Zum Glück ein Buch

„Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären das Glück. Würden Sie dann gerne bei sich vorbeikommen?“

Das fragt Eckart von Hirschhausen die Leserinnen und Leser von Glück kommt selten allein* einleitend – gleich nach seinen zwei Vorworten für Optimisten und Pessimisten. Wenn Eckart von Hirschhausen Fakten witzig verpacken darf, ist er in seinem Element wie der Pinguin im Wasser. In diesem Fall beleuchtet er auf seine besonders vergnügliche Art Fakten darüber, was uns glücklich macht und was nicht. Ich habe viel Spaß beim Lesen gehabt und empfehle es meinen Leserinnen und Lesern unbedingt weiter.

Nur: Wie kann ich ein solches Buch angemessen vorstellen? Vielleicht so: Ich füttere Sie nur an, und den Rest – das Lesen, Lachen und ins Leben übertragen – können Sie selbst erledigen.

Wenn das Glück selten allein kommt, womit kommt es dann? Das verrät der Autor in fünf bis sechs Kapiteln. Als Appetithäppchen zitiere ich Ihnen aus jedem dieser Kapitel etwas Eindrückliches …

Kapitel 0: Glück kommt mit Missverständnissen

Kapitel Null? Ja, genau. Hier geht es noch nicht darum, was uns wirklich glücklich macht, sondern um die irrealen Vorstellungen darüber, was uns glücklich machen würde.

Mein Appetithappen für Sie kommt aus dem Abschnitt Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an und lautet:

„Wir sind das, was wir oft denken und tun! Ich sage es deshalb, weil wir uns meistens für jemand ganz anderes halten. Warum können so viele Menschen über Stunden praktisch regungslos auf dem Sofa hocken? Die Antwort: weil sie es geübt haben! Oft. Viele Abende lang. Unter Verzicht auf viele andere Dinge, die sie jetzt nicht mehr so gut können wie Sofahocken. Aber das läuft super.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 64)

Und ich dachte immer, ich sei ein Naturtalent im Sofahocken!

Kapitel 1: Glück kommt mit anderen

Das ist etwas, was auch die persönlichen Geschichten meiner Protagonisten in 827 Jahre Lebenskunst* mir deutlich gezeigt haben. Das Beisammensein mit anderen macht glücklich – bis auf einige Ausnahmen.

Im Abschnitt Rote Kringel und Bekanntenkreise drückt der Autor das so aus:

„Es gibt Naturtalente, die verbreiten gute Laune, egal wo sie hinkommen. Und es gibt andere Naturtalente, die verbreiten gute Laune, egal wo sie weggehen.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 127)

Kapitel 2: Glück kommt mit dem Zufall

Haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der abergläubisch ist? Bestimmt. Sind Sie es selbst? Bestimmt nicht. Oder? Die Zusammenhänge, die wir uns in unserem Kopf zusammendichten, halten wir selbst schließlich für real.

Von dem, was wir erleben, ist mehr Zufall als wir denken. Eckart von Hirschhausen fragt zur Veranschaulichung, ob uns schon einmal eine Taube mit ihrem Darminhalt getroffen habe und erklärt etwas später:

„Wir unterstellen der Taube und der ganzen Welt eine böse Absicht. Dabei ist weder die Taube noch die Welt grundsätzlich gut – oder bösartig. Der Darminhalt der Taube und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser uns trifft, folgen einfach dem natürlichen Lauf der Dinge. Tauben haben ein Spatzenhirn und zielen nicht beim Entleeren.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 140)

Das mit dem Zufall könnte eine traurige Erkenntnis sein, wenn man dem glücklichen Zufall nicht auf die Sprünge helfen könnte. Deshalb gibt der Autor kurz darauf Glückstipps für den Umgang mit dem Zufall, aber die verrate ich hier nicht.

Kapitel 3: Glück kommt mit dem Genuss

Genuss? Dafür haben wir doch gar keine Zeit. Schließlich müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir zukünftig erreichen wollen, und dieses zukünftige Etwas macht uns dann hoffentlich glücklich. Echt? Natürlich nicht. Hier mein Appetithappen aus dem dritten Kapitel:

„Jeder Tag besteht aus genug Plankton, um satt und glücklich zu werden. Vielen kleinen Momenten, die wir nicht besonders beachtenswert finden, weil wir auf das große Glück warten, das wir verpassen könnten, wenn wir uns mit dem kleinen bereits zufriedengeben.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 229)

Übrigens lässt sich der Genuss mit Achtsamkeitsmeditation trainieren, wie ich es im MBSR-Training feststellen durfte*.

Kapitel 4: Glück kommt mit dem Tun

Im ersten Abschnitt dieses Kapitels, Alles im Fluss, direkt neben einem Bild urinierender Männer, die wir dankenswerterweise nur von hinten sehen, schreibt Eckart von Hirschhausen über den Flow. Gemeint ist das selbstvergessene Aufgehen in einer Tätigkeit, bei der man gar nicht merkt, wie glücklich man ist, weil man nicht darüber nachdenkt.

