Lebenskunst in Corona-(COVID-19)-Zeiten

Kann mich mal jemand wachrütteln?

COVID-19 hat uns kalt erwischt. Wenn ich auf die letzte Woche zurückblicke, kommt sie mir vor wie viele Wochen. Die Neuigkeiten, die Nachrichten, die Veränderungen waren für eine einzige Woche viel zu dicht gedrängt. Ich lebe auf dem Land, und sobald ich mich aus der Informationsflut heraus nach draußen in den Garten begebe oder mit dem Hund durch die Gegend laufe, kommt mir alles ganz normal vor – vielleicht bis auf die 10 Menschen mehr auf dem Deich, die trotzdem noch 100 bis 300 Meter Abstand zueinander haben. Dann fühle ich mich, als hätte ich das alles, was gerade passiert, nur geträumt. Gleich wache ich auf und denke, was für verrückte Dinge man doch manchmal träumt. Ein wenig kommt es mir vor wie ein unerwarteter Todesfall – das kann doch nicht wahr sein! Von der Verleugnung bis zur Akzeptanz brauche ich Zeit.

Aber ich wache nicht auf. Unsere Lebensrealität hat sich radikal verändert, die langfristigen Auswirkungen sind schwer vorhersagbar. Einige versuchen offenbar, Sicherheit durch das Sammeln von Toilettenpapier, Nudeln und Mehl wiederzugewinnen. Wenn es nicht so nerven würde, wäre es witzig. Andere begegnen der Veränderung mit Lebenskunst …

LebenskünstlerInnen als gute Beispiele

Lebenskunst, so habe ich es für diese Internetpräsenz einmal definiert, ist unkonventionell, berührt und braucht Mut. Und in diesem Sinne setzen viele Menschen gerade mit viel Engagement ihre Stärken, ihre Fähigkeiten und ihre Zeit entsprechend ihrer Werte ein. Davon möchte ich mich inspirieren lassen.

Am auffälligsten sind die Aktionen von Menschen, die über Social Media-Kanäle weite Verbreitung finden. Da sind Musikerinnen und Musiker wie Igor Levit, der mit seinen abendlichen Hauskonzerten über Twitter Menschen in aller Welt beglückt. Da sind viele, viele Leute, die noch mehr als bisher ihre Expertise zur Verfügung stellen, zum Beispiel zeigen, wie man selbst Kartoffeln anbaut, Kleidung flickt, Brot backt (okay, dafür bräuchte man Mehl), etc. Unser MBSR-Trainer (Mindfulness Based Stress Reduction), bei dem wir vor Jahren wir an einem Kurs teilgenommen haben, hat an alle ehemaligen einen Link zu seinen sämtlichen Materialien geschickt, damit wir gut zu Hause Achtsamkeit trotz großer Unsicherheit üben können. Das sind nur einige Beispiele, wie Menschen andere mit dem berühren, was sie besonders gut können.

Als ich bei meinen mehrfach gefährdeten Eltern anrief, um zu klären, ob ich mich besser fern halte oder besser für sie einkaufe (wohnen nicht ums Eck, aber an einem Tag gut machbar), beruhigten sie mich: Die Nachbarin rufe immer vorher an, wenn sie einkaufe, und bringe dann alles mit. „Bei meinen Eltern klappt das auch“, erzählte eine Bekannte. „Da hat sogar eine Studentin aus der Straße Flyer in die Briefkästen geworfen, weil sie jetzt Zeit hat und sich um andere kümmern kann.“ Wer besorgt ist und niemanden hat oder weiß, an den er sich wenden kann, erreicht bei der Telefonseelsorge gut ausgebildete Ehrenamtliche, die ihre Zeit zur Verfügung stellen, um die Nöte und Sorgen anderer aufzufangen.

