Wie der Gedanke an den Tod die Lebenskunst fördert

Stellen Sie sich vor, sie wüssten genau, wann Sie sterben.

Vor kurzem habe ich mit Freunden den Film „Das brandneue Testament“ gesehen. Darin ist Gott ein gar nicht netter Kerl im abgewetzten Bademantel, der seine Familie und die Menschheit quält. Seine Tochter schleicht sich nachts an seinen Computer und tut das Unglaubliche: Sie gibt die Todesdaten der ganzen Menschheit bekannt. Jeder hat plötzlich einen Countdown auf dem Handy, der die verbleibende Lebenszeit anzeigt.

Danach begibt sich Gottes Tochter durch die Waschmaschine eines Waschsalons auf die Erde, um ein brandneues Testament mit sechs weiteren Aposteln zu verfassen. Die Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Kenntnis ihrer übrigen Lebenszeit. Aber es lässt keinen kalt. Alle überlegen sich, wie sie mehr oder weniger sinnvoll die restliche Zeit verbringen wollen.

Wieso?

Es hat sich gar nichts geändert. Die Lebenszeit bleibt, wie sie nun einmal bestimmt ist (bis Gottes Frau den Computerstecker zieht, um staubzusaugen). Geändert hat sich nur das Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit.

Warum es clever ist, an den Tod zu denken

Philosophen, Die Bibel und auch einige Romanautorinnen und -autoren empfehlen uns, dass wir uns die eigene Sterblichkeit klar machen. Wozu soll das gut sein?

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Die Bibel, Psalm 90, Vers 12)

Heißt das etwa, dass wir dümmer sind, wenn wir nicht an unsere Sterblichkeit denken? Die Gefahr besteht.

Seneca erhebt in seinem Schreiben „Von der Kürze des Lebens„* den Vorwurf:

„Ihr lebt, als würdet Ihr immer leben.“ (Seneca)

Auch er dachte also, dass das keine gute Idee ist. Dabei vermeiden wir doch den Gedanken an den Tod so gerne. Gerade habe ich „Ein Mann namens Ove„* von Fredrik Backman als Hörbuch gehört. Im Kapitel „Ein Mann namens Ove und der Tod“ heißt es:

„Der Tod ist eine sonderbare Angelegenheit. Die Menschen verbringen ihr ganzes Leben, als ob es ihn gar nicht gäbe. Und doch ist er meistens einer der wichtigsten Gründe, um überhaupt zu leben.“

Wie das? Wilhelm Schmid erläutert in seinem Buch Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst*, was der Gedanke an den Tod darin zu suchen hat:

„Der Gedanke an den Tod ist in einer reflektierten Lebenskunst gedacht als Ermutigung zum Leben, als Ansporn zum Auskosten der Fülle des Lebens.“ (W. Schmid)

Genau darum geht es. Denn was passiert, wenn wir so tun, als wären wir unsterblich? Wir verheddern uns im Alltag. Kleinigkeiten bekommen eine übermächtige Bedeutung, die sie sofort verlieren, wenn wir nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Wesentliches, Lebensträume und Herzensangelegenheiten verschieben wir auf irgendwann später, wenn wir Zeit dafür finden.

Wer den Tod nahe stehender Menschen erlebt hat oder gar für sich selbst schon mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert wurde, weiß, wie sehr das sofort sämtliche Prioritäten zurecht rückt. Als ich als Au pair in England war, verunglückte ein Ehepaar aus unserer dortigen Kirchengemeinde tödlich und hinterließ zwei Söhne im Grundschulalter. Ich sah einen der beiden wie paralysiert bei der Trauerfeier sitzen und konnte mich plötzlich überhaupt nicht mehr über kleine Widrigkeiten aufregen, die mir im Alltag begegneten. So lange, bis ich mich wieder komplett vom Alltag habe gefangen nehmen ließ.

„Vieles von dem, was im Alltag sich vordrängt und wichtig erscheint, wird zu einem Nichts angesichts des Todes.“ (W. Schmid)

Angesichts des Todes wird uns klar, worauf es ankommt. In diesem Sinne werden wir klüger, wenn wir bedenken, dass wir sterben müssen. Warum vermeiden wir diesen Gedanken dann so hartnäckig?

