns das überhaupt nicht gehemmt hat. Die erste Zeit habe ich sicherheitshalber auf zwei Hochzeiten getanzt und meine damalige Stelle schleichend ausgleiten lassen. Man hat mich als Freie weiter beschäftigt, um meine Nachfolgerin einzuarbeiten. Dadurch hatten Judith und ich hier im Büro weniger Zeit gemeinsam. Damals war die Tochter von Judith auch noch ganz klein. Einen Tag in der Woche hatten wir einen komplett gemeinsamen Arbeitstag. Das war dann immer der entspannteste und schönste Tag. Die anderen Tage waren geteilt. Diese Doppelfunktion am Anfang meiner Selbstständigkeit war anstrengend, hat uns aber ein bisschen finanzielle Sicherheit gegeben. Nach einem viertel Jahr war das glücklicherweise vorbei und ich konnte mich zu 100% gemeinsam mit Judith auf S!GNS® konzentrieren. Angst vor der Selbstständigkeit hatte ich nicht. Nö!

Vom Reiz und Herausforderungen der Selbstständigkeit

Im Endeffekt hat mich dieser Gedanke, selbstständig zu sein, die eigene Chefin zu sein, mit einer gewissen Entspanntheit erfüllt. Du hast es ja jetzt selber in der Hand – natürlich mit den Risiken, die du als Angestellte nicht hast, aber die musst du dann in Kauf nehmen. Uns sagt hier keiner mehr etwas. Wir bestimmen, wie wir unser Arbeitsleben gestalten, wie wir mit unseren Kunden umgehen und wie wir möchten, dass man mit uns umgeht.

Was war die größte Hürde, die du in deiner Selbstständigkeit erlebt hast und wie hast du die überwunden?

Das kann ich so gar nicht sagen. Es gibt nicht die Hürde. Es gibt immer wieder Hürden.

Zum Beispiel?

Wenn sich Kundenbeziehungen oder Aufträge nicht so entwickeln, wie es geplant war. Oder wenn Fehler passieren. Im Laufe der Jahre hat sich bei uns herauskristallisiert: Kein wilder Aktionismus mehr zum Thema z.B. wer ist schuld? Erst einmal einen Schritt zurücktreten, Luft holen und alles einmal sacken lassen. Dann alle Fakten auf den Tisch und danach wird reagiert. Es gibt immer einen Weg, es gibt immer eine Lösung.

Genauso gibt es immer wieder auch existentielle Höhen und Tiefen. Das kennt jeder in der Selbstständigkeit. Wenn du gut zu tun hast, dann arbeitest du und musst deine Termine einhalten. In dieser Zeit kannst du aber nicht über dich selber, über dein Unternehmen, über Visionen nachdenken und kannst auch nicht parallel akquirieren. Das ist immer dieselbe Crux und das wird immer so sein. In einer tiefen Phase, in der es hier wirklich schwierig war, hat Judith einmal etwas gesagt, das hat sich mir eingebrannt: „Egal, was passiert, keine von uns wird unter der Brücke schlafen.“ Sie hatte recht. Und das hilft. Wir können uns beide auf das, was wir können, verlassen. Es ist zwar etwas abgegriffen, dieser Spruch „Eine Tür geht zu, eine andere geht auf“, aber in gewisser Weise ist das so. Nachdenken und immer wieder sich selber, seine Art zu arbeiten und das eigene Spezialgebiet hinterfragen. Ich glaube, dass wir in den 16 Jahren immer wieder geprüft haben: Wie ist die Strömung, was können wir, was können wir auch, was wollen wir nicht mehr machen, wo wollen wir hin?

Wenn Kunden gekommen sind mit Themen, wo ihr gesagt habt, das wollen wir eigentlich gar nicht mehr, habt ihr es dann trotzdem gemacht?

Das ist unterschiedlich, schließlich muss jede von uns ihre Miete zahlen. Wir sind aber in den letzten Jahren dazu übergegangen, dass wir ganz deutlich machen, was wir wollen und was wir nicht wollen und dass wir auch Aufträge ablehnen. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Judith hat vor ein paar Monaten von einer Frau einen Anruf bekommen, die auf der Suche nach einer Agentur, die Werbemaßnahmen entwickeln sollte zum Thema Abnehmen. Da hat Judith ganz spontan gesagt, da wären wir nicht die Richtigen. Diese Methode entspricht nicht unserer Philosphie, die wir leben und deswegen können wir diese Methode, um die es da ging, nicht Erfolg bringend gestalten.

Warum seid Ihr gegen das Abnehmen?