Worüber ich in dem Zusammenhang auch noch nicht nachgedacht hatte:

„Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen ehrgeizig und zielgerichtet. Dem Ehrgeizigen geht es darum, über andere zu siegen, dem Zielgerichteten reicht es, wenn er seinen eigenen inneren Schweinehund besiegt und sein Bestes gibt. Der Ehrgeizige will besser sein als andere. Der Zielgerichtete will sein Bestes für sich und andere […]“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 251)

Kapitel 5: Glück kommt vom Lassen

Was denn jetzt – vom Tun oder vom Lassen? Die Kunst ist, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen, zum Beispiel das Selbstzerstörerische. Mir gefällt der Abschnitt Mach dich nicht fertig besonders gut. Herrlich prägnant erklärt uns der Autor, dass und warum wir uns oft für ungenügend halten, auch wenn wir es nicht laut sagen.

Weil ich es so gut finde, komme ich hier mit nur einem Zitat nicht aus …

„Wir neigen dazu, uns Dinge von innen an den Kopf zu werfen, die wir niemandem von außen durchgehen lassen würden.“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 308)

Und warum machen wir so etwas?

„Wir halten uns vor allem deshalb für schlechter als die anderen, weil wir von uns selbst mehr wissen als von den anderen!“
(E. von Hirschhausen, Glück kommt selten allein*, S. 308)

Von uns selbst bekommen wir alles Blödsinnige, Unanständige und Unsichere mit, was in uns vorgeht. Von den anderen nicht – und das ist gut so. Aber es ist auch gut, zu wissen, dass es in denen nicht besser aussieht.

Wenn wir akzeptieren, dass wir mit unseren Macken und Ängsten normal sind, können wir uns viele Selbstvorwürfe sparen und dankbar sein, dass wir von den anderen nicht auch noch den ganzen Müll mitbekommen.

Fazit

Selber lesen macht noch glücklicher!


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Wie Europa wieder Spaß machen würde

Europa? Krise!

Was bleibt einem als Lebenskünstler in einer Krise? Die Resignation kann es nicht sein, denn die hat mit Kunst, mit aktiver Gestaltung, nichts zu tun. Der Rückzug auf erwiesenermaßen unsinnige Scheinlösungen wie Nationalismus kann es auch nicht sein, denn dazu muss man die Geschichte und die aktuellen Bedingungen der globalisierten Welt gleichzeitig ausblenden. Ein Lebenskünstler gestaltet aber bewusst. Eine andere Herangehensweise ist es, eine Utopie zu entwerfen.

Bei Wikipedia (abgerufen am 27.1.17) heißt es: „Politische Utopien, wie sie erstmals Thomas Morus entwickelt hat, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die in ihrer Zeit bestehenden sozio-ökonomischen Verhältnisse und Institutionen umfassend kritisieren und aus ihrer Kritik heraus eine fiktive, in sich nachvollziehbare Alternative entwerfen.“ Bei „Utopie“ denke ich schnell an „nicht umsetzbar.“ Treffender ist aber wohl „nicht kurzfristig umsetzbar.“ Das klingt nun wieder sehr nach Lebenskunst!

*

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin und Direktorin des European Democracy Lab in Berlin, entwirft in ihrem Buch Warum Europa eine Republik werden muss!: Eine politische Utopie* das Bild eines als Republik geeinten Europas.

Europa: Gründe für die Krise

Im ersten Teil analysiert Guérot, wie und warum Europa in eine tiefe Krise geraten ist. Das entspricht der umfassenden Kritik, die in der Wikipedia-Definition oben erwähnt wird. Im Kern geht es darum, dass die Europäische Union in ihrer Struktur zu verworren und undemokratisch ist, dass es den europäischen Bürgern an politischer Gleichheit fehlt und die nationalen Interessen immer wieder dem Gemeinwohl entgegen stehen. Die gegebenen Machtverhältnisse und Interessenslagen führten dazu, dass insbesondere die ländlichen Regionen und Europas Randregionen abgehängt würden. Und da die Menschen der EU die Lösung nicht mehr zutrauen, gibt es einen Rückfall in Nationalismen – trotz der Erfahrung, dass das in der Vergangenheit immer zu Krieg und Zerstörung  geführt hat, nicht zu Wohlstand und Freiheit. Und trotz des Wissens: Die kleinen Einzelstaaten haben in der globalisierten Welt auch keine Chance. Ein Dilemma.

Europa: Ein Ausweg

Als Ausweg präsentiert Guérot im zweiten Teil* die Euroäische RePublik, deren P sie groß schreibt, um die Bedeutung des Gemeinwohls zu unterstreichen. Eine Republik sei genau das System, das zwischen Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus stehe. „Das Bild, das hier vor Augen steht, zeigt lebendige, sich weitgehend selbstregierende europäische Provinzen unter dem gemeinsamen rechtlichen Dach einer Europäischen Republik, animiert und belebt von Bürgern, statt von Nationen“, schreibt sie auf S. 122. Die Autorin führt aus, wie die politische, die territoriale und die wirtschaftliche Neuordnung aussehen könnte.