Und schließlich sind da Viele, die ihren unverzichtbaren Job unter schwersten Bedingungen fortführen. Pflegerinnen und Pfleger in Seniorenheimen, Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten, Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie unzählige Angestellte im Einzelhandel tun derzeit alles, um den Wahnsinn aufzufangen – mit ihren jeweiligen Fähigkeiten, die ich nicht bieten kann.

Polizistinnen und Polizisten bleiben im Dienst, Pastorinnen und Pastoren stehen über Telefon, E-Mail und in Zweier-Spaziergängen besorgten Gemeindemitgliedern zur Seite, Politikerinnen und Politiker ringen um Entscheidungen in massiven Dilemma-Situationen. Zwar geben unter anderem die Beobachtungen der Geschehnisse in Italien, Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Analysen von Virologen und Ergebnisse aus dem Robert-Koch-Institut eine Richtung vor. Doch im Bewusstsein der massiven Konsequenzen für Unternehmen, Organisationen, Arbeitsplätze, für die Psyche einzelner und für die Gesellschaft diese Richtung im passenden Maße einzuschlagen, erfordert Mut und Standhaftigkeit.

Wenn Sie zu den beruflich gerade besonders Eingebundenen gehören, scheuen Sie sich nicht, die Hilfe derjenigen zu nutzen, die gerade unplanmäßig uneingebunden sind. Ansonsten lassen Sie sich fragen, …

Was können wir tun?

Präziser sollte ich fragen: Was können wir konstruktiv tun? Denn noch mehr Empörung und Bilder von leeren Nudelregalen zu verbreiten, dürfte die Situation nicht verbessern. Stattdessen notieren Sie doch einmal fix, was Ihnen leicht fällt, wo Ihre Stärken liegen, was Ihre Neigungen sind.

Fertig? Was steht auf Ihrer Liste?

  • Zuhören?
  • Reden?
  • andere zum Lachen bringen?
  • Ermutigen?
  • Singen?
  • Gitarre spielen?
  • Nähen?
  • Fahrräder reparieren?
  • Komplexe Informationen verständlich darstellen?
  • Haare schneiden?
  • …?

Und nun überlegen Sie sich, wie Sie Ihre Stärken unter den derzeitigen Umständen für andere einsetzen können. Grundsätzlich gibt es zwei Wege

  1. Die Stärke direkt einsetzen – nur vielleicht auf ungewöhnlichem Wege
  2. Anderen per Video, Text oder Audio zeigen bzw. erklären, wie es geht

Wenn Sie gerne backen und tatsächlich Mehl im Haus haben, könnten Sie – nach gründlichem Händewaschen – kleine Kuchen oder Kekse backen, den Nachbarn vor die Tür stellen, klingeln und schnell den gebührenden Abstand einnehmen. Oder Sie stellen Tipps für gute Kuchen mit wenig Zutaten ins Netz. Oder Sie schicken sie per Post oder E-Mail an Ihre Lieblingsnichte, die sie für Sie ins Netz stellt.

Wenn Sie gut zuhören können, gehen Sie doch einmal Ihre Kontaktliste durch, rufen jeden Tag einen Menschen an, der gerade besorgt oder einsam sein könnte und hören sich an, wie es ihm geht.

Wenn Sie andere gut zum Lachen bringen können, schreiben Sie doch lustige Kommentare auf Faceboot, Twitter oder sonstwo. Vielleicht können Sie toll zeichnen und aufmunternde Bildchen in den nachbarschaftlichen Briefkästen verbreiten. Apropos verbreiten – Sie können es sich auch zur Aufgabe machen, zur Verbreitung guter Nachrichten beizutragen oder zur Verbreitung fundierter Erkenntnisse über das Virus.

Das ändert zwar nichts daran, dass die Folgen der derzeitigen Einschränkungen für Viele einer wirtschaftlichen oder zwischenmenschlichen Vollkatastrophe gleich kommen. Aber den Umgang damit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Widerstandskraft können wir beeinflussen.

Denken Sie sich etwas aus, tun sie es, und denken Sie sich etwas Neues aus, wenn es nicht klappt!