Warum es schwer fällt, an den Tod zu denken

Ich greife noch einmal auf mein Hörbuch* zurück. Im Kapitel „Ein Mann namens Ove und der Tod“ wird weiter ausgeführt:

„Wir fürchten den Tod, doch die eigentliche Angst vieler Menschen ist die, dass er jemand anderen trifft. Die größte Angst ist immer die, dass der Tod uns stehen lässt und wir einsam und allein zurückbleiben.“

Da ist etwas dran, denke ich. Auf jeden Fall bedeutet Tod Trennung und Abschied für den Sterbenden und für seine Angehörigen. Wir müssen loslassen und das kann schmerzhaft sein. Wir fürchten, den Schmerz nicht zu ertragen und lassen uns von unserer Angst dazu verleiten, so zu tun, als gebe es ihn gar nicht.

Die Gefahr: Wir existieren vor uns hin, statt unser Leben zu gestalten.

„Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange da gewesen.“ (Seneca)

Die Lebenszeit bewusst gebrauchen

Vor kurzem hörte ich einen Vortrag von René Borbonus. Er erzählte, er habe eine besondere Uhr. Der „Tikker“ zeigt einen Lebenszeit-Countdown an. Ganz so präzise wie im Film „Das brandneue Testament“ funktioniert das natürlich nicht. Die Uhr kann sich nur nach der Statistik richten. Sie berechnet die Lebenserwartung ihres Trägers und zählt von da an rückwärts. Vielleicht ist Ihnen das zu rabiat. Ich fand das Beispiel recht eindrücklich: Wenn er sich gerade richtig aufregen wolle, erzählte René Borbonus, sehe er auf diese Uhr und sage sich: „Och nö, keine Zeit.“

Wieder zitiere ich aus „Die Kürze des Lebens„*:

„Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis zum Ende gut verwendet würde.“ (Seneca)

  • Was trägt diese Sache dazu bei, dass ich stolz auf mein Leben sein kann?
  • Ist das wichtig, um beruhigt sterben zu können?

Ich finde es hilfreich, sich solche Fragen zu stellen. Natürlich gibt es eine Menge Dinge, die irgendwie erledigt werden sollten, obwohl sie nicht diese tiefgreifende Bedeutung haben. Wir müssen dann aber nicht so tun, als würde die Welt untergehen, wenn wir sie nicht schaffen. Wenn wir unsere Freunde nicht einladen, weil wir es nicht schaffen, perfekt aufzuräumen, sind wir nicht mehr beim Wesentlichen.

Da fällt mir noch einmal eine Geschichte aus der Bibel ein: Jesus besucht zwei Frauen, die beide Maria heißen. Eine von ihnen eilt geschäftig durchs Haus, ordnet schnell alles und versucht, das perfekte Dinner vorzubereiten. Die andere lässt den Haushalt Haushalt sein, setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Ich wäre lieber wie die Zweite.

Der eine Punkt ist für mich also, mich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der zweite Punkt ist, den gegenwärtigen Augenblick bewusst zu leben. Dabei hilft mir das Achtsamkeitstraining, das ich mit dem MBSR-Kurs begonnen habe*.

„Alles, was da kommen soll, liegt im Ungewissen. Jetzt, auf der Stelle, erfasse das Leben!“ (Seneca)

Wenn wir das nicht tun, ist das ziemlich dämlich, meint er:

„Was für eine Torheit, was für ein gedankenloses Übersehen der Sterblichkeit, auf das fünfzigste und sechzigste Jahr alle Heilspläne hinauszuschieben und es sich in den Kopf zu setzen, das Leben zu beginnen an dem Punkte, bis zu dem es nur wenige bringen.“ (Seneca)

Vielmehr sollten wir jeden Tag so verwenden, als ob es der letzte wäre, schlägt Seneca vor. Damit steht er wieder nicht alleine da. Marc Aurel bezieht das sogar auf jede einzelne Tat, die wir so tun sollen, als wäre es unsere letzte. Lassen Sie uns ruhig intensiver, hartnäckiger oder verrückter leben, so lange wir Zeit dazu haben.