Im dritten Teil, dem „Nachklapp“ betrachtet Guérot noch die Rolle dreier Gruppen: die Frauen, die Jugend und die Bildungs-Elite.

Europa: Gar nicht so utopisch

Das Buch* lässt sich als Provokation lesen, als Ermutigung und als Drama. Die Dramatik, die es mir vor Augen führt, könnte lähmen, wenn da nicht zugleich die Lösungsansätze wären, die so utopisch gar nicht sind. Ich kann das hier aus zwei Gründen nicht genauer erläutern. Erstens würde die Abhandlung zu lang werden und zweitens müsste ich das Buch noch mindestens zweimal lesen. Das spricht vielleicht nicht für meinen politischen Bildungsstand. Trotzdem: Es ist mir teilweise sprachlich zu intellektuell. Ich halte die Inhalte für sehr spannend, motivierend und diskussionswürdig, nicht nur für Eliten, und hätte mir gewünscht, dass es für ein breiteres Publikum noch angenehmer zu lesen ist.

Davon sollte sich niemand vom Lesen abhalten lassen, sondern sich gerne herausfordern lassen. Ohne manchmal mühsamen Hirneinsatz werden wir die Kurve in Europa vermutlich nicht kriegen. Vieles ist schon angedacht und entworfen. Es lässt sich weder einfach, noch schnell umsetzen und durchsetzen, zeigt aber eine attraktive Möglichkeit auf. Vor allem ist das Buch wohl als Einladung geschrieben und auch so lässt es sich lesen: Eine Einladung, am Aufbau eines gemeinwohlorientierten Europas mitzuarbeiten, statt sich in die Resignation zu flüchten oder in Lösungen, die bekanntermaßen nicht funktionieren. Ob das dann so aussieht, wie die Autorin es vorschlägt? Vielleicht.


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827 Jahre Lebenserfahrung

Bereichernde Begegnungen

* (Preisfehler! Hier* richtig!)

Zehn lebensbejahende Menschen erzählen in meinem Buch 827 Jahre Lebenserfahrung* ihre ganz persönliche Geschichte. In ihrem langen Leben haben sie bei Schweinen übernachtet und Häuser gekauft, sich nach Brot gesehnt und Kartoffelpuffer genossen. Sie sind in Bunker geflüchtet und haben Volksfeste besucht, haben Kinder geboren und Ehepartner begraben, Kühe gehütet und Konzerte besucht. Dabei haben sie sich ihre Lebensfreude bis ins hohe Alter erhalten. Ich habe jeden meiner Gesprächspartner gefragt, worauf es im Leben ankommt und was er oder sie jüngeren Menschen empfiehlt.

Stellen Sie sich vor, Sie begegnen jemandem mit 827 Jahren Lebenserfahrung, der gerne lebt und Ihnen verrät, worauf es ankommt. Das gibt es leider nicht. Deshalb habe ich mit zehn Personen gesprochen …

Protagonistinnen und Protagonisten der Lebenserfahrung

Ilse G., meine Schwiegermutter und Testperson für dieses Buch, war zum Zeitpunkt unseres Gesprächs 88 Jahre alt. Vor kurzem hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert, und es war kein „Dinner for One“, sondern es kamen über 40 Personen – zur Hauptfeier. Danach gab es noch einige Nachfeiern in ihren verschiedenen Kreisen. In ihrer Geschichte wird deutlich, wie sehr es sich durch ihr Leben gezogen hat, aktiv auf andere zuzugehen und Freundschaften zu pflegen.

Hanna S. war 83 Jahre alt, als ich sie über ihr Leben befragte. Wie ihre Mutter dünnes Gewebegarn zusammendrehte, um daraus Unterwäsche für die Kinder zu stricken, hat mir die Knappheit der Kriegsjahre drastisch veranschaulicht. Zu ihrem Mann ist sie auf sehr ungewöhnlichem Wege gekommen und hat ihn, ähnlich wie Ilse ihren Mann, sehr früh wieder verloren. Starker Glaube, enger Familienzusammenhalt und pragmatische Annahme jeder Herausforderung haben hier eine große Rolle gespielt.

Im Zentrum des Gesprächs mit Christel B. stand ihre Flucht mit ihrer Mutter aus Hinterpommern über Parchim und Bergedorf bis Bremen. Auch sie war bei unserem Gespräch 83 Jahre alt. Ihre Lebensgeschichte klang wie eine Abenteuergeschichte. Sie hat es geschafft, neuen Situationen immer wieder mit Entdeckerlaune zu begegnen.

Egon W. ist mein einziger Wuppertaler Protagonist und war bei unserem Gespräch 80 Jahre alt. Seine Geradlinigkeit drückt sich in der Geschichte seines Berufslebens genauso aus wie in seinem Privatleben. In beiden Bereichen spielt sein Glaube eine starke Rolle – und die Fähigkeit, über die eigenen Schwächen lachen zu können.

