Zwischentöne – neu miteinander ins Gespräch kommen

Haben Sie auch den Eindruck, dass sich während der aktuellen COVID-19-Pandemie die Extreme um sich greifen? Verleugnung auf der einen Seite, Hysterie auf der anderen? Experten-Gläubige versus Experten-VerteuflerInnen? Und die jeweils andere Seite ist wahlweise wahnsinnig, völlig verblödet, naiv oder verschwurbelt? Eine ganz schlechte Gesprächsbasis! Und zum Glück nicht wahr …

Als erste mögliche Maßnahme, um nicht an den Mitmenschen zu verzweifeln, können Sie die sozialen Netzwerke ab und zu verlassen. Im realen Leben, das allerdings noch etwas eingeschränkt ist, erlebe ich zahlreiche Menschen, die der Unsicherheit ganz gesund und vernünftig begegnen. Die zweite Möglichkeit ist, eines meiner Lieblingsmodelle für wirksame Kommunikation und persönliche Entwicklung anzusehen, das ich hier schon seit Mitte März beschreiben möchte: das Werte- und Entwicklungsquadrat, wie ich es aus Miteinander Reden, Band 2, von Schulz von Thun kenne. So genial, so einfach, so mächtig. Fast alle, die irgendwann einmal ein Coaching bei mir gemacht haben, haben es kennengelernt. Und es lässt sich gleich dreifach nutzen. Wird deshalb ein etwas längerer Artikel …

Zwei gute Pole und zu viel des Guten

Ein Beispiel, um das Prinzip zu verdeutlichen: Was passiert, wenn ich jemandem sage, dass er oder sie ziemlich schroff kommuniziert und Menschen nicht besser werden, wenn man sie niedermacht? Richtig, mein Gegenüber wehrt sich damit, dass das Gegenextrem auch nicht besser ist: „Dieses wachsweiche Geschwafel kann ich nicht ausstehen.“ Yes! Mein Stichwort, ich darf malen …

Die meisten sinnvollen Verhaltensweisen haben einen positiven Gegenpol. Diese beiden Pole stehen im Entwicklungsquadrat oben. Je nach Situation und Gegenüber müssen wir konfrontativer oder diplomatischer sein, um wirksam zu kommunizieren. Und: Je nach eigener Persönlichkeit und Angewohnheit neigen wir eher zu einer Seite. Wenn wir die Gegenseite nicht beherrschen oder nie nutzen, rutschen wir in die untere Ebene ab – zu viel des Guten ist schlecht. Mindestens schlecht für die Kommunikation, weil wir damit nicht erreichen, was wir wollen. Fehlen nur noch die diagonalen Pfeile: Sie zeigen die Entwicklungsrichtung, die wir nehmen sollten, wenn wir zum Abrutschen neigen. Dieses Modell können wir als mächtiges Instrument nutzen,

  1. um eigenes Abrutschen zu vermeiden.
  2. um andere nicht in Schubladen zu stecken,
  3. um anderen aus Schubladen herauszuhelfen.

Dazu gleich mehr, zuerst die Übertragung auf die genannten COVID-19-Extreme.

Das Gute in den COVID-19-Diskussionsextremen

Als erstes greife ich Panik und Verleugnung heraus. Mit den beiden Begriffen ist die untere Ebene schon gefüllt. Was steckt jeweils Gutes und Vernünftiges darin? Hier mein Vorschlag:

Der erste Nutzen ist nun: nicht selber abrutschen. Dazu fragen Sie sich ehrlich, was Ihnen wichtiger ist und was Sie besser können. Betonen Sie häufiger, wie wichtig es ist, das Risiko ernst zu nehmen, oder dass man besonnen bleiben sollte? Im ersten Falle nehmen Sie besonders diejenigen wahr, die zu wenig Abstand halten, und unterstützen vorsichtige, schrittweise Lockerungen. Im zweiten Fall weisen Sie eher darauf hin, dass in Gegenden mit geringem Infektionsaufkommen mehr möglich sein sollte und dass die Ansteckungsgefahr draußen geringer ist als drinnen. Merken Sie, wie gut sich die beiden Positionen in einer Person miteinander vereinbaren lassen? Nehmen Sie ab und zu bewusst die Perspektive ein, die Ihnen weniger liegt, um nicht in ein Extrem zu verfallen.