Loslassen lernen, sterben lernen

„Übe dich täglich darin, das Leben mit Gleichmut verlassen zu können.“

So zitiert Wolfgang Schmid Seneca in Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst*. Wie soll das denn gehen?

Einerseits hilft es, wenn es wenig Ungeklärtes gibt. Wenn ich jemanden um Verzeihung bitten möchte, wenn es einen offenen Konflikt gibt, wenn es unabgeschlossene Projekte gibt, kann ich diese Dinge so klären, dass ich mit Leichtigkeit von der Bühne abtreten könnte. Selbst bei beruflichen Projekten kann ich eine Nachvollziehbarkeit sicherstellen, die es einem Stellvertreter oder Nachfolger leicht macht, sich hineinzustürzen. Und was habe ich davon? Mehr Gelassenheit!

Auch das Loslassen lässt sich üben. Dabei hilft, wie bei der Präsenz, die Achtsamkeitsmeditation. Darüber hinaus können wir im Kleinen anfangen und Dinge oder Personen weniger verbissen steuern. Je weniger wir andere zum Objekt unserer festen Vorstellung machen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie das Potenzial entfalten, das in ihnen steckt.

Wir können uns von Kisten im Keller oder auf dem Dachboden trennen und erleben, dass das Leben entspannter weiter läuft. Wir können Menschen zuhören, die andere Menschen verloren haben und es überstanden haben. Wir können trotz und mit all unserer Angst Menschen, die sterben, aufsuchen und ihnen einfach nahe sein. So können wir in der Begegnung mit ihnen reifen und dem Sterben gelassener begegnen.

Vor allem können wir uns in dem Gedanken üben, dass die Dinge um uns herum, uns maximal vorübergehend gehören, dass die Menschen um uns herum nicht immer da sein werden. Um so mehr sollten wir sie jetzt bewusst wahrnehmen und genießen. Sie sind nicht selbstverständlich.

Was ich mir wünsche

„Leben zu lernen, dazu gehört das ganze Leben, und, was du vielleicht noch wunderbarer finden wirst, sein Leben lang muss man sterben lernen.“ (Seneca)

Gut, dann ist es zu früh für ein endgültiges Fazit. Was ist mein vorläufiges Fazit?

  • Ich möchte mir meine Sterblichkeit bewusst machen, um zu erkennen, worauf es ankommt.
  • Ich möchte mit Blick auf meine Endlichkeit intensiver, hartnäckiger und verrückter leben.
  • Ich möchte mich mit dem Gedanken an den Tod nach und nach anfreunden und das Loslassen üben.
  • Ich möchte andere in Trauer und Tod nicht alleine lassen, auch wenn mir die Worte fehlen.

Was sind Ihre Gedanken dazu?

Breiten Sie Ihre Adler-Flügel aus!

Die Geschichte vom Adler im Hühnerhof

Die Geschichte vom Adler im Hühnerhof ist sehr bekannt. Hier ist sie für Sie zur Erinnerung in Liedform von Duo Camillo:


Ich habe den Eindruck, dass die Hühner in dieser Geschichte schlecht wegkommen. Um sie geht es nicht, das sehe ich ein. Trotzdem, der Bauer hält sie nicht zum Scherz …

Vom Wert erstklassiger Hühner

Es gibt überhaupt keinen Grund auf Hühner herabzusehen. Ich habe lange Zeit keine Eier vertragen und weiß, dass man auch ohne sie zurecht kommt. Aber es ist schön, wenn man das nicht muss. Hühner haben einen ganz praktischen Nutzen für uns. Sie liefern uns Eier oder sie brüten sie aus und sorgen für mehr Hühner. Selbst wer Hühner nicht wegen ihres Nutzens mag, kann sie als schöne oder besondere Tiere genießen.

