827 Jahre Lebenserfahrung

Bereichernde Begegnungen

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Zehn lebensbejahende Menschen erzählen in meinem Buch 827 Jahre Lebenserfahrung* ihre ganz persönliche Geschichte. In ihrem langen Leben haben sie bei Schweinen übernachtet und Häuser gekauft, sich nach Brot gesehnt und Kartoffelpuffer genossen. Sie sind in Bunker geflüchtet und haben Volksfeste besucht, haben Kinder geboren und Ehepartner begraben, Kühe gehütet und Konzerte besucht. Dabei haben sie sich ihre Lebensfreude bis ins hohe Alter erhalten. Ich habe jeden meiner Gesprächspartner gefragt, worauf es im Leben ankommt und was er oder sie jüngeren Menschen empfiehlt.

Stellen Sie sich vor, Sie begegnen jemandem mit 827 Jahren Lebenserfahrung, der gerne lebt und Ihnen verrät, worauf es ankommt. Das gibt es leider nicht. Deshalb habe ich mit zehn Personen gesprochen …

Protagonistinnen und Protagonisten der Lebenserfahrung

Ilse G., meine Schwiegermutter und Testperson für dieses Buch, war zum Zeitpunkt unseres Gesprächs 88 Jahre alt. Vor kurzem hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert, und es war kein „Dinner for One“, sondern es kamen über 40 Personen – zur Hauptfeier. Danach gab es noch einige Nachfeiern in ihren verschiedenen Kreisen. In ihrer Geschichte wird deutlich, wie sehr es sich durch ihr Leben gezogen hat, aktiv auf andere zuzugehen und Freundschaften zu pflegen.

Hanna S. war 83 Jahre alt, als ich sie über ihr Leben befragte. Wie ihre Mutter dünnes Gewebegarn zusammendrehte, um daraus Unterwäsche für die Kinder zu stricken, hat mir die Knappheit der Kriegsjahre drastisch veranschaulicht. Zu ihrem Mann ist sie auf sehr ungewöhnlichem Wege gekommen und hat ihn, ähnlich wie Ilse ihren Mann, sehr früh wieder verloren. Starker Glaube, enger Familienzusammenhalt und pragmatische Annahme jeder Herausforderung haben hier eine große Rolle gespielt.

Im Zentrum des Gesprächs mit Christel B. stand ihre Flucht mit ihrer Mutter aus Hinterpommern über Parchim und Bergedorf bis Bremen. Auch sie war bei unserem Gespräch 83 Jahre alt. Ihre Lebensgeschichte klang wie eine Abenteuergeschichte. Sie hat es geschafft, neuen Situationen immer wieder mit Entdeckerlaune zu begegnen.

Egon W. ist mein einziger Wuppertaler Protagonist und war bei unserem Gespräch 80 Jahre alt. Seine Geradlinigkeit drückt sich in der Geschichte seines Berufslebens genauso aus wie in seinem Privatleben. In beiden Bereichen spielt sein Glaube eine starke Rolle – und die Fähigkeit, über die eigenen Schwächen lachen zu können.

Günter G., bei unserem Gespräch 81 Jahre alt, war in seinen Erzählungen ähnlich detailreich wie Christel. Auch er hat als gebürtiger Berliner zu Kriegszeiten verschiedene Stationen kennengelernt, hat in Westpreußen beobachtet, wie intelligenter Widerstand aussehen kann und hat mit starkem Willen, hartnäckigem Einsatz und guter Organisation fast alle seine Ziele erreicht.

Dela und Fritz H. waren das einzige Paar das ich interviewt habe. Sie waren 88 und 79 Jahre alt, und ich hätte viel verpasst, wenn ich nur einen Teil des Paares gehört hätte. Die altersmäßige Ausnahme hat sich gelohnt. Ihre Partnerschaft und ihr unerschütterlicher Humor haben ihre Lebensgeschichte und unser Gespräch bestimmt. Wenn ich Beispiele für besonders resiliente, widerstandsfähige Menschen nennen sollte, würden mir die beiden mit als erste einfallen.

Hanne R. war 80 Jahre alt, als wir uns zum Gespräch trafen. Sie hat behauptet, sie hätte in diesen 80 Jahren dauernd Glück gehabt und deshalb allen Grund, lebensfroh zu sein. In ihrer Geschichte wird besonders deutlich, wie sehr Glück eine Frage der Perspektive ist. Sie beschönigt keine Schwierigkeiten, begeistert sich aber so sehr für das Gute und Gelungene, dass es letztlich die Oberhand behält.

