Wie hohe Ansprüche die Laune verderben und Erfolgsaussichten mindern

„Das steht mir zu!“, weiß der Anspruchsvolle ganz genau, und da er voller Ansprüche steckt, steht ihm alles mögliche zu. Selbstverständlich. Ohne Frage, ohne Erklärung.

Zum Beispiel?

  • Liebe
  • eine funktionierende Waschmaschine
  • Zärtlichkeit des Partners
  • Akzeptanz
  • Sicherheit
  • Wohlstand
  • Respekt
  • freundliche Worte der Nachbarn
  • die Aufmerksamkeit des Chefs
  • billiger Konsum
  • ein Computer
  • gute Unterhaltung
  • Ruhe
  • gutes Essen in mindestens ausreichender Menge
  • Gesundheit
  • 25-30 Tage Urlaub
  • ausgezeichneter Service

Was soll daran falsch sein?

Wie hohe Ansprüche die Laune verderben

Gehen wir einmal vom besten Fall aus: Ich glaube, mir steht etwas zu, und ich bekomme es. Zum Beispiel eine funktionierende Waschmaschine. Ich halte eine funktionierende Waschmaschine für eine Selbstverständlichkeit.  Die Folge: Wenn ich sie habe und sie funktioniert, bemerke ich das kaum. Es nervt mich höchstens, dass ich auch noch die Wäsche sortieren und hineinpacken muss. Dann auch noch wieder herausnehmen und womöglich aufhängen – puh!

Auf keinen Fall stehe ich täglich begeistert vor meiner Waschmaschine und freue mich darüber, wie sehr sie mir das Leben erleichtert. Ich käme mir albern vor – und verzichte damit auf einen täglichen Beitrag zur Lebensfreude. Halb so wild.

Schlimmer ist es, wenn die Waschmaschine nicht funktioniert. Ich bin empört! Das kann nicht sein, weil’s nicht sein darf – vor allem nicht bei einem so jungen Gerät. Wutschnaubend rufe ich den Kundenservice an. Als ich endlich einen Mitarbeiter an den Apparat kriege, ist der nicht einmal angemessen betreten, sondern fragt, ob ich die richtigen Knöpfe gedrückt habe. Geht’s noch? Servicewüste! Vielleicht sollte ich einen Shitstorm lostreten.

In dieser Hinsicht ähneln Waschmaschinen grüßenden Nachbarn, aufmerksamen Chefs und liebevollen Partnern: Solange sie ‚funktionieren‘, wie ich es für selbstverständlich halte, fällt es mir nicht weiter auf. Kein Grund zur Dankbarkeit, Freude oder gar Begeisterung. Sie können meine Stimmung nicht heben. Aber wehe, sie erfüllen meine Erwartungen nicht! Dann können sie meine Stimmung ganz schnell trüben und ich bin wahlweise enttäuscht, beleidigt, empört, wütend oder traurig.

Das lässt sich sogar auf die eigene Person beziehen: Wenn ich meinem anspruchsvollen Selbstbild nicht entspreche, muss ich mir entweder geschickt etwas vormachen oder ich mache mir Vorwürfe.

Je mehr hohe Ansprüche wir haben, desto häufiger haben wir den Eindruck, zu kurz zu kommen, übergangen zu werden, benachteiligt zu sein. Das macht keinen Spaß. Es macht griesgrämig, mürrisch und fordernd.

Wie hohe Ansprüche die Erfolgsaussichten trüben

Was ich für selbstverständlich halte, sage ich nicht. Wenn ich nicht sage, was ich will, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es bekomme. Blöd, aber wahr.

Eine Chance besteht noch: Sobald ich das merke, könnte ich meine Bedürfnisse äußern – „Schatz, ich brauche jetzt eine Umarmung!“ Nur leider bin ich dazu zu empört oder beleidigt. Also äußere ich stattdessen einen Vorwurf – „Du merkst auch gar nichts!“ Dass das die Aussichten auf eine Umarmung eher senkt, dürfte klar sein.

