Wie Europa wieder Spaß machen würde

Europa? Krise!

Was bleibt einem als Lebenskünstler in einer Krise? Die Resignation kann es nicht sein, denn die hat mit Kunst, mit aktiver Gestaltung, nichts zu tun. Der Rückzug auf erwiesenermaßen unsinnige Scheinlösungen wie Nationalismus kann es auch nicht sein, denn dazu muss man die Geschichte und die aktuellen Bedingungen der globalisierten Welt gleichzeitig ausblenden. Ein Lebenskünstler gestaltet aber bewusst. Eine andere Herangehensweise ist es, eine Utopie zu entwerfen.

Bei Wikipedia (abgerufen am 27.1.17) heißt es: „Politische Utopien, wie sie erstmals Thomas Morus entwickelt hat, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die in ihrer Zeit bestehenden sozio-ökonomischen Verhältnisse und Institutionen umfassend kritisieren und aus ihrer Kritik heraus eine fiktive, in sich nachvollziehbare Alternative entwerfen.“ Bei „Utopie“ denke ich schnell an „nicht umsetzbar.“ Treffender ist aber wohl „nicht kurzfristig umsetzbar.“ Das klingt nun wieder sehr nach Lebenskunst!

*

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin und Direktorin des European Democracy Lab in Berlin, entwirft in ihrem Buch Warum Europa eine Republik werden muss!: Eine politische Utopie* das Bild eines als Republik geeinten Europas.

Europa: Gründe für die Krise

Im ersten Teil analysiert Guérot, wie und warum Europa in eine tiefe Krise geraten ist. Das entspricht der umfassenden Kritik, die in der Wikipedia-Definition oben erwähnt wird. Im Kern geht es darum, dass die Europäische Union in ihrer Struktur zu verworren und undemokratisch ist, dass es den europäischen Bürgern an politischer Gleichheit fehlt und die nationalen Interessen immer wieder dem Gemeinwohl entgegen stehen. Die gegebenen Machtverhältnisse und Interessenslagen führten dazu, dass insbesondere die ländlichen Regionen und Europas Randregionen abgehängt würden. Und da die Menschen der EU die Lösung nicht mehr zutrauen, gibt es einen Rückfall in Nationalismen – trotz der Erfahrung, dass das in der Vergangenheit immer zu Krieg und Zerstörung  geführt hat, nicht zu Wohlstand und Freiheit. Und trotz des Wissens: Die kleinen Einzelstaaten haben in der globalisierten Welt auch keine Chance. Ein Dilemma.

Europa: Ein Ausweg

Als Ausweg präsentiert Guérot im zweiten Teil* die Euroäische RePublik, deren P sie groß schreibt, um die Bedeutung des Gemeinwohls zu unterstreichen. Eine Republik sei genau das System, das zwischen Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus stehe. „Das Bild, das hier vor Augen steht, zeigt lebendige, sich weitgehend selbstregierende europäische Provinzen unter dem gemeinsamen rechtlichen Dach einer Europäischen Republik, animiert und belebt von Bürgern, statt von Nationen“, schreibt sie auf S. 122. Die Autorin führt aus, wie die politische, die territoriale und die wirtschaftliche Neuordnung aussehen könnte.

Im dritten Teil, dem „Nachklapp“ betrachtet Guérot noch die Rolle dreier Gruppen: die Frauen, die Jugend und die Bildungs-Elite.

Europa: Gar nicht so utopisch

Das Buch* lässt sich als Provokation lesen, als Ermutigung und als Drama. Die Dramatik, die es mir vor Augen führt, könnte lähmen, wenn da nicht zugleich die Lösungsansätze wären, die so utopisch gar nicht sind. Ich kann das hier aus zwei Gründen nicht genauer erläutern. Erstens würde die Abhandlung zu lang werden und zweitens müsste ich das Buch noch mindestens zweimal lesen. Das spricht vielleicht nicht für meinen politischen Bildungsstand. Trotzdem: Es ist mir teilweise sprachlich zu intellektuell. Ich halte die Inhalte für sehr spannend, motivierend und diskussionswürdig, nicht nur für Eliten, und hätte mir gewünscht, dass es für ein breiteres Publikum noch angenehmer zu lesen ist.