Günter G., bei unserem Gespräch 81 Jahre alt, war in seinen Erzählungen ähnlich detailreich wie Christel. Auch er hat als gebürtiger Berliner zu Kriegszeiten verschiedene Stationen kennengelernt, hat in Westpreußen beobachtet, wie intelligenter Widerstand aussehen kann und hat mit starkem Willen, hartnäckigem Einsatz und guter Organisation fast alle seine Ziele erreicht.

Dela und Fritz H. waren das einzige Paar das ich interviewt habe. Sie waren 88 und 79 Jahre alt, und ich hätte viel verpasst, wenn ich nur einen Teil des Paares gehört hätte. Die altersmäßige Ausnahme hat sich gelohnt. Ihre Partnerschaft und ihr unerschütterlicher Humor haben ihre Lebensgeschichte und unser Gespräch bestimmt. Wenn ich Beispiele für besonders resiliente, widerstandsfähige Menschen nennen sollte, würden mir die beiden mit als erste einfallen.

Hanne R. war 80 Jahre alt, als wir uns zum Gespräch trafen. Sie hat behauptet, sie hätte in diesen 80 Jahren dauernd Glück gehabt und deshalb allen Grund, lebensfroh zu sein. In ihrer Geschichte wird besonders deutlich, wie sehr Glück eine Frage der Perspektive ist. Sie beschönigt keine Schwierigkeiten, begeistert sich aber so sehr für das Gute und Gelungene, dass es letztlich die Oberhand behält.

Marliese B., ebenfalls 80 Jahre bei unserem Gespräch, steht nicht gerne in der ersten Reihe. Sobald sie ihre erste Zurückhaltung abgelegt hatte, kamen ihre Vielseitigkeit, ihre Energie und ihr Humor zum Vorschein. Berufliche Karriere und Familienleben standen bei ihr nacheinander im Vordergrund. In beiden Bereichen hat sie auf ihre ganz eigene Art aus der zweiten Reihe gewirkt und Chancen ergriffen und übernimmt bis heute Aufgaben, die sie ausfüllen, ohne zu überfordern.

Marie D., meine letzte Gesprächspartnerin für dieses Buch, war bei meinem Besuch 85 Jahre alt und mähte noch selbst ihren Rasen. Stark geprägt haben sie die Jahre, die sie als junges Mädchen auf dem Bauernhof verbringen musste. Dagegen empfand sie die spätere Arbeit in der Weberei als Erholung. Wie Christel hat sie ihren Mann, ihre einzige Liebe, auf einem Volksfest kennengelernt, doch seine Rente konnten sie nicht mehr gemeinsam genießen. Mit Disziplin und Leidenschaft kümmert sie sich um das, was ihr Leben ausmacht – ihre Blumengestecke, ihren Garten, ihre Näharbeiten, ihre Kinder und Enkel.

Am Schluss des Buches habe ich mein Fazit gezogen zu Ähnlichkeiten und Besonderheiten meiner lebensfrohen Gesprächspartner. Lesen Sie ihre bereichernden Geschichten selbst* und ziehen Sie Ihr eigenes Fazit. Es ist auch direkt bei BOD bestellbar oder im örtlichen Buchhandel.

Wie Sie sich Respekt verschaffen, ohne laut zu werden

Entschuldigung – die Überschrift lügt. Sie suggeriert, dass wir uns normalerweise Respekt verschaffen, indem wir laut werden. Das stimmt nicht, doch manchmal glauben wir es trotzdem.

Was stimmt: Manchmal können wir uns durchsetzen, wenn wir laut werden – Männer leichter als Frauen. Doch was bekommen wir da? Respekt? Meistens eher Angst oder Resignation. Mit Respekt meine ich hier etwas anderes, nämlich Beachtung und Achtung.

Notizen zum Respekt

Ende Juni hatte ich das echte Vergnügen, einen Vortrag von René Borbonus zu hören. Der erste Teil drehte sich um Respekt. Sein Buch dazu* stelle ich in diesem Artikel vor. Doch zum Aufwärmen hier ein paar Schlaglichter aus dem Vortrag:

  • Alle sehnen sich nach Respekt.
  • Wer Respekt bekommen möchte, muss Respekt geben.
  • Respektvolles Miteinander hält gesund und macht uns produktiver.
  • Wir leben in einem Klima, das Respektlosigkeit fördert.
  • Wir verhalten uns aus purer Unachtsamkeit viel häufiger respektlos, als uns bewusst ist.
  • Bagatellisierung und Dramatisierung der Gefühle anderer sind auch Respektlosigkeiten.
  • Respektvolle Kommunikation lässt sich üben.
  • Gegen gezielte Respektlosigkeiten anderer können wir uns durch geschickte Kommunikation souverän zur Wehr setzen.