Es geht nicht ums Abnehmen an sich, aber um alles, was in letzter Zeit massenhaft publiziert wird. Dieses permanente Fokussieren auf eine idealisierte Körperform, was normal ist, was ist ideal ist und so weiter, darum geht es eigentlich. Als wenn es das Heil der Welt ist, wenn du abnimmst. Wir möchten lieber den gesunden Menschenverstand einsetzen und nicht eine Uhr haben, die einem sagt: „Jetzt musst du aber noch 500 Schritte gehen, sonst darfst du heute Abend kein Glas Wein trinken.“ Ich bin ein erwachsener Mensch und kann schließlich entscheiden – das meine ich mit gesundem Menschenverstand. Bei diesem Programm hätten wir etwas entwickeln müssen, was wir eigentlich ablehnen. Das hätte für die Kundin keine erfolgreichen Ergebnisse gegeben. So etwas lehnen wir dann ab.

Oder wenn wir in einem Gespräch das Gefühl haben, wir finden den Draht zum Produkt, aber nicht zum Kunden. Dann müssen wir ihm das sagen. Das haben wir in den letzten Jahren versucht zu lernen, auch unsere Position zu schützen.

Hat das euern Umsätzen eher geschadet oder sie eher gefördert?

Ich glaube, auf lange Sicht ist das förderlicher. Wenn du schon am Anfang merkst, da knirscht etwas im Gebälk, aber ich möchte den Auftrag und ich brauche das Geld, dann knirscht es die ganze Zeit im Projekt. Ich weiß, das ist nicht einfach. Man muss sich permanent immer wieder vor Augen führen: Will ich das wirklich? Die Zeit, die wir mit ungeliebten Projekten verbringen fehlt uns dann für Projekte, die wir eigentlich wollen. Und so viel Zeit wie früher möchte man ja vielleicht auch gar nicht mehr im Büro verbringen. Da ist eher das Ziel, noch andere Dinge zu tun, die auch spannend sind.

Kunst: Eine verschüttete Leidenschaft neu entfachen

Das letzte Einhorn - Aquatypien

Vielleicht können wir da noch kurz zu kommen. Wie lange malst du schon?

Kunst habe ich eigentlich schon immer gemacht, von meiner Schulzeit an. Ich habe als jungen Mädchen aber gedacht, dass ich nicht Kunst studieren kann. Dir wird auch immer eingetrichtert: „Brotlose Kunst“. Ich wollte unabhängig sein, wollte raus von zu Hause. Deshalb habe ich erst Floristin gelernt und bin dann wieder zur Schule gegangen. Ich habe Abitur gemacht, weil ich herausgefunden habe, was ich für Möglichkeiten habe, doch noch zu studieren – mit elternunabhängigem BAföG. Während meines Grafik Design Studiums habe ich noch ein bisschen, aber nicht mehr viel, frei gearbeitet. Meine Kunst ist verschüttet worden im Laufe der Jahre.

Durch den Alltag?

Durch den Alltag, durchs Arbeiten als Designerin. Vor ungefähr fünf Jahren kam mein Mann von einem Rechnungswesenseminar an der Hochschule Bremen nach Hause und warf mir so ein Vorlesungsverzeichnis in den Schoß. Da ging es um Kunst, ob da nicht etwas für mich dabei wäre, es gibt dort auch Wochenendkurse. Dann hab ich mein erstes Seminar belegt. Es hieß „Das große Format“ und ging über zwei Wochenenden. Ich habe schnell festgestellt, dass ich nicht gegenständlich arbeiten will, dieses Großformatige klasse finde und dass es mir gut tut frei zu arbeiten.

Dieses Arbeiten ist das Gegenteil von dem, was ich hier im Büro täglich mache. Es ist nicht fremdbestimmt, es kommt komplett aus mir. Ich möchte da auch nicht großartig nachdenken, sondern ich arbeite wirklich aus dem Gefühl heraus. Was kommt, lasse ich zu. Ich arbeite viel mit dem Zufall. Das große Format ist ja auch das Gegenteil von dem, was ich hier habe. Ich bin ja immer etwas eingeschränkt durch den Bildschirm, durch die Monitore oder durch das Druckformat. Ich habe aber auch festgestellt, dass sich dieses freie künstlerische Arbeiten postiv auf meine Designerinnentätigkeit auswirkt.

Durch dieses Seminar habe ich für die Kunst wieder Feuer gefangen und wollte weitermachen. Im Herbst 2011 habe ich dann meinen ersten Gemeinschaftsatelierplatz bezogen und weitergearbeitet.

Erst einmal für dich?

Für mich – und dann weiter an der Hochschule mit Künstlerinnen. Meine Mentorin ist in Berlin. Sie ist eine Vollblutkünstlerin und enge Freundin. Dann habe ich auch mit ihr angefangen zu arbeiten und so hat sich das entwickelt. Vor zwei Jahren habe ich gedacht, jetzt willst du es mal wissen – ausstellen! Ich hatte das Gefühl, jetzt möchte ich in die Öffentlichkeit.