Davon sollte sich niemand vom Lesen abhalten lassen, sondern sich gerne herausfordern lassen. Ohne manchmal mühsamen Hirneinsatz werden wir die Kurve in Europa vermutlich nicht kriegen. Vieles ist schon angedacht und entworfen. Es lässt sich weder einfach, noch schnell umsetzen und durchsetzen, zeigt aber eine attraktive Möglichkeit auf. Vor allem ist das Buch wohl als Einladung geschrieben und auch so lässt es sich lesen: Eine Einladung, am Aufbau eines gemeinwohlorientierten Europas mitzuarbeiten, statt sich in die Resignation zu flüchten oder in Lösungen, die bekanntermaßen nicht funktionieren. Ob das dann so aussieht, wie die Autorin es vorschlägt? Vielleicht.


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Optimismus lernen von Nick Vujicic

Wer ist denn Nick Vujicic? Knapp gesagt: Nick ist ein humorvoller, attraktiver junger Mann ohne Arme und Beine. Ein Widerspruch? Auf keinen Fall! An seinem Vorbild können wir wunderbar Optimismus lernen.

Wie Nick Vujicic ohne Arme und Beine Menschen berührt

Als ich ein Youtube-Video von Nick Vujicic gesehen habe, in dem er eine Rede vor Schülern hält, war ich peinlich berührt – und zwar davon, wie sehr es mich berührt hat. Dabei war es doch so „typisch amerikanisch“! Es nützt nichts, ich finde diesen Menschen und seine Geschichte inspirierend. Weil er Dinge tut, die gar nicht gehen können.

Ein Mensch, der statt Armen, Händen, Beinen und Füßen nur einen einzigen linken Stummelfuß am Rumpf hat, kann wohl kaum selbstständig aufstehen, trommeln, tauchen und surfen – und nicht vor Lebensfreude strotzen! Kann er doch, sagt und zeigt mir Nick. Natürlich wollte ich mehr darüber wissen, was ihn zu einem in meinen Augen solch paradoxen Menschen gemacht hat, und da ich mehr eine Leserin als eine Hörerin bin, habe ich mir sein Buch Mein Leben ohne Limits* gekauft.

Darin stellt er klar, wie schwer es ihm oft gefallen ist, sich, seinen Körper und seine Situation zu akzeptieren. Gerade das macht seine Geschichte glaubhaft. Seine Mission, die er mit seinen Büchern und Vorträgen verfolgt, beschreibt er im Vorwort von Mein Leben ohne Limits* so: „Ich will die Leute, die meine Geschichte hören und lesen, ermutigen, ihre eigenen Herausforderungen zu meistern“ (S. 11). Das gelingt ihm gerade durch den offensichtlichen Mangel an Gliedmaßen besonders gut. Die Leute hören ihm intensiv zu, wie ich es im erwähnten Video gesehen habe, weil er der lebende Beweis für das ist, was er sagt. Statt mit den Händen berührt er Menschen mit seiner Lebensfreude und seiner Geschichte.

Als Beispiel für die Themen, die Nick Vujicic in Mein Leben ohne Limits* angeht, greife ich das fünfte Kapitel heraus: „Alles eine Frage der Einstellung“.

Optimismus lernen durch hilfreiche Einstellungen

Vehement vertritt Nick am Anfang des fünften Kapitels, dass es sich nicht um einen platten Motivationsposter-Spruch handelt, wenn er sagt: „Verändere deine Grundeinstellung und du veränderst dein Leben“ (S. 113)*. Mir ist sympathisch, dass er das nicht nur an seiner eigenen Geschichte zeigt, sondern die Beispiele anderer Menschen bringt, deren Geschichten wiederum ihn ermutigt haben. Er hat selbst viel durch Vorbilder gelernt und will anderen ein ermutigendes Vorbild sein.

Nur: Wie ändert man seine Grundeinstellung? Offenbar unter anderem durch den Umgang mit Menschen, die eine hilfreichere Grundeinstellung haben. Doch konkret empfiehlt er hier das „Reframing“, das Umdeuten. Zum Beispiel könne man sich auf die Dinge konzentrieren, die einem nicht passiert sind, statt auf das, was einem passiert ist. Wir alle können bewusst konstruktive innere Dialoge führen.

Ich habe dafür viele Beispiele bei meinen Interviews für 827 Jahre Lebenserfahrung  gehört. Besonders auffällig war es bei Hanne R., die immer wieder betonte, wie viel Glück sie im Leben gehabt habe, dann die Geschichte eines Unglücks erzählte und sich zutiefst dankbar dafür zeigte, wie glimpflich es letztlich ausgegangen sei. Auch Christel B. fällt mir dabei ein, die mir lachend erzählte, wie gemütlich die Schweine grunzten, bei denen sie auf der Flucht übernachten mussten.