In Respekt! Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen* führt René Borbonus diese Punkte in fünf Teilen wunderbar aus und gibt dem Leser viele praktikable Hilfestellungen für den Alltag mit. Die großen Zwischenüberschriften nach dem Prolog heißen:

  • Wen oder was respektieren wir?
  • Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?
  • Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden
  • Wie Sie mit Respektlosigkeiten umgehen
  • Wie Sie Respekt als Erfolgsinstrument einsetzen

Zu jedem Teil schreibe ich hier ein paar Worte, die Sie hoffentlich anregen, tiefer ins Buch einzusteigen oder den Autoren auch einmal live zu erleben.

Teil 1: Respektspersonen

Im ersten Teil beleuchtet der Autor die Frage, was uns andere respektieren lässt. Selbstachtung ist dabei ein grundlegendes Thema. Dazu fällt mir ein etwas drastisches Kant-Zitat ein:

„Wer sich selbst zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.“ (Kant)

Selbstachtung geht allerdings in seiner Wirkung weit über dieses Thema hinaus:

„Selbstachtung bildet die Basis für ein glückliches und zufriedenes Leben.“, (R. Borbonus, Respekt!*, S. 19)

Wer sich selbst achtet, bekommt nicht automatisch von allen Respekt, doch auf jeden Fall können ihn Respektlosigkeiten weniger erschüttern.

Darüber hinaus lesen wir in den einzelnen Abschnitten Überlegungen zu Charisma und Machtgehabe, zu gesunder Autorität und zu respektablen Werten. Vier Werte, die zu Respekt führen, betrachtet Borbonus näher:

  • Klarheit,
  • Kompetenz,
  • Konsistenz und
  • Präsenz.

Doch auch gesellschaftliche Respekt-Hindernisse führt uns der Autor hier vor Augen, zeigt unseren Trend zur Akzeptanz von Verhöhnung und Schamlosigkeit an konkreten Beispielen und den Einfluss der Medien auf die öffentliche Wahrnehmung. „Wer respektiert wird, entscheidet der Redakteur“ lautet eine Zwischenüberschrift.

Bin ich dann doch nur ein Opfer meiner Sozialisation? Nein, deshalb habe ich das Thema hier aufgegriffen. Wenn Respekt so selbstverständlich wäre, wie wir es mit dem Klischee der „guten Kinderstube“ vorgeben, hätte er mit Lebenskunst nicht viel zu tun. Gedankenlose Anpassung führt zum Mitmachen bei der hochmodernen Respektlosigkeit. Respekt müssen wir bewusst gestalten, oft entgegen dem Trend – echte Lebenskunst.

Teil 2: Männer, Frauen und andere komische Vögel

„Warum ist es manchmal so schwer, respektvoll zu sein?“, fragt René Borbonus im zweiten Teil. Ein Grund dafür ist, dass Menschen verschieden sind. Unterschiedliche Prägungen führen zu unterschiedlichen Bedürfnissen und zu unterschiedlichen Vorstellungen davon, worin sich Respekt ausdrückt.

Ein häufiges Spannungsfeld zeigt der Autor am Riemann-Thomann-Modell, in dem sich auf einer Achse das Streben nach Nähe und das Streben nach Distanz oder Unabhängigkeit gegenüber stehen. Wenn eine Person gerade ein starkes Bedürfnis nach Distanz hat und die andere nach Nähe, wird es kompliziert. Person A verhält sich abweisend, weil sie Person B als aufdringlich empfindet. Person B kämpft umso mehr um Nähe, weil sie sich zurückgestoßen fühlt. Beide fühlen sich in ihren Bedürfnissen nicht respektiert.

Ähnliches passiert durch die tendenziell unterschiedlichen Kommunikationsgewohnheiten von Männern und Frauen. Wenn der andere auf einer Ebene antwortet, die unsere Bedürfnisse nicht trifft, sind wir schnell entgeistert. Er ist scheinbar trampelig, sie scheinbar lächerlich und die gegenseitige Abwertung nimmt ihren Lauf.

Keine Sorge, das ist kein resignatives Kapitel, sondern René Borbonus gibt ordentlich Anregungen, wie wir es besser machen können und im Streitfall konfliktfähiger werden können.

Teil 3: Auswege aus der Respektlosigkeit

Im Teil „Wie Sie Respektlosigkeiten vermeiden“ erfahren wir zunächst, dass auch der gutmütigste Leser nicht vor Respektlosigkeit gefeit ist, denn meistens ist sie nicht die Folge von Böswilligkeit:

„In erster Linie verhalten wir uns respektlos aus einem sehr profanen Grund: Unachtsamkeit.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 119

Wir sehen den Menschen hinter der Kasse nicht einmal an, weil wir gerade mit den Gedanken ganz woanders sind oder telefonieren. Dieser Mensch sieht uns seinerseits nicht an, diskutiert vielleicht nebenher irgendetwas mit dem Kollegen an einer anderen Kasse, weil er gar nicht mehr damit rechnet, wahrgenommen zu werden. Ganz undramatisch, nur eben auch nicht respektvoll.