Woran hast du das gemerkt, dass jetzt der Punkt da ist?

Reines Bauchgefühl. Auch meine Mentorin hatte schon einmal gesagt, bewirb dich doch mal. Irgendwann war der Punkt da und ich habe es ausprobiert. Letztes Jahr habe ich festgelegt: Ich gebe mir jetzt 18 Jahre, um zu sehen, ob ich es schaffe meine Kunst zu etablieren. Aber ohne Druck im Nacken. Ich denke, das ist ein schöner langer Zeitraum.

Langfristig dran bleiben

18 Jahre? Und dann guckst du, ob du weitermachst?

Dann wäre ich 68. Weitermachen werde ich so oder so. Ich will sehen, wie weit ich es in 18 Jahren schaffe. Kann ich es schaffen, habe ich diesen langen Atem, den man braucht? Zumal ich ja hauptberuflich immer noch Designerin bin und bleiben werde.

Ich bewerbe mich auf Ausschreibungen von Kunstvereinen oder Museen, wo man zu bestimmten Themen Bilder einreicht, die dann eventuell ausgewählt werden, um danach in einer Gemeinschaftsausstellung ausgestellt zu werden. Manchmal wird auch ein Preis ausgelobt. Das ist nicht einfach, aber es übt. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich wahrscheinlich an mehr Ausschreibungen teilnehmen. Mein Debüt hatte ich letztes Jahr in Teltow, auf dem Teltower Kunstsonntag. Da konnte ich fünf Arbeiten einreichen, bin angenommen worden und habe das erste Mal ausgestellt. Dafür habe ich mir auch ein Portfolio gestaltet. Ich habe als Designerin natürlich einen großen Vorteil, was die Selbstdarstellung anbelangt. Ich kann meine Außendarstellung selber gestalten.

Dieses Jahr werde ich wieder in Teltow ausstellen. Im Mai waren zwei meiner Arbeiten auf Rügen in einer Galerie zu sehen. Und jetzt habe ich mich gerade beim Kunstverein Stade für eine Ausstellung, die zwischen Dezember und Januar läuft beworben. Wäre schön wenn es klappt.

Mit Ablehnung umgehen

Zweimal habe ich es versucht mich hier in Bremen bei der Kap-Hoorn Art zu bewerben und zweimal sind meine Arbeiten abgelehnt worden. Aber ich werde es wieder versuchen. Mal gucken. Der Kunstsalon München wollte meine Arbeiten auch nicht. Das hat mich sehr enttäuscht, weil ich fand, das meine ausgewählten Werke gut ins Ausstellungskonzept passten. Aber damit muss man lernen umzugehen.

Wie machst du das?

Es ist schwer. Ich bin seit etwas über einem Jahr in so einer Art Coaching-Gruppe. Wir treffen uns alle zwei Monate in Hamburg. Es sind alles kreative Frauen. Jede hat ihr eigenes Projekt, das sie nach vorne bringen will. Und dann helfen wir uns gegenseitig. Es ist so etwas in der Art wie ein Erfolgsteam und jede hat komplett andere Baustellen.

Da hilft es natürlich, wenn man gemeinsam darüber spricht, wie man mit den Ablehnungen umgeht. Ich habe mich vor einem Jahr in diese Gruppe integriert. Zu dem Zeitpunkt war meine Kunst noch nicht öffentlich. Ich hatte auch nie in irgendeiner Weise die Verbindung von mir als freie Künstlerin oder Malerin und SIGNS erwähnt.

Gibt es Reaktionen von den Kunden?

Einige wissen es, weil sie hier waren und sie die Bilder, die hier hängen, angesprochen haben. Das war durchweg positiv. Aber ich war sehr unsicher, wie das in Zusammenhang mit mir als Unternehmerin und geschäftsführende Gesellschafterin hier wahrgenommen wird. Weil die Malerei für mich kein Hobby ist.

Ein Hobby ist, wenn ich im Garten Unkraut zupfe oder wenn ich Kartoffeln anbaue. Mir ist das sehr ernst. Ich nehme das unglaublich ernst, diese Malerei. Und ich bin momentan dabei, mein künstlerisches Spektrum auszudehnen. Ich habe wieder mit Radierungen angefangen und auch mit Bildhauerei. Mit der Bildhauerei bin ich noch ganz am Anfang aber dieses Dreidimensionale fasziniert mich. Dieses Erfühlen einer Form und auch hier zu versuchen in die Abstraktion zu gehen. In meiner Malerei, genauso wie in der Bildhauerei, möchte ich keine Regeln, nichts Rationales, sondern ich lasse das zu, was kommt und lasse auch zu, was andere darin sehen. Hier möchte ich auf alle Fälle weitermachen. Rückblickend befinde ich mich in guter Gesellschaft. Es gibt kaum Künstler_innen, die sich nur in einer Technik verwirklicht haben. Alle haben gemalt, gezeichnet und sich entweder mit dem Formen aus Ton beschäftigt oder in der Bildhauerei probiert, um die dritte Dimension zu gestalten.