Ärger, Trauer und Zorn gehörten nach einem Tiefschlag dazu, räumt Nick Vujicic ein, aber nach dieser Phase gelte es, sich aufzurappeln und die Perspektive zu wechseln. Vier hilfreiche Einstellungen legt er dem Leser und der Leserin besonders ans Herz:

  • Dankbarkeit
  • Aktivität
  • Mitgefühl
  • Vergebung

Als Beispiel dafür, wie eine dankbare Einstellung einen aus dem Loch ziehen kann, erzählt Nick von Joni Eareckson Tada, deren Geschichte ihn früh ermutigt hat. Sie hatte als Jugendliche bei einem Kopfsprung in einem See eine Querschnittslähmung erlitten. Aus der Opferrolle herauszukommen und dankbar für das zu werden, was sie kann, habe ihr entscheidend geholfen.

Der zweite Weg sei es, eine aktive Einstellung zu entwickeln. Hier erzählt der Autor von einer Mutter, deren Tochter von einem Betrunkenen überfahren wurde. Sie gründetet die Initiative „Mothers Against Drunk Driving“ (MADD) und hat durch deren Aktivität möglicherweise andere Müttern ein ähnliches Schicksal erspart.

Ähnlich wie bei der dankbaren Einstellung geht es bei der mitfühlenden Einstellung darum, die Blickrichtung zu ändern, in diesem Fall von sich selbst weg zu anderen: „Wenn du einen harten Schlag verkraften musst, schau nicht nach innen, sondern schau dich um“, empfiehlt Nick Vujicic. Trauer und Schmerz seien berechtigt, aber würden schneller heilen, wenn man andere bei ihrer Heilung unterstütze.

Es ist leicht nachvollziehbar, dass Nick Vujicic wütend über sein Schicksal war, zornig auf Gott und die Welt und auf die Mitschüler, die über ihn herzogen. Dummerweise belastet dieser Zorn einen selbst am meisten: „Wenn du an deinen Verletzungen festhältst, gibst du denen Macht und Kontrolle über dich, die dich überhaupt erst verletzt haben. Vergibst du ihnen, durchschlägst du die Ketten. Sie können dir nichts mehr anhaben“ (S. 131)*.  Vergebung habe eine besonders weitreichende Kraft, aber sei vielleicht auch die am schwersten zu lernende Haltung, räumt Nick ein.

Sich wachrütteln lassen

Nick Vujicic gelingt es besonders gut, mich vom statischen Denken („Ich kann das nicht“) ins dynamische Denken („Ich kann das noch nicht“) hinüber zu schubsen: Wenn der es sogar geschafft hat, ohne Gliedmaßen zu surfen, verlieren Etiketten wie „zu alt“, „zu unsportlich“, „zu unbegabt“ ihre Überzeugungskraft. Die meisten Behinderungen sind wohl doch in meinem Kopf, und wenn ich etwas ernsthaft will, muss ich hartnäckig weiter probieren und fragen: Wenn es so nicht geht, wie könnte es dann gehen?

Überlegen Sie selbst: Von welchen vermeintlichen Behinderungen lassen Sie sich von Ihren Träumen abhalten?


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Wie Sie systematisch Ihr Selbstwertgefühl stärken

Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken, fühlen Sie sich besser UND erreichen mehr.

Was für ein Versprechen, oder? Darin stecken einige Behauptungen, die Sie vielleicht überraschen:

  • Ihr Selbstwertgefühl ist veränderbar.
  • Sie können es selbst beeinflussen, unabhängig vom Verhalten anderer.
  • Ein starkes Selbstwertgefühl  bringt Verhaltensweisen mit sich, die Ihre Aussichten auf Erfolg erhöhen.

Lebenskunst ohne gesundes Selbstwertgefühl funktioniert nicht. Denn Lebenskunst ist unkonventionell, braucht Mut und berührt. Ein mangelndes Selbstwertgefühl führt zum Gegenteil. Also: Was können Sie tun, wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken wollen?

Dazu möchte ich Ihnen heute das Buch Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls* von Nathaniel Branden vorstellen.

Was ist Selbstwertgefühl (nicht)

Selbstwertgefühl, wie Nathaniel Branden es beschreibt, besteht aus zwei Komponenten:

  1. Selbstwirksamkeit
  2. Selbstachtung

Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken möchten, müssen Sie an diesen beiden Themen arbeiten.