Wie hohe Ansprüche die Laune verderben und Erfolgsaussichten mindern

„Das steht mir zu!“, weiß der Anspruchsvolle ganz genau, und da er voller Ansprüche steckt, steht ihm alles mögliche zu. Selbstverständlich. Ohne Frage, ohne Erklärung.

Zum Beispiel?

  • Liebe
  • eine funktionierende Waschmaschine
  • Zärtlichkeit des Partners
  • Akzeptanz
  • Sicherheit
  • Wohlstand
  • Respekt
  • freundliche Worte der Nachbarn
  • die Aufmerksamkeit des Chefs
  • billiger Konsum
  • ein Computer
  • gute Unterhaltung
  • Ruhe
  • gutes Essen in mindestens ausreichender Menge
  • Gesundheit
  • 25-30 Tage Urlaub
  • ausgezeichneter Service

Was soll daran falsch sein?

Wie hohe Ansprüche die Laune verderben

Gehen wir einmal vom besten Fall aus: Ich glaube, mir steht etwas zu, und ich bekomme es. Zum Beispiel eine funktionierende Waschmaschine. Ich halte eine funktionierende Waschmaschine für eine Selbstverständlichkeit.  Die Folge: Wenn ich sie habe und sie funktioniert, bemerke ich das kaum. Es nervt mich höchstens, dass ich auch noch die Wäsche sortieren und hineinpacken muss. Dann auch noch wieder herausnehmen und womöglich aufhängen – puh!

Auf keinen Fall stehe ich täglich begeistert vor meiner Waschmaschine und freue mich darüber, wie sehr sie mir das Leben erleichtert. Ich käme mir albern vor – und verzichte damit auf einen täglichen Beitrag zur Lebensfreude. Halb so wild.

Schlimmer ist es, wenn die Waschmaschine nicht funktioniert. Ich bin empört! Das kann nicht sein, weil’s nicht sein darf – vor allem nicht bei einem so jungen Gerät. Wutschnaubend rufe ich den Kundenservice an. Als ich endlich einen Mitarbeiter an den Apparat kriege, ist der nicht einmal angemessen betreten, sondern fragt, ob ich die richtigen Knöpfe gedrückt habe. Geht’s noch? Servicewüste! Vielleicht sollte ich einen Shitstorm lostreten.

In dieser Hinsicht ähneln Waschmaschinen grüßenden Nachbarn, aufmerksamen Chefs und liebevollen Partnern: Solange sie ‚funktionieren‘, wie ich es für selbstverständlich halte, fällt es mir nicht weiter auf. Kein Grund zur Dankbarkeit, Freude oder gar Begeisterung. Sie können meine Stimmung nicht heben. Aber wehe, sie erfüllen meine Erwartungen nicht! Dann können sie meine Stimmung ganz schnell trüben und ich bin wahlweise enttäuscht, beleidigt, empört, wütend oder traurig.

Das lässt sich sogar auf die eigene Person beziehen: Wenn ich meinem anspruchsvollen Selbstbild nicht entspreche, muss ich mir entweder geschickt etwas vormachen oder ich mache mir Vorwürfe.

Je mehr hohe Ansprüche wir haben, desto häufiger haben wir den Eindruck, zu kurz zu kommen, übergangen zu werden, benachteiligt zu sein. Das macht keinen Spaß. Es macht griesgrämig, mürrisch und fordernd.

Wie hohe Ansprüche die Erfolgsaussichten trüben

Was ich für selbstverständlich halte, sage ich nicht. Wenn ich nicht sage, was ich will, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es bekomme. Blöd, aber wahr.

Eine Chance besteht noch: Sobald ich das merke, könnte ich meine Bedürfnisse äußern – „Schatz, ich brauche jetzt eine Umarmung!“ Nur leider bin ich dazu zu empört oder beleidigt. Also äußere ich stattdessen einen Vorwurf – „Du merkst auch gar nichts!“ Dass das die Aussichten auf eine Umarmung eher senkt, dürfte klar sein.