Marliese B., ebenfalls 80 Jahre bei unserem Gespräch, steht nicht gerne in der ersten Reihe. Sobald sie ihre erste Zurückhaltung abgelegt hatte, kamen ihre Vielseitigkeit, ihre Energie und ihr Humor zum Vorschein. Berufliche Karriere und Familienleben standen bei ihr nacheinander im Vordergrund. In beiden Bereichen hat sie auf ihre ganz eigene Art aus der zweiten Reihe gewirkt und Chancen ergriffen und übernimmt bis heute Aufgaben, die sie ausfüllen, ohne zu überfordern.

Marie D., meine letzte Gesprächspartnerin für dieses Buch, war bei meinem Besuch 85 Jahre alt und mähte noch selbst ihren Rasen. Stark geprägt haben sie die Jahre, die sie als junges Mädchen auf dem Bauernhof verbringen musste. Dagegen empfand sie die spätere Arbeit in der Weberei als Erholung. Wie Christel hat sie ihren Mann, ihre einzige Liebe, auf einem Volksfest kennengelernt, doch seine Rente konnten sie nicht mehr gemeinsam genießen. Mit Disziplin und Leidenschaft kümmert sie sich um das, was ihr Leben ausmacht – ihre Blumengestecke, ihren Garten, ihre Näharbeiten, ihre Kinder und Enkel.

Am Schluss des Buches habe ich mein Fazit gezogen zu Ähnlichkeiten und Besonderheiten meiner lebensfrohen Gesprächspartner. Lesen Sie ihre bereichernden Geschichten selbst* und ziehen Sie Ihr eigenes Fazit. Es ist auch direkt bei BOD bestellbar oder im örtlichen Buchhandel.

Inspiriert von Sven Langenkamp

Sven Langenkamp ist 34 Jahre alt und lebt gleich neben meinen Eltern in einem idyllischen Dorf ohne nennenswerte Infrastruktur. Eigentlich kann dort nur arbeiten, wer Landwirt oder Förster ist. Es sei denn, man hat eine besondere Idee …

Vergangenen Sonntag haben wir Sven Langenkamp in seiner Handwerksbuchbinderei besucht und ich war in vielfacher Hinsicht  begeistert:

  • Ich habe meinen ehemaligen Nachbarn kaum wiedererkannt.
  • Er hat sich eine sehr stilvolle, aufgeräumte und freundliche Werkstatt geschaffen.
  • Man kann an einem Buch ALLES selber machen, wenn man es kann.
  • Wenn man das kann, ist jedes Format in höchster Qualität möglich.
  • Durch die unterschiedlichen Materialien, Prägungen und Größen, ist die Auswahl schier endlos.
  • Diese Bücher fühlen sich einfach gut an.

Ein Mensch in seinem Element

Buchbinderei Langenkamp

In den letzten Jahren habe ich Sven Langenkamp vielleicht dreimal bei besonderen Geburtstagen oder Jubiläen meiner Eltern getroffen. In meinem Hinterkopf war er als sehr stiller, zurückhaltender Mensch abgespeichert. Als wir am Sonntag bei ihm klingelten, wirkte er entspannt und offen und nahm uns mit zu seinem Werkstatteingang.

Gleich hinter der Eingangstür steht ein Regal mit Notiz- und Gästebüchern unterschiedlichster Größe. Sogar kleine Schlüsselanhänger-Notizbücher in unterschiedlichsten Farben sind dort zu finden.

Buchauswahl BuchbindereiOben führt Sven uns vorbei an einer kleinen Küche in seine Werkstatt. Gemeinsam mit seinem Vater hat er den ehemaligen Dachboden in sein persönliches Arbeitsparadies verwandelt.  Durch große Dachfenster strömt Tageslicht herein, das durch das Orange-Gelb der hinteren Wand selbst an diesem grauen Oktobertag freundlich wirkt. Rechts neben der Tür steht auf einem Schreibtisch ein antikes Telefon neben einem Mac, links der Tür ein altes, liebevoll gepolstertes Sofa, auf dessen Rückenlehne es sich der Kater gemütlich macht. Auf mehreren Arbeitstischen sind Pressen, Schneidemaschinen und mir unbekannte Gerätschaften angeordnet. In einer Ecke liegen riesige Papierbögen, in einer anderen ein Ledervorrat. An den Wänden hängen alte Fotografien.