Mit Selbstwirksamkeit meint Branden das Vertrauen auf den eigenen Verstand. Das heißt nicht, dass Sie schon alles können und wissen, um sämtliche Herausforderungen des Lebens zu meistern. Es heißt, dass Sie in der Lage sind, sich alles dafür Notwendige anzueignen, wenn es so weit ist. Sie vertrauen darauf, dass sie die notwendigen Informationen finden können, dass Sie die erforderlichen Fähigkeiten entwickeln können und dass Sie hilfreiche Leute finden können.

Selbstachtung beschreibt Branden als die Überzeugung vom eigenen Wert. Bei gesunder Selbstachtung halten Sie es für normal und natürlich, Freunde zu haben und glücklich zu sein. Sie haben das gleiche Recht auf Freude und Erfüllung wie Ihre Mitmenschen und stellen das nicht in Frage.

Und diese Einstellung können wir uns selbst aneignen?

Wenn wir unsere Selbstachtung erhöhen möchten, müssen wir so handeln, dass sie durch unser Handeln erhöht wird.… Klick um zu Tweeten

Und mit der passenden Methodik können wir uns zum entsprechenden Handeln motivieren. Eine solche Methodik liefert Branden in seinem Buch.

Zusammengefasst sagt er über das Selbstwertgefühl:

„Das Vertrauen auf den eigenen Verstand und das Wissen, dass man es wert ist, glücklich zu sein, sind die Essenz des Selbstwertgefühls.“ (N. Branden, Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls*, S. 18)

Selbstwertgefühl stärken: Was bringt es?

Warum hat das Selbstwertgefühl nicht nur etwas mit dem Gefühl zu tun, sondern auch mit dem Erfolg? Wir Psychologen nennen das Prinzip ‚Selbsterfüllende Prophezeiungen‚. Das klingt klug und ist trotzdem unkompliziert: Unser Selbstwertgefühl führt zu Erwartungen, was uns möglich ist und was wir ‚verdienen‘. Diese Erwartungen bestimmen darüber, wie wir uns verhalten. Was wir tun und was wir lassen. Und wie wir es tun. Nun kommen wir zum letzten Schritt: Was wir tun, wie wir es tun und was wir lassen, bestimmt die Ergebnisse.

Ein schlichtes Beispiel: Jemand steht das erste Mal vor einem Fahrkartenautomaten in einer fremden Stadt. Auf dem Bildschirm erscheinen verschiedene Ticketarten und Tarifzonen. Hinter ihm bildet sich eine Schlange.

Ein gesundes Selbstwertgefühl sagt diesem Menschen: Du kannst herausfinden, wie das funktioniert, wenn du es dir in Ruhe anschaust und etwas herumprobierst (Selbstwirksamkeit). Da du es das erste Mal machst und die Tarifzonen nicht kennst, hast du jedes Recht, länger zu brauchen, auch wenn sich hinter dir eine Schlange bildet (Selbstachtung). Wenn du schneller sein willst, kannst du auch den Menschen hinter dir um Hilfe bitten. Das Ergebnis: Der Fahrgast hat seine Fahrkarte, erwischt seine Bahn und kann beim nächsten Mal den Automaten schneller bedienen.

Ein mangelndes Selbstwertgefühl sagt diesem Menschen: Das ist viel zu kompliziert. Du würdest ewig brauchen und am Ende das falsche Ticket haben. Außerdem hältst du die ganzen Menschen hinter dir völlig unberechtigt auf. Pass auf, dass sie nicht merken, was für ein Trottel du bist. Das Ergebnis: Der Fahrgast tut so, als hätte er etwas Wichtiges vergessen, entfernt sich vom Automaten und stellt sich im Reisezentrum in die Schlange. Seine Bahn verpasst er und beschließt, dass er zukünftig besser wieder mit dem Auto fährt. Das Gefühl der Inkompetenz verstärkt sich.

Das Selbstwertgefühl - ob hoch oder gering - ist ein Generator selbsterfüllender Prophezeiungen. (Branden) Klick um zu Tweeten

Mit einem hohen Selbstwertgefühl leitet Sie die Zuversicht, nicht die Furcht. Es zeigt sich unter anderem …

  • … in Lebensfreude
  • … im entspannten Geben und Annehmen von Komplimenten
  • … in Offenheit für Kritik
  • … im Mut, Fehler einzugestehen
  • … in der Fähigkeit zur aggressionsarmen Selbstbehauptung
  • … in Entspannung und Ungezwungenheit

Das macht doch Lust auf Mehr, oder?