Überhaupt: Leute, die dauernd eine Flappe ziehen, beleidigt oder empört sind, meckern, motzen und fordern, nerven auf Dauer. Wer nicht genauso mies drauf ist und sich nicht gerne gemeinsam im vermeintlichen Elend suhlt, geht lieber auf Abstand – und erfüllt die Bedürfnisse nach Nähe, freundlichen Worten und Aufmerksamkeit immer unwilliger.

Wenn andere nicht wissen, was ich brauche und von meiner schlechten Laune und meinen Vorwürfen abgestoßen werden, sinken meine Aussichten. Aber Schuld haben ja die anderen. Die haben einfach keine gute Kinderstube gehabt oder einen schlechten Charakter abbekommen.

Der Segen der Anspruchslosigkeit

Seien Sie ehrlich: Das Waschmaschinen-Beispiel fanden Sie banal, nicht wahr? Ist es nicht. Ich finde den Bericht gerade nicht, den ich als Quelle nutzen wollte, aber wenn sich die Welt in den letzten Jahren nicht extrem geändert hat, gehören wir mit einer funktionierenden Waschmaschine zur privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung – und meine Oma ist auch noch mit einem Waschbrett aufgewachsen (, das nichts mit ihrem Bauch zu tun hatte).

Anspruchslosigkeit im hier gemeinten Sinne ebnet den Weg zu mehr Zufriedenheit und Begeisterung. Im Duden steht für „anspruchslos“ „genügsam“ als Synonym. Das Gefühl, genug zu haben und zu bekommen, ist unglaublich erholsam und befriedigend. Ich kann mich über die zärtliche Umarmung meines Partner freuen, weil ich mir klar mache, dass er gerade tausend andere Dinge im Kopf haben könnte und ich nicht mehr überraschend neu für ihn bin.

Wenn etwas funktioniert, was auch funktionieren sollte, mache ich mir trotzdem ab und zu klar, dass viele Leue da ordentlich gearbeitet haben – bei Konstruktion, Herstellung und Transport. Je weniger ich für selbstverständlich halte, desto häufiger kann ich mich freuen und desto weniger regt es mich auf, wenn es oder er nicht ‚funktioniert‘.

Und je weniger ich voraussetze, desto mehr äußere ich meine Bedürfnisse und Erwartungen. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ich bekomme, was ich möchte, zumal ich so angenehm vorwurfsfrei auftrete.

Die Gefahr der Anspruchslosigkeit

Anspruchslosigkeit hat diese tollen Effekte nur in Partnerschaft mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Wenn ich glaube, nichts wert zu sein, dann steht mir gar nichts zu, und die Anspruchslosigkeit endet in Selbstverleugnung. Ich äußere keine Bedürfnisse, kläre keine Erwartungen und trete nicht für meine Rechte ein. Ich habe es ja nicht besser verdient.

„Anspruch“ ist mehrdeutig. Wer damit verbindet, sich selbst und andere auf gesunde Weise herauszufordern und sich dabei die Barmherzigkeit bewahrt, statt sich in einen ständig nörgelnden, vorwurfsvollen Gnom zu wandeln, ist auf gutem Wege. Anspruch kann in Partnerschaft mit Nachsicht viel Freude machen.

 

Es riecht nach Leben

Es riecht.
Nach Apfel, Birne und gekochten Bohnen.
Nach Blumen, frischem Heu, Parfum.
Nach Gülle, Silo, Schweinestall.
Nach Schweiß, nach Schnee, Kartoffelbrei.

Es riecht, ich rieche.
Die Atemluft trägt mir Gerüche zu.
Ich kann’s nicht ändern,
Nehme wahr, bewerte.
Faulig, eklig, übertrieben?
Welch ein Gestank!
Sanft und zart und blumig?
Ein Genuss, ein Duft!

Es riecht, ich riech’s.
Mal stinkt’s, mal duftet’s.
Ich genieß es.
Das ist Leben.