Wir sind in einer anderen Welt, die Sven sich geschmackvoll und genau nach seinen Vorstellungen gestaltet hat. Er lächelt, erzählt und erklärt, während wir aus dem Staunen nicht herauskommen.

Flotter Zuschnitt für die  Buchdecke

Die Hauptbestandteile eines Buches sind der Buchblock und die Buchdecke. Beides erstellt Sven aus den Rohmaterialien selbst nach eigenen Ideen und/oder Kundenwünschen.

„So eine Buchdecke können wir mal eben machen“, sagt er. „Auf welche Farbe hättet Ihr denn mal Lust?“

Wir stehen neben dem Lederstapel und mir gefällt gleich das oberste ganz ausgezeichnet, ein Vintage-Leder. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, ob Sven auch noch das Jagen selbst übernimmt. Nein, das habe er sich abgewöhnt. Das Leder bestellt er zum Teil online, zum Teil bezieht er es von einem lokalen Schuster, der auch noch alles per Hand fertigt und zum Teil von einem großen süddeutschen Händler.

„Das ist ökologisch gegerbt und von glücklichen süddeutschen Kühen“, betont Sven. „Man weiß, wo es herkommt. Da lege ich auch Wert drauf, dass das nicht die heilige Kuh aus Indien ist, die da zum Buch verarbeitet wird.“

Für Individualmaße müsste der Buchbinder erst einmal den Lederbedarf berechnen. Wir nehmen ein Standardmaß, für das er sich eine Schablone gefertigt hat, die er auf einen schönen Ausschnitt unseres Lederstücks legt. Mit dem Rollschneider fährt er daran entlang und das Grobmaß ist fertig. Mit der kleineren der großen Papierschneidemaschine schneidet er das Stück auf Feinmaß zurecht, zuerst genau einen rechten Winkel und dann, mit einem prüfenden Blick auf seine Maßtabelle, die übrigen Kanten. Die Maße hat er sich farblich hinterlegt ausgedruckt und auf die Tischecke geklebt. Er muss nichts suchen und schneidet flott und exakt das Leder zu.

„Das macht man schon ein paarmal am Tag“, erklärt Sven.

Der Weg zum Traumberuf

Während Sven die Maße noch einmal überprüft, frage ich, wie er darauf gekommen ist, so etwas zu machen.

Das käme daher, dass er auch selber schreibe, erklärt er – Fantasy-Geschichten. Es sei ihm doch zu blöde gewesen, diese ganzen losen Blätter für die Korrektur herumfliegen zu haben. „Und ich stehe halt auf so alte Bücher“, sagt er. Doch zunächst wollte er die losen Blätter in den Griff bekommen und kaufte sich ein Lumbecken, mit dem man Klebebindungen machen kann.

Lumbecken

Sven holt ein hölzernes Gerät hervor, das Lumbecken, und stößt einen Stapel Papier zurecht, damit ich verstehe, wovon er spricht. Er klemmt den Stapel ins Becken, klappt die Bügel hoch, spannt das Ganze. Um mehr Fläche zu haben, knickt man den Stapel erst zu einer Seite, leimt den Rücken, und wiederholt das dann mit Knick zur anderen Seite.

„Dann wir das Ding zugeklappt und dann zusammengepresst“, sagt Sven. „Dann hast du eine Klebebindung. So habe ich mal angefangen.“

Ungefähr 2010 habe das begonnen. Sven kaufte sich daraufhin erste Bücher übers Buchbinden, schaffte sich Materialien an und gab zunächst den eigenen Werken  ein schönes Äußeres. Als er einer Bekannten davon erzählte, schlug sie vor, das auch anderen anzubieten.

„Und dann habe ich einfach angefangen und dann hat sich das so weiterentwickelt und jetzt stehe ich hier“, fasst er einen langen Weg knapp zusammen.

Abnehmer fand er vor allem online über eine Künstler-Community, bei der er Bilder postete. Inzwischen hat er den eigenen Online-Shop, doch den Weg dorthin finden noch immer Viele über die Community.

Nun wird es erst einmal Zeit, sich weiter um die Buchdecke zu kümmern.

Leder schärfen

Die Ränder unseres Lederstücks sollen sich später elegant um die Spezialpappen für Vorderteil und Rückenteil klappen lassen. Dazu dünnt Sven sie erst einmal aus.