6 Praktiken zur Stärkung des Selbstwertgefühls

Also: Wie geht es? Leider haben Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl oft falsche Vorstellungen davon, wie sie es stärken könnten.

„Unser Selbstwertgefühl wird nicht durch den Applaus anderer geschaffen. Ebensowenig durch Belesenheit, materiellen Besitz, die ehe, die Elternschaft, philanthropische Bemühungen, sexuelle Eroberungen oder dadurch, dass wir uns das Gesicht liften lassen.“ (N. Branden, Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls*,  S. 71)

Wenn wir mit diesen Dingen versuchen, unser Selbstwertgefühl zu stärken, werden wir enttäuscht, machen uns abhängig und benutzen unsere Partner und Kinder, statt ihnen zu begegnen. Es funktioniert nicht.

Direkt am Selbstwertgefühl können wir nicht arbeiten. Wir können aber Haltungen und Verhaltensweisen praktizieren, die unser Selbstwertgefühl stärken. Nathaniel Branden beschreibt sechs Praktiken, die dazu beitragen:

  1. Bewusst leben
  2. Sich selbst annehmen
  3. Eigenverantwortlich leben
  4. Sich selbstsicher behaupten
  5. Zielgerichtet leben
  6. Persönliche Integrität

Zu jeder dieser Säulen, die das Selbstwertgefühl tragen, gibt es ein ganzes Kapitel, das sie näher erläutert. Ich finde die Erläuterungen sehr anregend. Noch interessanter sind aber vielleicht die jeweiligen Übungen.

Das Selbstwertgefühl mit Satzergänzungsübungen stärken

Die Satzergänzungsmethode ist unglaublich einfach. Sie müssen es nur tun. Das Prinzip funktioniert so: Sie bekommen mehrere Satzanfänge, die sie nacheinander mit sechs bis zehn Endungen ergänzen – schnell, spontan, ohne nachzudenken. Zwei Beispiele für solche Satzanfänge:

  •  „Bewusst leben heißt für mich …“
  • „Wenn ich meinen Beschäftigungen heute 5 Prozent mehr Bewusstheit entgegenbringe, …“

Ergänzungen könnten im ersten Fall sein:

  • „… den Augenblick zu spüren.“
  • „… intensiv zu leben.“
  • „… grüne Äpfel zu sehen.“

Grüne Äpfel? Egal! Sie sollen einfach schreiben, nicht nachdenken. Auch nicht nachlesen. Das Drauflos-Schreiben führt dazu, dass sie neben einigem Unsinn interessante Antworten aus sich heraus fischen können, die Ihrem Bewusstsein gar nicht gleich zugänglich waren. Das machen Sie fünf Tage lang für die gleichen Satzanfänge. Alle Wiederholungen und jeder Unsinn sind erlaubt. Am Wochenende lesen Sie sich den Spaß in Ruhe durch und machen das gleiche dann mit dem Satzanfang:

„Wenn irgend etwas von dem, was ich diese Woche geschrieben habe, wahr ist, dann wäre es hilfreich, wenn ich …“

Und dann? Ich bin so gestrickt, dass ich aus den Ergebnissen etwas heraussuchen würde und einen Umsetzungsplan formulieren würde. Nathaniel Branden behauptet, dass schon diese Übungen alleine Veränderungen bewirken. Wenn ich darüber nachdenke, ist das nicht abwegig. Durch die Reflexion habe ich ja neue Erkenntnisse, die mein Denken und Fühlen und damit auch mein Verhalten beeinflussen. Einen Versuch ist es allemal wert. Denn erstens sind die Übungen schnell gemacht und zweitens können Sie die Reflexionsergebnisse immer noch in einen Projektplan gießen, wenn Ihnen die Veränderung nicht reicht. Sie haben sie ja aufgeschrieben.

Viel Spaß mit den 6 Säulen des Selbstwertgefühls!

Was Ihre Potenzialentfaltung fördert

Sie haben Potenzial! Viel davon.

Potenzialentfaltung bedeutet, dass Sie die in Ihnen angelegten Möglichkeiten verwirklichen. Die Möglichkeiten sind schon da. Sie müssen sie nicht erst entwickeln.

Prof. Dr. Gerald Hüter ermutigt uns in seinem Buch Etwas mehr Hirn bitte*, die Freude am eigenen Denken und die Lust am gemeinsamen Gestalten neu zu entdecken. Wie kommt ein Neurobiologe denn auf so etwas? Nun ja, er weiß viel über unser Gehirn.