Oft bekommen wir einfach nicht mit, was in den Menschen um uns herum vorgeht, sehen nicht hin, hören nicht zu. Oder wir schleudern flott eine Phrase hin: „Davon geht die Welt nicht unter.“ Durch ein wenig Aufmerksamkeit können wir viele alltägliche Respektlosigkeiten abstellen und unser Leben gleichzeitig durch kurze echte Begegnungen bereichern.

Ähnlich sieht es bei der Kommunikation über das Internet aus. Die anonymisierte Parallelwelt verführt dazu, Dinge rauszuhauen, die wir im direkten Kontakt nie so formulieren würden. Nicht das Internet ist böse, sondern wir handeln zu schnell und unüberlegt. Wenn wir uns vorstellen, da sitzt uns ein Mensch gegenüber, schreiben wir vermutlich überlegter, fragen einmal mehr nach oder schweigen einmal.

Besonders hilfreich finde ich den Abschnitt zum Umgang mit Emotionen, eigenen und fremden. Emotionen sind etwas Erfreuliches, denn sie treiben uns zum Handeln an. Wenn wir völlig unreflektiert aus der Emotion heraus handeln, geschieht das im Affekt. Oft nicht hilfreich, oft nicht respektvoll. Drei Fragen können uns helfen, unsere Emotionen zu prüfen und unser Handeln zu steuern:

  • Ist die Emotion passend?
  • Ist ihre Intensität passend?
  • Was will die Emotion von mir?

Eine Emotion beruht auf einer spontanen Bewertung. Dafür bringt der Autor mehrere Beispiele. Ich greife nur die Wut heraus, die auf der Annahme beruht, dass uns jemand schadet und das mit Absicht tut. Oft ist diese Interpretation zu Ich-bezogen. Der andere ist so mit sich beschäftigt, dass er überhaupt nicht darüber nachdenkt, wie er mir schaden könnte.

Vielleicht aber doch. Dann kann ich immer noch überlegen, ob ich mich über eine kommunikative Spitze so aufregen muss, als hätte er mein Haus angezündet. Leichter Ärger wäre vielleicht passender als lodernde Wut. Wenn Wut passend ist, dann ist auch ihre Aufforderung passend: Wehre dich! Die kommunikative Spitze kann man sich verbitten. Beim angezündeten Haus wäre dagegen eine Strafanzeige fällig.

So ruhig können wir das Gefühl wohl kaum analysieren, wenn es gerade aufwallt. In der Situation schlägt der Autor vor, genug Zeit vergehen zu lassen, bis der „hormonelle Nebel“ sich einigermaßen verzogen hat.

Der dritten Abschnitt hat mir besonders gefallen.

Teil 4 Respekt verschaffen bei Provokateuren

Es gibt Wälder, in die wir noch so zartfühlend hineinrufen können, aus ihnen brüllt es trotzdem derb zurück. Wie können wir uns da Respekt verschaffen?

Leider, leider gibt uns René Borbonus hier kein Allheilmittel. Keine Strategie funktioniere immer, meint er. Schade. Was sollen wir dann machen? Unser Repertoire erweitern. Je mehr Reaktionsmuster uns zur Verfügung stehen, desto leichter fällt es uns, ein passendes auszuwählen. Und einen Leitsatz bekommen wir:

„In der Sache klar, zum Menschen respektvoll: Das sollte Ihr Leitsatz werden.“ R. Borbonus, Respekt!*, S.145

Für einige bekannte Respektlosigkeiten versorgt uns der Autor mit passenden Reaktionsmöglichkeiten. Er liefert zum Beispiel ‚Killerphrasen-Killer‘, Möglichkeiten zum Umgang mit ‚Ja-aber-Sagern‘ und bringt Beispiele für respektvolle Schlagfertigkeit. Manchmal gibt es ganz harte Nüsse, bei denen solche Strategien nicht reichen. Hier seine Warnung:

„Den größten Gefallen tun Sie dem Provokateur, wenn Sie ärgerlich oder unsicher reagieren – also genau so, wie er es beabsichtigt.“ R. Borbonus, Respekt!*, S. 159

Als mögliche ‚Notbremsen‚ benennt er das Schweigen, demonstrative Höflichkeit oder sogar kommentarloses Verlassen des Schauplatzes. Die ‚Wunderwaffe gegen Respektlosigkeiten‚ sei Resilienz. Damit gelingt es einem, auf Provokateure nicht unsicher zu reagieren. Sie schaffen es einfach nicht, uns persönlich zu treffen. René Borbonus beschreibt Resilienz als „emotionale Dickhäutigkeit, die mich davor bewahrt, dass ich mir alles zu sehr zu Herzen nehme.“ (S. 162) Natürlich bekommen wir auch zur Resilienz Anregungen, wie wir sie ausbauen können.