Buchbinderei Schärf Fix

Mit einem Reststück geht er zum Lederschärfer, dem Schärf-Fix, den er hinten am Arbeitstisch befestigt hat. Die Klinge darin pellt das Leder ab, während man es durchzieht. Da Sven es auslaufend abgepellt haben möchte, muss er zunächst die richtige Winkeleinstellung für dieses Leder herausfinden.

Auch hier geht es nicht ohne Erfahrung. Zu Anfang habe er immer Löcher damit ins Leder gemacht, erzählt Sven. Es sei ziemlich fummelig. Bevor er ans eigentliche Schärfen geht, wechselt er die Klinge, denn er braucht sie in voller Schärfe. Was mich überrascht: Während des Bearbeitens tauscht er noch einmal die Klinge aus. Spezialklingen für ein Spezialgerät seien zwar auch spezialteuer, aber das nütze nichts, erklärt er. Bei dickem Sattelleder seien sie schon nach einer Linie stumpf.

Die Buchdecke zusammensetzen

Weitere Vorarbeiten hat Sven für dieses Buchmaß schon erledigt. Sonst müsste er jetzt die riesigen Pappen, die am Tisch lehnen, auf der größeren Schneidemaschine zurechtschneiden. Die Pappe für Vorder- und Rückseite hat eine Schaumstoffpolsterung, die noch einmal mit Papier überklebt ist. Das ergibt die schöne weiche Haptik bei Lederbüchern. Den dünneren Pappstreifen für den Buchrücken schneidet Sven noch auf die richtige Länge zurecht. Und weil es bei Lederbücher schöner ist, rundet Sven die äußeren Ecken von Deckel und Rücken noch mit je drei geübten Schnitten ab.

Abstandhalter BuchdeckeNach Lehrbuch müsste er nun das Außenmaterial einleimen, aber wieder schlägt Erfahrung die Theorie: Bei Leder, zumal bei dünnem, flexiblem, nervt das. Sven schmiert den Leim auf die Pappen, bevor er sie aufpresst. Eine kleine Messingleiste dient als Abstandshalter zwischen den Pappen. Diese Zwischenräume sind die Scharniere, an denen wir später das Buch auf- und zuklappen.

Ecken-Otto im Einsatz

Sven Langenkamp Buchbinder

Bevor er die Lederränder um die Pappen schlägt, schneidet Sven die Ecken im 45°-Winkel zurecht. Normalerweise, sagt er, könnte man nun alle Ränder einleimen und – zack, zack, zack – umklappen. Aber ich habe nun einmal ein flexibles Leder ausgesucht, das sich beim Schärfen stark gewellt hat. Deshalb geht er Rand für Rand vor, klappt jeden mit einem untergelegten Stück Papier um und zuppelt alles zurecht.

„Und was kommt jetzt?“, fragt er seinen Vater.

„Der Ecken-Otto!“, antwortet der richtig.

Ecken-Otto Buchbinderei„Damit ich hier so schöne runde Ecken bekomme, wird das Leder jetzt so ein bisschen wieder aufgemacht“, erklärt Sven uns. „Da gehe ich mit dem Finger rein, dann kommt der Ecken-Otto hier von unten – zack, zack zack – es wird plattgehauen – und das nennt sich ‚Ecken einziehen‘.“

Dieses Gerät hat Sven beim Buchbindermeister in Steyerberg kennengelernt. Zu kaufen gibt es das nicht, man muss es sich schon selber bauen. Sven zieht jede Ecke ein und arbeitet sie fein aus. Auch an den Scharnierecken arbeitet er noch einmal nach damit das Buch später nicht schief auf Ledergnubbeln steht, die sich abnutzen würden.

 Fertige Buchdecke

Ein letzter Schritt fehlt noch, bevor die Prägepresse die äußere Veredelung vornehmen darf: Die eingeschlagenen Lederränder bilden eine kleine Kante zur darunter liegenden Pappe. Das behebt Sven mit einer dünnen Ausgleichspappe. Erneutes Messen, Schneiden und Kleben. Dabei erklärt Sven uns noch die Bedeutung der Laufrichtung des Papiers. Immer wieder erinnern mich einzelne Punkte ans Nähen.

Titel und Ornamente

Der Zeitpunkt ist erreicht, an dem wir verstehen, warum uns mittlerweile so warm ist. Die große Prägepresse hinter uns hat sich überhitzt. Sven holt die Prägung am Abend nach, als wir schon weg sind, aber das Prinzip erklärt er uns.