Überhaupt: Leute, die dauernd eine Flappe ziehen, beleidigt oder empört sind, meckern, motzen und fordern, nerven auf Dauer. Wer nicht genauso mies drauf ist und sich nicht gerne gemeinsam im vermeintlichen Elend suhlt, geht lieber auf Abstand – und erfüllt die Bedürfnisse nach Nähe, freundlichen Worten und Aufmerksamkeit immer unwilliger.

Wenn andere nicht wissen, was ich brauche und von meiner schlechten Laune und meinen Vorwürfen abgestoßen werden, sinken meine Aussichten. Aber Schuld haben ja die anderen. Die haben einfach keine gute Kinderstube gehabt oder einen schlechten Charakter abbekommen.

Der Segen der Anspruchslosigkeit

Seien Sie ehrlich: Das Waschmaschinen-Beispiel fanden Sie banal, nicht wahr? Ist es nicht. Ich finde den Bericht gerade nicht, den ich als Quelle nutzen wollte, aber wenn sich die Welt in den letzten Jahren nicht extrem geändert hat, gehören wir mit einer funktionierenden Waschmaschine zur privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung – und meine Oma ist auch noch mit einem Waschbrett aufgewachsen (, das nichts mit ihrem Bauch zu tun hatte).

Anspruchslosigkeit im hier gemeinten Sinne ebnet den Weg zu mehr Zufriedenheit und Begeisterung. Im Duden steht für „anspruchslos“ „genügsam“ als Synonym. Das Gefühl, genug zu haben und zu bekommen, ist unglaublich erholsam und befriedigend. Ich kann mich über die zärtliche Umarmung meines Partner freuen, weil ich mir klar mache, dass er gerade tausend andere Dinge im Kopf haben könnte und ich nicht mehr überraschend neu für ihn bin.

Wenn etwas funktioniert, was auch funktionieren sollte, mache ich mir trotzdem ab und zu klar, dass viele Leue da ordentlich gearbeitet haben – bei Konstruktion, Herstellung und Transport. Je weniger ich für selbstverständlich halte, desto häufiger kann ich mich freuen und desto weniger regt es mich auf, wenn es oder er nicht ‚funktioniert‘.

Und je weniger ich voraussetze, desto mehr äußere ich meine Bedürfnisse und Erwartungen. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ich bekomme, was ich möchte, zumal ich so angenehm vorwurfsfrei auftrete.

Die Gefahr der Anspruchslosigkeit

Anspruchslosigkeit hat diese tollen Effekte nur in Partnerschaft mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Wenn ich glaube, nichts wert zu sein, dann steht mir gar nichts zu, und die Anspruchslosigkeit endet in Selbstverleugnung. Ich äußere keine Bedürfnisse, kläre keine Erwartungen und trete nicht für meine Rechte ein. Ich habe es ja nicht besser verdient.

„Anspruch“ ist mehrdeutig. Wer damit verbindet, sich selbst und andere auf gesunde Weise herauszufordern und sich dabei die Barmherzigkeit bewahrt, statt sich in einen ständig nörgelnden, vorwurfsvollen Gnom zu wandeln, ist auf gutem Wege. Anspruch kann in Partnerschaft mit Nachsicht viel Freude machen.

 

Es riecht nach Leben

Es riecht.
Nach Apfel, Birne und gekochten Bohnen.
Nach Blumen, frischem Heu, Parfum.
Nach Gülle, Silo, Schweinestall.
Nach Schweiß, nach Schnee, Kartoffelbrei.

Es riecht, ich rieche.
Die Atemluft trägt mir Gerüche zu.
Ich kann’s nicht ändern,
Nehme wahr, bewerte.
Faulig, eklig, übertrieben?
Welch ein Gestank!
Sanft und zart und blumig?
Ein Genuss, ein Duft!

Es riecht, ich riech’s.
Mal stinkt’s, mal duftet’s.
Ich genieß es.
Das ist Leben.