Sie drücken sich alle auf unterschiedlichen Wegen aus?

Ja. Und ich bin auch immer auf der Suche. Zum Beispiel in der Radierung. Die ist eigentlich sehr linear und ich bin dabei, meine abstrakte, flächige Art in der Radierung umzusetzen. Da experimentiere ich und versuche einen neuen Weg für mich zu finden.

Mittlerweile habe ich auch keine Angst mehr davor, wenn mich jemand anspricht, mit Rückgrat und Stolz zu sagen, dass ich auch freie Künstlerin bin. Nach Teltow habe ich gemerkt, dass man mir die Künstlerin abnimmt.

Hier drängt uns der Folgetermin leider, das Gespräch zu beenden und mit meiner letzten Frage überrumple ich Daniela, während sie schon ihre Sachen zusammen packt.

Ein Abschlusstipp aus deinen Erfahrungen?

Immer an sich selbst glauben und nie den Mut verlieren! – So aus dem Bauch heraus … und sich Zeit geben.

Vielen Dank an Daniela Revink!

Sie können wählen. Wählen Sie Verantwortung.

Wer nicht wählt, wählt die Ohnmacht. Klick um zu Tweeten

Gerade komme ich von der Kommunalwahl. Was für ein Privileg, dass ich wählen darf! Ich wundere mich, wie oft ich das vergesse, mich ohnmächtig fühle und ausgeliefert – meinen Gedanken und Gefühlen, meinen Gewohnheiten, den Umständen und den Mächtigen um mich herum.

Sie können auch wählen, nicht nur bei politischen Wahlen.

Willkommen an der Wähl-Bar

Täglich sitzen Sie an der Wähl-Bar. Die Auswahl ist größer, als Sie erwartet haben. Was hätten Sie gerne?

Sie können wählen, …

  • nicht, ob ihnen Manches Angst macht, aber ob Sie Ihr Handeln von Angst oder Zuversicht bestimmen lassen.
  • nicht, ob andere Ihre Gedanken mögen, aber ob andere Ihre Gedanken erfahren.
  • nicht, ob dauerhaft Frieden in Deutschland herrscht, aber ob Sie Ihren Teil zum Frieden beitragen.
  • nicht, ob andere so funktionieren, wie Sie sich das vorstellen, aber ob Sie anderen mit Achtung und Respekt begegnen.
  • nicht, ob es Grausamkeiten auf der Welt gibt, aber ob Sie gegen Grausamkeiten aktiv werden oder nicht.
  • nicht, ob jemand Sie verletzt, aber wie lange Sie sich mit dem Ärger über eine Verletzung beschäftigen und dem anderen auf diese Art Macht über sich geben.
  • nicht, ob es Vereinfachungen und dumme Parolen gibt, aber ob Sie sich über die Sachlage informieren und vielfältige Quellen einbeziehen.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Wir können nicht alles direkt beeinflussen, aber wir können entscheiden, wie wir selbst reagieren und handeln und womit wir uns beschäftigen.

Ich kann zum Beispiel wählen, ob ich meinen Käse-Gelüsten nachgehe und anschließend Bauchschmerzen habe oder ob ich Dinge esse, die ich vertrage. Die Laktose- und Kasein-Intoleranz kann ich nicht so einfach abwählen. Apropos Intoleranz …

Wählen Sie doch einmal Intoleranz-Intoleranz

Über das Buch Respekt von René Borbonus* werde ich hier noch einmal schreiben. Vorher empfehle ich diesen Vortrags-Ausschnitt, in dem er unter anderem eine Intoleranz-Empfehlung abgibt, nämlich Intoleranz-Intoleranz. Anhören lohnt sich!


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Lebenskunst-Ausreden im Gedicht

Doch lieber keine Lebenskunst, aber es fehlen die Ausreden? Dann habe ich hier für uns ein Gedicht von Erich Fried aus Erich Fried. Gedichte*:

Gründe

„Weil das alles nicht hilft
Sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals
die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:
Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?
Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht
sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte
vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist
und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei andern nur
mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber
Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß
wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe nicht lohnt
weil sie alle das gar nicht wert sind“

Das sind Todesursachen
zu schreiben auf unsere Gräber

die nicht mehr gegraben werden
wenn das die Ursachen sind

Lebendig begraben? Dann vielleicht doch lieber Lebenskunst!


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