Ich habe das Buch gelesen, mir einen Vortrag von ihm auf YouTube angesehen und Gerald Hüther beim Symposium zur Positiven Psychologie in Hamburg gehört. Nun möchte ich Sie einladen, sich ebenfalls mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen, die er da verbreitet.

Ein Gehirn voller Möglichkeiten

Einleitend schreibt der Autor von den Voraussetzungen, die unser Gehirn mitbringt.

Die vielleicht wichtigste Voraussetzung zur Potenzialentfaltung aus neurobiologischer Sicht: Unser Gehirn ist veränderbar. Die zahlreichen Nervenzellen darin schließen sich zu funktionalen Netzwerken zusammen.  Und: Dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Es kann zu immer neuen und anderen Verknüpfungen kommen. Das nennt sich „Neuroplastizität„.

Wonach entscheiden die Nervenzellen, wie sie sich verknüpfen? Ist das genetisch programmiert? Nein. Sie richten sich nach unseren Erfahrungen. Eine Anregung für die nächste Party: Fragen Sie Ihre Freunde doch einmal, wie sie die ‚Erfahrungsabhängige Neuroplastizität‚ finden. Was so kompliziert klingt, bedeutet: Welche Netzwerke im Gehirn entstehen, wie sich die Nervenzellen verknüpfen, hängt davon ab, „wie und wofür jemand sein Gehirn benutzt“ (Pos. 99 in der Kindle-Fassung von Etwas mehr Hirn bitte*). Deshalb macht Übung den Meister.

Erfahrungen können wir herbeiführen. Das ist die große Hoffnung, die Hüther in dem Buch einleitend formuliert:

„Überall dort, wo sich Menschen ohne Angst und ohne Zwang und auch ohne ideologische Verblendungen zusammenfinden, können sie versuchen, ihr Zusammenleben anders zu gestalten als bisher. Sie können kleine Inseln in Form von Gemeinschaften schaffen, wo niemand mehr seine angeborene Lust am eigenen Denken verlieren muss.“ (Etwas mehr Hirn bitte*, Pos. 173)

Eine ziemliche Herausforderung. Aber lohnend.

Hinderliche Vorstellungen für die Potenzialentfaltung

Im ersten Teil schreibt Hüther über den Erkenntnisprozess. Eigene Erkenntnisse können wir nur gewinnen, wenn wir selber denken und erleben. Was sollte uns davon abhalten? Unsere festgefahrenen Vorstellungen könnten die Übeltäter sein.

Intensive oder häufige Wahrnehmungen und Erfahrungen verdichten sich zu festen Vorstellungen über uns, die Welt, unsere Mitmenschen. Schleichend entwickeln wir Überzeugungen, die unser ganzes Denken bestimmen. Leidvolle Beziehungserfahrungen können zu Überzeugungen führen, die unsere Potenzialentfaltung verhindern. Hüther nennt einige Beispiele dafür (Pos. 290):

  • Ich bin zu dumm.
  • Ich störe.
  • Auf meine Ideen kommt es nicht an.
  • Ich halte mich lieber an das, was alle anderen auch denken.

Alle Überzeugungen, die ein statisches Mindset ausmachen, gehören dazu. Vielleicht ist das, was Carol Dweck über das Selbstbild* schreibt, eine gute Ergänzung zu dem hier vorgestellten Buch. Denn sie erklärt, wie sich Kritik und Erziehung so gestalten lassen, dass wir ein dynamisches Selbstbild fördern.

Auf die Beziehungserfahrungen kommt es an. Sie sind für jeden unterschiedlich. So ist jeder einzigartig geformt durch seine Erfahrungen mit anderen. Gemeinschaft und Einzigartigkeit gehören zusammen. Das heißt:

Sich abzuschotten, um sich vor unangenehmen Erfahrungen zu schützen, hilft unserer Potenzialentfaltung nicht weiter. Klick um zu Tweeten

Potenzialentfaltung durch Zugehörigkeit und Autonomie

Wir wollen uns als Subjekt erleben, das selbst denkt und selbstbestimmt handelt. Zugleich wollen wir uns einer Gemeinschaft zugehörig fühlen. Oft ist das ein Spannungsfeld, denn in vielen Gemeinschaften gilt: Wer anders denkt oder nicht wie geplant funktioniert, wird ausgeschlossen.

Im zweiten Teil von Etwas mehr Hirn bitte* schreibt Hüther über die Strukturierung des menschlichen Gehirns durch soziale Erfahrungen. Die Probleme beginnen demnach da, wo wir einander zu Objekten machen. Objekte unserer Erwartungen.