Teil 5 Respekt als Erfolgsinstrument

Respektvolles Kommunizieren ist zwar zunächst eine Frage der Haltung. Wenn die erst einmal passt, brauchen wir aber immer noch Methoden, um  es umzusetzen. Der Autor gibt im letzten Abschnitt unter anderem Anregungen zu

  • Verständlichkeit,
  • Körpersprache und
  • Konfliktlösung

Er rundet den Teil ab mit einem Abschnitt unter dem Titel „Respektvolles Verhalten als Strategie und Lebensaufgabe.“

Mich haben Vortrag und Buch* davon überzeugt, dass Respekt und der Umgang mit Respektlosigkeiten lohnenswerte Aspekte der Lebenskunst sind.


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Wie Sie systematisch Ihr Selbstwertgefühl stärken

Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken, fühlen Sie sich besser UND erreichen mehr.

Was für ein Versprechen, oder? Darin stecken einige Behauptungen, die Sie vielleicht überraschen:

  • Ihr Selbstwertgefühl ist veränderbar.
  • Sie können es selbst beeinflussen, unabhängig vom Verhalten anderer.
  • Ein starkes Selbstwertgefühl  bringt Verhaltensweisen mit sich, die Ihre Aussichten auf Erfolg erhöhen.

Lebenskunst ohne gesundes Selbstwertgefühl funktioniert nicht. Denn Lebenskunst ist unkonventionell, braucht Mut und berührt. Ein mangelndes Selbstwertgefühl führt zum Gegenteil. Also: Was können Sie tun, wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken wollen?

Dazu möchte ich Ihnen heute das Buch Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls* von Nathaniel Branden vorstellen.

Was ist Selbstwertgefühl (nicht)

Selbstwertgefühl, wie Nathaniel Branden es beschreibt, besteht aus zwei Komponenten:

  1. Selbstwirksamkeit
  2. Selbstachtung

Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken möchten, müssen Sie an diesen beiden Themen arbeiten.

Mit Selbstwirksamkeit meint Branden das Vertrauen auf den eigenen Verstand. Das heißt nicht, dass Sie schon alles können und wissen, um sämtliche Herausforderungen des Lebens zu meistern. Es heißt, dass Sie in der Lage sind, sich alles dafür Notwendige anzueignen, wenn es so weit ist. Sie vertrauen darauf, dass sie die notwendigen Informationen finden können, dass Sie die erforderlichen Fähigkeiten entwickeln können und dass Sie hilfreiche Leute finden können.

Selbstachtung beschreibt Branden als die Überzeugung vom eigenen Wert. Bei gesunder Selbstachtung halten Sie es für normal und natürlich, Freunde zu haben und glücklich zu sein. Sie haben das gleiche Recht auf Freude und Erfüllung wie Ihre Mitmenschen und stellen das nicht in Frage.

Und diese Einstellung können wir uns selbst aneignen?

Wenn wir unsere Selbstachtung erhöhen möchten, müssen wir so handeln, dass sie durch unser Handeln erhöht wird.… Klick um zu Tweeten

Und mit der passenden Methodik können wir uns zum entsprechenden Handeln motivieren. Eine solche Methodik liefert Branden in seinem Buch.

Zusammengefasst sagt er über das Selbstwertgefühl:

„Das Vertrauen auf den eigenen Verstand und das Wissen, dass man es wert ist, glücklich zu sein, sind die Essenz des Selbstwertgefühls.“ (N. Branden, Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls*, S. 18)

Selbstwertgefühl stärken: Was bringt es?

Warum hat das Selbstwertgefühl nicht nur etwas mit dem Gefühl zu tun, sondern auch mit dem Erfolg? Wir Psychologen nennen das Prinzip ‚Selbsterfüllende Prophezeiungen‚. Das klingt klug und ist trotzdem unkompliziert: Unser Selbstwertgefühl führt zu Erwartungen, was uns möglich ist und was wir ‚verdienen‘. Diese Erwartungen bestimmen darüber, wie wir uns verhalten. Was wir tun und was wir lassen. Und wie wir es tun. Nun kommen wir zum letzten Schritt: Was wir tun, wie wir es tun und was wir lassen, bestimmt die Ergebnisse.

Ein schlichtes Beispiel: Jemand steht das erste Mal vor einem Fahrkartenautomaten in einer fremden Stadt. Auf dem Bildschirm erscheinen verschiedene Ticketarten und Tarifzonen. Hinter ihm bildet sich eine Schlange.

Ein gesundes Selbstwertgefühl sagt diesem Menschen: Du kannst herausfinden, wie das funktioniert, wenn du es dir in Ruhe anschaust und etwas herumprobierst (Selbstwirksamkeit). Da du es das erste Mal machst und die Tarifzonen nicht kennst, hast du jedes Recht, länger zu brauchen, auch wenn sich hinter dir eine Schlange bildet (Selbstachtung). Wenn du schneller sein willst, kannst du auch den Menschen hinter dir um Hilfe bitten. Das Ergebnis: Der Fahrgast hat seine Fahrkarte, erwischt seine Bahn und kann beim nächsten Mal den Automaten schneller bedienen.