Der zweite Nutzen fällt schwerer: Andere nicht voreilig in Extrem-Schubladen packen. Wenn uns der besonnene Pol leichter fällt, verdächtigen wir Leute, die mit der Gegenperspektive argumentieren, schnell der Panikmache. Umgekehrt genauso. Sofort ziehen wir möglichst eindrückliche Argumente für unsere aktuelle Perspektive heraus und das Gegenüber denkt: „Oh nein, einer dieser Verleugner, geht gar nicht“. Dabei wäre es ganz leicht, wenn man sich der Perspektiven bewusst ist, zu sagen: „Hast recht, es spricht viel dafür, dass in geschlossenen Räumen das Ansteckungsrisiko höher ist.“ Danach darf man dann meist auch betonen, dass man sich kreative Draußen-Lösungen wünscht, und schon hat man eine konstruktive Diskussion.

Zu optimistisch? Okay, vielleicht ist das Gegenüber tatsächlich gerade in ein Extrem gerutscht. Dazu muss es einem übrigens nicht an Intelligenz mangeln. Momentane Überforderung oder Irritation des eigenen Weltbildes können schon reicht. Hier kann der dritte Nutzen zum Tragen kommen: anderen aus der Extrem-Schublade heraushelfen. Ich finde, wenn das Gegenüber mir wichtig ist, ist es zumindest einen Versuch wert, auch wenn es zugegebenermaßen nicht unbedingt klappt. Dazu bestätigen Sie nicht die Extremposition, sondern nur den guten Anteil darin. Ihr Gegenüber leugnet das Risiko? Dann halten Sie doch einmal nicht gleich dagegen, sondern stellen fest, dass es tatsächlich sinnvoll ist, besonnen zu bleiben. Und jetzt der Clou: Hängen Sie NICHT „aber“ daran, sondern „und zugleich“ bzw. „Punkt. Zugleich …“. „Du hast recht, dass man beispielsweise draußen mit geringerer Wahrscheinlichkeit andere ansteckt. Wir müssen uns nicht einsperren. Zugleich ist mir wichtig, auch dort nicht unnötig zur Verbreitung der Infektion beizutragen.“ Wenn dann echt kommt, dass es doch gar kein Virus gibt, tja, dann war es wenigstens ein netter Versuch.

Zum Abschluss noch der Umgang mit (echten) ExpertInnen:

Ich habe weder die Kapazitäten noch die Kenntnisse, um alle ExpertInnen-Aussagen zu prüfen. Ohne Vertrauen geht es nicht. Zugleich müssen sich ExpertInnen mit dem aktuellen Erkenntnisstand weiterentwickeln, und sie können auch einmal wichtige Aspekte übersehen oder falsch einordnen. Also ist kritisches Nachfragen angemessen. Damit können Sie sich jetzt an die Arbeit machen:

  1. Prüfen Sie, ob Sie stärker vertrauen oder mehr kritisch nachfragen und halten Sie bewusst die Balance.
  2. Stempeln Sie vertrauensvolle Leute nicht voreilig als „naiv“ ab und kritische Personen nicht sofort als ExpertInnen verteufelnde „VerschwörungsschwurblerInnen“, sondern bestätigen Sie die berechtigte Zusatzperspektive und ergänzen dann Ihre Sichtweise.
  3. Bauen Sie den Extremen versuchsweise eine Brücke, indem Sie den berechtigten Anteil an ihrer Position würdigen. Sie werden schnell merken, ob Sie einem begrenzten Abrutschen oder einem geschlossenen Weltbild gegenüber stehen.