Prägemuster Buchbinderei

Die Prägemotive kann man sich anfertigen lassen. Für unser Buch möchte Sven jedoch original Muster aus dem 18. Jahrhundert nehmen, die ihm der Meister aus Steyerberg geschenkt hat. Er legt sie in einem passenden Rahmen zurecht. So wird er sie später mit Spezialkleber in die angemessen heiße Presse kleben und auf die Buchdecke pressen, um eine Blindprägung zu bekommen. Möchte man sie in Gold oder Silber, kommen entsprechende Spezialfolien zum Einsatz.

Für die Titel, die auf dem Buchrücken erscheinen, benutzt er eine kleinere Titelpresse, die nach dem gleichen Prinzip arbeitet.

Ein Buchblock in Fadenheftung

Mittlerweile ahne ich, dass auch das Innere des Buches mit viel Aufwand verbunden ist, wenn es edel und handgemacht sein soll. Sven hat für unser Beispielbuch schon einen Block fertig, doch den kann er erst nach der Prägung einsetzen. So zeigt er uns noch das Prinzip der Fadenheftung.

Lagen pressen

20 Lagen Papier will Sven zusammenheften. Eine Lage besteht meist aus vier mittig gefalzten, ineinander geschobenen Blättern. Entsprechend muss er aus den riesigen Ausgangsbögen Blätter in doppelter Buchgröße zuschneiden und in der Mitte falzen. Den ganzen Stapel legt er zwischen zwei Pressbretter und spannt sie für mindestens eine Stunde in die Papierpresse. Nach der Pressung wird es noch einmal korrekt zurechtgeschnitten, ähnlich wie vorher das Leder. Durch die Einzelschnitte entstehen feine Kanten, wenn man die Lagen übereinander legt. Das nennt man einen berippten oder barbierten Schnitt. Sven meint, das sei Geschmackssache, aber für ihn habe so ein Buch einfach mehr Charakter.

Normalerweise legt Sven in der Presse viele Blöcke übereinander, bis sie voll ist. Deshalb hat er auch viel fertig abgepresstes Papier auf der Fensterbank, an dem er uns die Bindung demonstrieren kann. Mit seinen Papierlagen setzt Sven sich an einen anderen Arbeitstisch, auf dem ein weiteres antik anmutendes Gerät steht, die Heftlade. Drei Heftbänder spannt er dort für unser Beispiel ein. Zwei könnten bei der Buchgröße ausreichen, aber Sven mag es richtig stabil. Hinter der Lade schaltet er eine Lampe ein, deren Zweck wir später verstehen werden.

Heftbänder Buchbinderei

Der Heftfaden braucht die Länge einer Lage mal die Anzahl der Lagen. Das Ergebnis ist ein meterlanger Faden. „Das kräuselt sich ja jetzt noch so und gibt hundertprozentig Knoten, wenn man so damit anfängt“, sagt Sven. „Deshalb habe ich hier noch ein Stück Bienenwachs.“ Dort zieht er den ganzen Faden durch, so dass er geschmeidiger und etwas begradigt wird. Nun kann die eigentliche Bindearbeit beginnen. Jede Lage schiebt der Buchbinder mit dem Rücken an die Heftbänder und klappt sie auf. Mit der Ahle, einem kleinen Piekser, sticht er die Löcher vor, jeweils eins außen und jeweils eins auf beiden Seiten der Heftbänder. Die Lampe hilft ihm, die Löcher zu finden, während er den Faden von außen beginnend hindurch fädelt und die Lage so mit den Bändern verbindet.

Heftlade

Bei der dritten Lage wird es langsam etwas einfacher und eine Besonderheit kommt hinzu: die Fitzbünde. Die echten Bünde an den Heftfäden verhindern nicht, dass es außen wabbelig wird. Deshalb geht der Buchbinder ab der dritten Lage an den Enden noch einmal eine Lage tiefer mit seinem Faden und zieht ihn so durch, dass sich eine Schlaufe bindet. Abwechselnd verbindet er so links und rechts die Lagen zusätzlich miteinander.

30-45 Minuten braucht Sven zurzeit noch für so einen kompletten Block. Dabei hört er normalerweise klassische Musik oder Jazz. „Da kann man schön drin versinken und man kann da auch richtig bei abschalten“, sagt Sven. „Als Arbeit empfinde ich das fast gar nicht. Das ist so ein Entspannungsmoment.“

Den fertigen Buchblockrücken beklebt er mit Gaze und dann kann man noch schöne Lesebänder auswählen und das Kapitalband, das den Buchblockrücken hübsch an der schmalen Kante abschließt. Die leichte Rundung im Rücken verhindert, dass er sich nach vielfachem Aufschlagen nach innen wölbt.