Ich hatte in Gesprächen mit anderen den Eindruck, dass hier die Verwirrungen beginnen. Darf ich etwa von anderen nichts mehr erwarten? Darf ich Kinder nicht erziehen? Wir wissen doch, dass Kinder Grenzen suchen und brauchen. Ja, sicher. Doch ich denke, wir können Erwartungen aneinander richten und Grenzen setzen und uns zugleich als Subjekte behandeln. Objekte sind Dinge, die ich benutze. Subjekte sind eigenständige Wesen, denen ich begegne und in ihrer Eigenständigkeit respektiere. Den Unterschied in der inneren Haltung bemerken Kinder, Partner und Kollegen.

Trotzdem: Die praktische Umsetzung finde ich sehr herausfordernd. Unsere Gewohnheiten sowie die Strukturen und Systeme in unseren Familien, Schulen, Unternehmen und Organisationen verführen uns häufig dazu, andere als Objekte zu behandeln oder uns selbst so zu fühlen.

Im dritten Teil schreibt Hüther über Potenzialentfaltung in menschlichen Gemeinschaften. Wir bräuchten Gemeinschaften, in denen wir eigenständig denken dürfen und uns trotzdem sicher und zugehörig fühlen. Klick um zu Tweeten Darin können neue Erkenntnisse entstehen und Potenziale sich durch neue Verknüpfungen entfalten. Führungskräfte in solchen Teams verstehen sich nicht als ‚Macher‘, die sagen, wo es lang geht, sondern als ‚Ermöglicher‘, die dafür sorgen, dass sich alle mit ihren Ideen und Möglichkeiten einbringen.

Gerald Hüther ‚wirbt‘  in Etwas mehr Hirn bitte* für „Gemeinschaften, deren Mitglieder einander als autonom denkende Subjekte begegnen. Die ihre Erkenntnisse, zu denen sie als Einzelne gelangt sind, miteinander teilen und sich anschließend auf den Weg machen, um das was ihnen allen am Herzen liegt und worauf sie sich geeinigt haben, gemeinsam umzusetzen. Mutig und entschlossen, ohne Angst vor Ausgrenzung und Abwertung durch andere und ohne selbst andere Menschen zu Objekten ihrer Absichten, Bewertungen und Erwartungen oder gar ihrer Maßnahmen zu machen.“ (Pos. 2481)

Gemeinsam haben wir deutlich mehr Hirn als alleine. Denken Sie mit?


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Dynamisches Mindset – Jeder kann besser werden

Wer ständig erzählt bekommt, er sei schlau und begabt, verliert schnell den Mut!

Wie kann das sein? Carol Dweck liefert darauf in ihrem Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt* nachvollziehbare Antworten. Bevor ich darauf näher eingehe, ein kurzes Beispiel:

Meister zweier Disziplinen

Josh Waitzkin ist ein Meister zweier Disziplinen, von denen ich nahezu keine Ahnung habe: Schach und Tai Chi Chuan. Vom Schach war er schon als kleines Kind hin und weg, mit Tai Chi Chuan hat er später begonnen. Wie kann es sein, dass er in so unterschiedlichen Feldern Spitzenleistungen entwickelt hat? Seine größte Fähigkeit ist, wie er selbst schlussfolgert, nicht Schach oder Tai Chi Chuan. Es ist die Kunst des Lernens. Genau darüber hat er ein Buch geschrieben: The Art of Learning*.

Er erzählt darin von einem Trainingspartner, der ihn ständig in der Kampfform des Tai Chi besiegt hat, bevor er den Angriff überhaupt bemerkt hat. Von diesem Gegner hat Josh Waitzkin sich immer und immer wieder besiegen lassen. Irgendwann war seine Wahrnehmung so geschult, dass er die Angriffe kommen sah und schnell genug agieren konnte. Er begann seinerseits zu siegen. Und der Trainingspartner begann ihn zu meiden. Damit vergab dieser die Chance, ebenfalls besser zu werden.

Das ist ein anschauliches Beispiel für zwei entgegengesetzte Haltungen zu den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Eine davon erschließt unsere Potenziale, die andere hält uns im Status Quo fest.

Das Selbst entwickeln oder bestätigen

Carol Dweck hat in ihren Studien diese zwei Grundhaltungen untersucht. Ich lasse sie gerne erst einmal selbst zu Wort kommen. Da sie hier Englisch spricht, schreibe ich danach noch ein paar Worte.