Lebenskunst in Corona-(COVID-19)-Zeiten

Kann mich mal jemand wachrütteln?

COVID-19 hat uns kalt erwischt. Wenn ich auf die letzte Woche zurückblicke, kommt sie mir vor wie viele Wochen. Die Neuigkeiten, die Nachrichten, die Veränderungen waren für eine einzige Woche viel zu dicht gedrängt. Ich lebe auf dem Land, und sobald ich mich aus der Informationsflut heraus nach draußen in den Garten begebe oder mit dem Hund durch die Gegend laufe, kommt mir alles ganz normal vor – vielleicht bis auf die 10 Menschen mehr auf dem Deich, die trotzdem noch 100 bis 300 Meter Abstand zueinander haben. Dann fühle ich mich, als hätte ich das alles, was gerade passiert, nur geträumt. Gleich wache ich auf und denke, was für verrückte Dinge man doch manchmal träumt. Ein wenig kommt es mir vor wie ein unerwarteter Todesfall – das kann doch nicht wahr sein! Von der Verleugnung bis zur Akzeptanz brauche ich Zeit.

Aber ich wache nicht auf. Unsere Lebensrealität hat sich radikal verändert, die langfristigen Auswirkungen sind schwer vorhersagbar. Einige versuchen offenbar, Sicherheit durch das Sammeln von Toilettenpapier, Nudeln und Mehl wiederzugewinnen. Wenn es nicht so nerven würde, wäre es witzig. Andere begegnen der Veränderung mit Lebenskunst …

LebenskünstlerInnen als gute Beispiele

Lebenskunst, so habe ich es für diese Internetpräsenz einmal definiert, ist unkonventionell, berührt und braucht Mut. Und in diesem Sinne setzen viele Menschen gerade mit viel Engagement ihre Stärken, ihre Fähigkeiten und ihre Zeit entsprechend ihrer Werte ein. Davon möchte ich mich inspirieren lassen.

Am auffälligsten sind die Aktionen von Menschen, die über Social Media-Kanäle weite Verbreitung finden. Da sind Musikerinnen und Musiker wie Igor Levit, der mit seinen abendlichen Hauskonzerten über Twitter Menschen in aller Welt beglückt. Da sind viele, viele Leute, die noch mehr als bisher ihre Expertise zur Verfügung stellen, zum Beispiel zeigen, wie man selbst Kartoffeln anbaut, Kleidung flickt, Brot backt (okay, dafür bräuchte man Mehl), etc. Unser MBSR-Trainer (Mindfulness Based Stress Reduction), bei dem wir vor Jahren wir an einem Kurs teilgenommen haben, hat an alle ehemaligen einen Link zu seinen sämtlichen Materialien geschickt, damit wir gut zu Hause Achtsamkeit trotz großer Unsicherheit üben können. Das sind nur einige Beispiele, wie Menschen andere mit dem berühren, was sie besonders gut können.

Als ich bei meinen mehrfach gefährdeten Eltern anrief, um zu klären, ob ich mich besser fern halte oder besser für sie einkaufe (wohnen nicht ums Eck, aber an einem Tag gut machbar), beruhigten sie mich: Die Nachbarin rufe immer vorher an, wenn sie einkaufe, und bringe dann alles mit. „Bei meinen Eltern klappt das auch“, erzählte eine Bekannte. „Da hat sogar eine Studentin aus der Straße Flyer in die Briefkästen geworfen, weil sie jetzt Zeit hat und sich um andere kümmern kann.“ Wer besorgt ist und niemanden hat oder weiß, an den er sich wenden kann, erreicht bei der Telefonseelsorge gut ausgebildete Ehrenamtliche, die ihre Zeit zur Verfügung stellen, um die Nöte und Sorgen anderer aufzufangen.

Und schließlich sind da Viele, die ihren unverzichtbaren Job unter schwersten Bedingungen fortführen. Pflegerinnen und Pfleger in Seniorenheimen, Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten, Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie unzählige Angestellte im Einzelhandel tun derzeit alles, um den Wahnsinn aufzufangen – mit ihren jeweiligen Fähigkeiten, die ich nicht bieten kann.