So wird ein Buch draus

Der fertige Buchblock wird nicht, wie man erwarten könnte, direkt an die Buchdecke geklebt. Dazwischen kommt eine Papierhülse, ein Papierschlauch, der die Belastung überträgt. Das oberste Blatt und der Buchdeckel werden über das Vorsatzpapier miteinander verbunden. Selbst das bietet noch Gestaltungsmöglichkeiten. Sven zeigt uns eins, auf dem eine Landschaft gedruckt ist, in der die Geschichte spielt.

Rückenhülse

Buchrücken

Ausreichend beeindruckt sind wir nun allemal. Doch abschließend interessiert mich noch die Vorgeschichte.

Vom Fachinformatiker auf Umwegen zum Buchbinder

Gelernt hatte Sven Langenkamp ursprünglich Fachinformatiker. Ich habe zwar begriffen, dass das professionelle Handwerks-Buchbinden sich schrittweise aus dem Hobby ergeben hat, aber der Übergang ist mir noch nicht klar.

Ein Leben als Fachinformatiker konnte Sven sich nicht auf Dauer vorstellen. Wenn er den ganzen Tag am Rechner saß, konnte er seine Kreativität zu wenig ausleben, zu wenig gestalten. Doch was sollte er stattdessen tun? Sicher wusste er nur, was er nicht wollte.

So habe er ein paar Jahre quasi für die Selbstfindung gebraucht, habe unter anderem viel mit Pferden gemacht und ausgeholfen und nebenher seine Geschichten erfunden. In die Buchbinderei sei er dann nebenher hinein gewachsen.

Strahlend sagt er: „Also wenn das nicht mein Traumberuf ist, dann weiß ich nicht mehr weiter. Das ist es, glaube ich, wirklich. Was anderes möchte ich auch gar nicht mehr machen. Das ist dann auch das, was man machen sollte. Das macht sehr viel Spaß!“

Was macht ihm so viel Spaß daran?

„Das ist einfach alles“, schwärmt Sven. „Das Gestalterische, dass man sich sehr viel austoben kann, wie so ein Buch aussehen kann. Und das schöne Gefühl, man hat nachher was in der Hand. Ich bin immer wieder erstaunt: Das habe ich gemacht? Das ist einfach schön. Es fängt bei solchen Papieren und einem Stück toter Tierhaut an und man hat auf einmal ein Buch daraus. Auch das Arbeiten an sich macht Spaß. Es ist etwas ganz anderes als am Rechner zu sitzen.“

Natürlich hätte ich auch gerne etwas über seinen Umgang mit Schwierigkeiten oder unzufriedenen Kunden hören, aber dazu fällt ihm nichts ein. Die Kunden sind zufrieden und glücklich. Offenbar schafft er eine gute Auftragsklärung vorab und berät auch gerne, was möglich ist und was zusammen passen würde. Gerne bestellt werden leere Bücher in jedem Format. In den USA ist eine kurze Geschichte aus einem Videospiel besonders gefragt, also ein Buch, das Sven auch selbst bedruckt. Auch die Kalender enthalten natürlich keine leeren Seiten sondern sind innen von ihm gestaltet. Die Möglichkeiten sind eben fast grenzenlos.

Sven freut sich auf seine ruhige Art, aber strahlt dabei eine solche Zufriedenheit  und Liebe zu seiner Tätigkeit aus, dass ich trotzdem den Eindruck habe, vor mir stehe ein anderer Mensch.

Lederbuch Buchbinderei
Das Besuchsergebnis

Noch reicht der Verdienst nicht ganz, aber der Trend geht beständig aufwärts. Ich bin mir sicher, dass er nicht mehr zu bremsen ist.

Er habe sich nicht von einem Tag auf den anderen vom Fachinformatiker zum Buchbinder entwickelt, betont Sven noch einmal. Das habe wirklich Jahre gedauert, bis er überhaupt auf die Idee gekommen sei. Ich möchte wissen, was er anderen empfiehlt, die auf der Suche sind.

Nicht aufgeben, nicht verzagen„, antwortet er. „Am Ball bleiben. Weiter suchen. Irgendwann kommt es unverhofft aus einer Ecke, woran man gar nicht gedacht hat.


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