Die zwei Grundhaltungen, die sie in Selbstbild* beschreibt sind:

  1. Statisches Denken versus
  2. Dynamisches Denken

Die erste Einstellung lautet: Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten sind von meinen Talenten und Begabungen bestimmt. Dadurch sind sie von vornherein festgelegt.

Die zweite Einstellung lautet: Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickle ich durch

  • meinen Lerneinsatz,
  • meine Lernstrategien und
  • durch die Unterstützung guter Mentoren

Beim Statischen Denken sind Fehler und Misserfolge Bedrohungen für das Selbstbild. Da bekommt das Ego vor jeder neuen Herausforderung neue Panik. Wenn ich verliere oder nicht bestehe, ist es besiegelt: Ich bin unfähig und dumm. Die Konsequenz ist erbärmlich: Ich wage nichts. Und zwar unabhängig davon, ob ich mich für vorherbestimmt klug oder dämlich halte. Auch die vermeintlich Kluge würde riskieren, dumm dazustehen. Das würde ihr Selbstbild zerstören und, so die Annahme, Verwandte und Freunde enttäuschen. Klar: Wer will sich schon mit einer Versagerin brüsten? Carol Dweck beschreibt, wie Kindergartenkinder mit diesem ‚Mindset‘ lieber das schon bekannte Puzzle wiederholt haben und ihren Erfolg bestätigt haben als eines mit mehr Teilen auszuprobieren.

Beim Dynamischen Denken sind Fehler und Misserfolge natürliche Lernerfahrungen. Sie definieren nicht die Person. Es gibt keinen Grund, das Bekannte zu wiederholen. Langweilig! Die Kindergartenkinder wählen die nächste Herausforderung. Wenn sie es nicht schaffen, müssen sie sich eben mehr anstrengen oder von jemandem lernen, der es besser weiß.

Jemand, der etwas besser kann, wirkt inspirierend auf jemanden mit dynamsicher Einstellung. Für jemanden mit statischer Einstellung ist er eine Bedrohung. Genau das beschreibt das obige Beispiel von Josh Waitzkin und seinem Trainingspartner.

Noch nicht bestanden – Wie wir ein ‚Growth Mindset‘ fördern können

In ihrem Stanford Alumni Vortrag erzählt Dweck von einer High School in Chicago. Wer durch die Prüfungen fällt, bekommt ein ‚Noch nicht bestanden‘. Damit drückt die Schule aus: Wenn du dir Mühe gibst, kannst du es beim nächsten Mal schaffen.

Unser ‚Mindset‘ ist veränderbar. Ohnehin kann es für unterschiedliche Lebensbereiche verschieden aussehen. Auch in einem Bereich kann ich mal so mal so denken. Also kann ich auch beobachten, was bei mir welche Einstellung antriggert.

Dwecks Studien haben gezeigt, dass unterschiedliche Fragestellungen und Rückmeldungen das statische und dynmische Denken fördern. Entscheidend ist bei Lob und Kritik: Es geht um den Prozess, nicht um Talent oder Begabung. Lob und Kritik sollten wir entsprechend auf den Einsatz, die Hartnäckigkeit oder die Entwicklung beziehen. Das gilt auch für unsere Selbstgespräche.

Es geht nicht alles aber es geht mehr

Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass alle die gleiche Ausgangsbasis haben und jeder alles werden kann. Sie bedeuten aber, dass niemand auf seinem jetzigen Stand bleiben muss. Das gilt für unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten genauso wie für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen – und für die Entwicklung der Lebenskunst.

In ihrem Vortrag erzählt Carol Dweck vom Brief eines 14jährigen. Er habe ihr Buch gelesen und es habe ihn gefreut, dass es auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Deshalb hat er die dynamische Haltung in drei Lebensbereichen ausprobiert. Mit folgenden Ergebnissen:

  • Er hat bessere Noten in der Schule.
  • Er hat eine bessere Beziehung zu seinen Eltern.
  • Er hat eine bessere Beziehung zu seinen Mitschülern.

Sein Fazit: Er muss feststellen, dass er den größten Teil seines bisherigen Lebens verschwendet hat. Carol Dweck und ihr Publikum lachen. Er hat hoffentlich noch viel Leben vor sich.

Verschwenden wir unser Leben nicht mit den Etiketten, die andere oder wir selbst uns gegeben haben, sondern stellen uns neugierig den Herausforderungen und lernen aus unseren Misserfolgen.


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