Polizistinnen und Polizisten bleiben im Dienst, Pastorinnen und Pastoren stehen über Telefon, E-Mail und in Zweier-Spaziergängen besorgten Gemeindemitgliedern zur Seite, Politikerinnen und Politiker ringen um Entscheidungen in massiven Dilemma-Situationen. Zwar geben unter anderem die Beobachtungen der Geschehnisse in Italien, Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Analysen von Virologen und Ergebnisse aus dem Robert-Koch-Institut eine Richtung vor. Doch im Bewusstsein der massiven Konsequenzen für Unternehmen, Organisationen, Arbeitsplätze, für die Psyche einzelner und für die Gesellschaft diese Richtung im passenden Maße einzuschlagen, erfordert Mut und Standhaftigkeit.

Wenn Sie zu den beruflich gerade besonders Eingebundenen gehören, scheuen Sie sich nicht, die Hilfe derjenigen zu nutzen, die gerade unplanmäßig uneingebunden sind. Ansonsten lassen Sie sich fragen, …

Was können wir tun?

Präziser sollte ich fragen: Was können wir konstruktiv tun? Denn noch mehr Empörung und Bilder von leeren Nudelregalen zu verbreiten, dürfte die Situation nicht verbessern. Stattdessen notieren Sie doch einmal fix, was Ihnen leicht fällt, wo Ihre Stärken liegen, was Ihre Neigungen sind.

Fertig? Was steht auf Ihrer Liste?

  • Zuhören?
  • Reden?
  • andere zum Lachen bringen?
  • Ermutigen?
  • Singen?
  • Gitarre spielen?
  • Nähen?
  • Fahrräder reparieren?
  • Komplexe Informationen verständlich darstellen?
  • Haare schneiden?
  • …?

Und nun überlegen Sie sich, wie Sie Ihre Stärken unter den derzeitigen Umständen für andere einsetzen können. Grundsätzlich gibt es zwei Wege

  1. Die Stärke direkt einsetzen – nur vielleicht auf ungewöhnlichem Wege
  2. Anderen per Video, Text oder Audio zeigen bzw. erklären, wie es geht

Wenn Sie gerne backen und tatsächlich Mehl im Haus haben, könnten Sie – nach gründlichem Händewaschen – kleine Kuchen oder Kekse backen, den Nachbarn vor die Tür stellen, klingeln und schnell den gebührenden Abstand einnehmen. Oder Sie stellen Tipps für gute Kuchen mit wenig Zutaten ins Netz. Oder Sie schicken sie per Post oder E-Mail an Ihre Lieblingsnichte, die sie für Sie ins Netz stellt.

Wenn Sie gut zuhören können, gehen Sie doch einmal Ihre Kontaktliste durch, rufen jeden Tag einen Menschen an, der gerade besorgt oder einsam sein könnte und hören sich an, wie es ihm geht.

Wenn Sie andere gut zum Lachen bringen können, schreiben Sie doch lustige Kommentare auf Faceboot, Twitter oder sonstwo. Vielleicht können Sie toll zeichnen und aufmunternde Bildchen in den nachbarschaftlichen Briefkästen verbreiten. Apropos verbreiten – Sie können es sich auch zur Aufgabe machen, zur Verbreitung guter Nachrichten beizutragen oder zur Verbreitung fundierter Erkenntnisse über das Virus.

Das ändert zwar nichts daran, dass die Folgen der derzeitigen Einschränkungen für Viele einer wirtschaftlichen oder zwischenmenschlichen Vollkatastrophe gleich kommen. Aber den Umgang damit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Widerstandskraft können wir beeinflussen.

Denken Sie sich etwas aus, tun sie es, und denken Sie sich etwas Neues aus, wenn es nicht klappt!