Ein mangelndes Selbstwertgefühl sagt diesem Menschen: Das ist viel zu kompliziert. Du würdest ewig brauchen und am Ende das falsche Ticket haben. Außerdem hältst du die ganzen Menschen hinter dir völlig unberechtigt auf. Pass auf, dass sie nicht merken, was für ein Trottel du bist. Das Ergebnis: Der Fahrgast tut so, als hätte er etwas Wichtiges vergessen, entfernt sich vom Automaten und stellt sich im Reisezentrum in die Schlange. Seine Bahn verpasst er und beschließt, dass er zukünftig besser wieder mit dem Auto fährt. Das Gefühl der Inkompetenz verstärkt sich.

Das Selbstwertgefühl - ob hoch oder gering - ist ein Generator selbsterfüllender Prophezeiungen. (Branden) Klick um zu Tweeten

Mit einem hohen Selbstwertgefühl leitet Sie die Zuversicht, nicht die Furcht. Es zeigt sich unter anderem …

  • … in Lebensfreude
  • … im entspannten Geben und Annehmen von Komplimenten
  • … in Offenheit für Kritik
  • … im Mut, Fehler einzugestehen
  • … in der Fähigkeit zur aggressionsarmen Selbstbehauptung
  • … in Entspannung und Ungezwungenheit

Das macht doch Lust auf Mehr, oder?

6 Praktiken zur Stärkung des Selbstwertgefühls

Also: Wie geht es? Leider haben Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl oft falsche Vorstellungen davon, wie sie es stärken könnten.

„Unser Selbstwertgefühl wird nicht durch den Applaus anderer geschaffen. Ebensowenig durch Belesenheit, materiellen Besitz, die ehe, die Elternschaft, philanthropische Bemühungen, sexuelle Eroberungen oder dadurch, dass wir uns das Gesicht liften lassen.“ (N. Branden, Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls*,  S. 71)

Wenn wir mit diesen Dingen versuchen, unser Selbstwertgefühl zu stärken, werden wir enttäuscht, machen uns abhängig und benutzen unsere Partner und Kinder, statt ihnen zu begegnen. Es funktioniert nicht.

Direkt am Selbstwertgefühl können wir nicht arbeiten. Wir können aber Haltungen und Verhaltensweisen praktizieren, die unser Selbstwertgefühl stärken. Nathaniel Branden beschreibt sechs Praktiken, die dazu beitragen:

  1. Bewusst leben
  2. Sich selbst annehmen
  3. Eigenverantwortlich leben
  4. Sich selbstsicher behaupten
  5. Zielgerichtet leben
  6. Persönliche Integrität

Zu jeder dieser Säulen, die das Selbstwertgefühl tragen, gibt es ein ganzes Kapitel, das sie näher erläutert. Ich finde die Erläuterungen sehr anregend. Noch interessanter sind aber vielleicht die jeweiligen Übungen.

Das Selbstwertgefühl mit Satzergänzungsübungen stärken

Die Satzergänzungsmethode ist unglaublich einfach. Sie müssen es nur tun. Das Prinzip funktioniert so: Sie bekommen mehrere Satzanfänge, die sie nacheinander mit sechs bis zehn Endungen ergänzen – schnell, spontan, ohne nachzudenken. Zwei Beispiele für solche Satzanfänge:

  •  „Bewusst leben heißt für mich …“
  • „Wenn ich meinen Beschäftigungen heute 5 Prozent mehr Bewusstheit entgegenbringe, …“

Ergänzungen könnten im ersten Fall sein:

  • „… den Augenblick zu spüren.“
  • „… intensiv zu leben.“
  • „… grüne Äpfel zu sehen.“

Grüne Äpfel? Egal! Sie sollen einfach schreiben, nicht nachdenken. Auch nicht nachlesen. Das Drauflos-Schreiben führt dazu, dass sie neben einigem Unsinn interessante Antworten aus sich heraus fischen können, die Ihrem Bewusstsein gar nicht gleich zugänglich waren. Das machen Sie fünf Tage lang für die gleichen Satzanfänge. Alle Wiederholungen und jeder Unsinn sind erlaubt. Am Wochenende lesen Sie sich den Spaß in Ruhe durch und machen das gleiche dann mit dem Satzanfang:

„Wenn irgend etwas von dem, was ich diese Woche geschrieben habe, wahr ist, dann wäre es hilfreich, wenn ich …“

Und dann? Ich bin so gestrickt, dass ich aus den Ergebnissen etwas heraussuchen würde und einen Umsetzungsplan formulieren würde. Nathaniel Branden behauptet, dass schon diese Übungen alleine Veränderungen bewirken. Wenn ich darüber nachdenke, ist das nicht abwegig. Durch die Reflexion habe ich ja neue Erkenntnisse, die mein Denken und Fühlen und damit auch mein Verhalten beeinflussen. Einen Versuch ist es allemal wert. Denn erstens sind die Übungen schnell gemacht und zweitens können Sie die Reflexionsergebnisse immer noch in einen Projektplan gießen, wenn Ihnen die Veränderung nicht reicht. Sie haben sie ja aufgeschrieben.

Viel Spaß mit den 6 Säulen des Selbstwertgefühls!