Wie hohe Ansprüche die Laune verderben und Erfolgsaussichten mindern

„Das steht mir zu!“, weiß der Anspruchsvolle ganz genau, und da er voller Ansprüche steckt, steht ihm alles mögliche zu. Selbstverständlich. Ohne Frage, ohne Erklärung.

Zum Beispiel?

  • Liebe
  • eine funktionierende Waschmaschine
  • Zärtlichkeit des Partners
  • Akzeptanz
  • Sicherheit
  • Wohlstand
  • Respekt
  • freundliche Worte der Nachbarn
  • die Aufmerksamkeit des Chefs
  • billiger Konsum
  • ein Computer
  • gute Unterhaltung
  • Ruhe
  • gutes Essen in mindestens ausreichender Menge
  • Gesundheit
  • 25-30 Tage Urlaub
  • ausgezeichneter Service

Was soll daran falsch sein?

Wie hohe Ansprüche die Laune verderben

Gehen wir einmal vom besten Fall aus: Ich glaube, mir steht etwas zu, und ich bekomme es. Zum Beispiel eine funktionierende Waschmaschine. Ich halte eine funktionierende Waschmaschine für eine Selbstverständlichkeit.  Die Folge: Wenn ich sie habe und sie funktioniert, bemerke ich das kaum. Es nervt mich höchstens, dass ich auch noch die Wäsche sortieren und hineinpacken muss. Dann auch noch wieder herausnehmen und womöglich aufhängen – puh!

Auf keinen Fall stehe ich täglich begeistert vor meiner Waschmaschine und freue mich darüber, wie sehr sie mir das Leben erleichtert. Ich käme mir albern vor – und verzichte damit auf einen täglichen Beitrag zur Lebensfreude. Halb so wild.

Schlimmer ist es, wenn die Waschmaschine nicht funktioniert. Ich bin empört! Das kann nicht sein, weil’s nicht sein darf – vor allem nicht bei einem so jungen Gerät. Wutschnaubend rufe ich den Kundenservice an. Als ich endlich einen Mitarbeiter an den Apparat kriege, ist der nicht einmal angemessen betreten, sondern fragt, ob ich die richtigen Knöpfe gedrückt habe. Geht’s noch? Servicewüste! Vielleicht sollte ich einen Shitstorm lostreten.

In dieser Hinsicht ähneln Waschmaschinen grüßenden Nachbarn, aufmerksamen Chefs und liebevollen Partnern: Solange sie ‚funktionieren‘, wie ich es für selbstverständlich halte, fällt es mir nicht weiter auf. Kein Grund zur Dankbarkeit, Freude oder gar Begeisterung. Sie können meine Stimmung nicht heben. Aber wehe, sie erfüllen meine Erwartungen nicht! Dann können sie meine Stimmung ganz schnell trüben und ich bin wahlweise enttäuscht, beleidigt, empört, wütend oder traurig.

Das lässt sich sogar auf die eigene Person beziehen: Wenn ich meinem anspruchsvollen Selbstbild nicht entspreche, muss ich mir entweder geschickt etwas vormachen oder ich mache mir Vorwürfe.

Je mehr hohe Ansprüche wir haben, desto häufiger haben wir den Eindruck, zu kurz zu kommen, übergangen zu werden, benachteiligt zu sein. Das macht keinen Spaß. Es macht griesgrämig, mürrisch und fordernd.

Wie hohe Ansprüche die Erfolgsaussichten trüben

Was ich für selbstverständlich halte, sage ich nicht. Wenn ich nicht sage, was ich will, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es bekomme. Blöd, aber wahr.

Eine Chance besteht noch: Sobald ich das merke, könnte ich meine Bedürfnisse äußern – „Schatz, ich brauche jetzt eine Umarmung!“ Nur leider bin ich dazu zu empört oder beleidigt. Also äußere ich stattdessen einen Vorwurf – „Du merkst auch gar nichts!“ Dass das die Aussichten auf eine Umarmung eher senkt, dürfte klar sein.

Überhaupt: Leute, die dauernd eine Flappe ziehen, beleidigt oder empört sind, meckern, motzen und fordern, nerven auf Dauer. Wer nicht genauso mies drauf ist und sich nicht gerne gemeinsam im vermeintlichen Elend suhlt, geht lieber auf Abstand – und erfüllt die Bedürfnisse nach Nähe, freundlichen Worten und Aufmerksamkeit immer unwilliger.

Wenn andere nicht wissen, was ich brauche und von meiner schlechten Laune und meinen Vorwürfen abgestoßen werden, sinken meine Aussichten. Aber Schuld haben ja die anderen. Die haben einfach keine gute Kinderstube gehabt oder einen schlechten Charakter abbekommen.

Der Segen der Anspruchslosigkeit

Seien Sie ehrlich: Das Waschmaschinen-Beispiel fanden Sie banal, nicht wahr? Ist es nicht. Ich finde den Bericht gerade nicht, den ich als Quelle nutzen wollte, aber wenn sich die Welt in den letzten Jahren nicht extrem geändert hat, gehören wir mit einer funktionierenden Waschmaschine zur privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung – und meine Oma ist auch noch mit einem Waschbrett aufgewachsen (, das nichts mit ihrem Bauch zu tun hatte).

Anspruchslosigkeit im hier gemeinten Sinne ebnet den Weg zu mehr Zufriedenheit und Begeisterung. Im Duden steht für „anspruchslos“ „genügsam“ als Synonym. Das Gefühl, genug zu haben und zu bekommen, ist unglaublich erholsam und befriedigend. Ich kann mich über die zärtliche Umarmung meines Partner freuen, weil ich mir klar mache, dass er gerade tausend andere Dinge im Kopf haben könnte und ich nicht mehr überraschend neu für ihn bin.

Wenn etwas funktioniert, was auch funktionieren sollte, mache ich mir trotzdem ab und zu klar, dass viele Leue da ordentlich gearbeitet haben – bei Konstruktion, Herstellung und Transport. Je weniger ich für selbstverständlich halte, desto häufiger kann ich mich freuen und desto weniger regt es mich auf, wenn es oder er nicht ‚funktioniert‘.

Und je weniger ich voraussetze, desto mehr äußere ich meine Bedürfnisse und Erwartungen. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ich bekomme, was ich möchte, zumal ich so angenehm vorwurfsfrei auftrete.

Die Gefahr der Anspruchslosigkeit

Anspruchslosigkeit hat diese tollen Effekte nur in Partnerschaft mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Wenn ich glaube, nichts wert zu sein, dann steht mir gar nichts zu, und die Anspruchslosigkeit endet in Selbstverleugnung. Ich äußere keine Bedürfnisse, kläre keine Erwartungen und trete nicht für meine Rechte ein. Ich habe es ja nicht besser verdient.

„Anspruch“ ist mehrdeutig. Wer damit verbindet, sich selbst und andere auf gesunde Weise herauszufordern und sich dabei die Barmherzigkeit bewahrt, statt sich in einen ständig nörgelnden, vorwurfsvollen Gnom zu wandeln, ist auf gutem Wege. Anspruch kann in Partnerschaft mit Nachsicht viel Freude machen.

 

Es riecht nach Leben

Es riecht.
Nach Apfel, Birne und gekochten Bohnen.
Nach Blumen, frischem Heu, Parfum.
Nach Gülle, Silo, Schweinestall.
Nach Schweiß, nach Schnee, Kartoffelbrei.

Es riecht, ich rieche.
Die Atemluft trägt mir Gerüche zu.
Ich kann’s nicht ändern,
Nehme wahr, bewerte.
Faulig, eklig, übertrieben?
Welch ein Gestank!
Sanft und zart und blumig?
Ein Genuss, ein Duft!

Es riecht, ich riech’s.
Mal stinkt’s, mal duftet’s.
Ich genieß es.
Das ist Leben.