Adler können wir als majästetische Tiere der Lüfte bewundern – wenn sie da sind, wo sie hingehören …

Adler: Maximal zweitklassige Hühner

Vögel die so tun, als wären sie ein Huhn, sind einfach albern. Auch und gerade, wenn es sich um Adler handelt. Klick um zu Tweeten Der Adler in unserer Geschichte kann nicht einmal etwas dafür. Er kennt es nicht anders. Er ist unter Hühnern groß geworden und ahmt sie nach. Nur: Die Nachahmung macht ihn nicht zum Huhn, da kann er picken, wie er will. Als Huhn ist er zweitklassig, wenn überhaupt. Er hat dort einfach nicht zu suchen, im Hühnerhof. Wir können ihm nur wünschen, dass er sich für seine Unfähigkeit, ein erstklassiges Huhn zu sein, wenigstens nicht schämen kann.

Kenne wir das nicht selbst? Versuchen wir nicht oft, den vermeintlich unumstößlichen Normen zu entsprechen? Die ‚richtige‘ Figur zu haben, die ‚richtige‘ Kleidung‘, das ‚richtige‘ Auftreten? Wie schnell glauben wir, als ganze Person nicht gut zu sein, wenn wir diesen Normen nicht entsprechen?

Wenn wir der Norm nicht entsprechen, könnte es auch sein, dass die Norm nicht uns entspricht. Klick um zu Tweeten Vielleicht sind wir im falschen Lebensraum unterwegs und jagen Idealen hinterher, die für uns alles andere als ideal sind. Und statt uns zu entfalten, machen wir uns klein und fühlen uns schlecht.

Die Flügel ausbreiten

In der Geschichte vom Adler ist es ein Fremder, der dem Vogel zeigt, wo er hin gehört. Der glaubt das erst nach mehrerern Anläufen. Manchmal brauchen wir andere Menschen, die uns sagen, was sie in uns sehen.

Wenn Sie sich zweitklassig fühlen, prüfen Sie doch einmal, ob Sie sich im passenden Lebensraum bewegen. Sind Sie am falschen Ort? Oder haben Sie vielleicht nur vergessen, Ihre Flügel auszubreiten? Oder machen Sie sich Sorgen, was die Hühner und der Bauer denken? Der Adler braucht mehrere Anläufe, bis er sich nicht mehr nach den Hühnern umsieht. Haben Sie ruhig etwas Geduld mit sich und probieren Sie sich aus.

Wann haben Sie den Eindruck „Jetzt bin ich in meinem Element“? Dann breiten Sie Ihre Flügel aus!

Dynamisches Mindset – Jeder kann besser werden

Wer ständig erzählt bekommt, er sei schlau und begabt, verliert schnell den Mut!

Wie kann das sein? Carol Dweck liefert darauf in ihrem Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt* nachvollziehbare Antworten. Bevor ich darauf näher eingehe, ein kurzes Beispiel:

Meister zweier Disziplinen

Josh Waitzkin ist ein Meister zweier Disziplinen, von denen ich nahezu keine Ahnung habe: Schach und Tai Chi Chuan. Vom Schach war er schon als kleines Kind hin und weg, mit Tai Chi Chuan hat er später begonnen. Wie kann es sein, dass er in so unterschiedlichen Feldern Spitzenleistungen entwickelt hat? Seine größte Fähigkeit ist, wie er selbst schlussfolgert, nicht Schach oder Tai Chi Chuan. Es ist die Kunst des Lernens. Genau darüber hat er ein Buch geschrieben: The Art of Learning*.

Er erzählt darin von einem Trainingspartner, der ihn ständig in der Kampfform des Tai Chi besiegt hat, bevor er den Angriff überhaupt bemerkt hat. Von diesem Gegner hat Josh Waitzkin sich immer und immer wieder besiegen lassen. Irgendwann war seine Wahrnehmung so geschult, dass er die Angriffe kommen sah und schnell genug agieren konnte. Er begann seinerseits zu siegen. Und der Trainingspartner begann ihn zu meiden. Damit vergab dieser die Chance, ebenfalls besser zu werden.

Das ist ein anschauliches Beispiel für zwei entgegengesetzte Haltungen zu den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Eine davon erschließt unsere Potenziale, die andere hält uns im Status Quo fest.

Das Selbst entwickeln oder bestätigen

Carol Dweck hat in ihren Studien diese zwei Grundhaltungen untersucht. Ich lasse sie gerne erst einmal selbst zu Wort kommen. Da sie hier Englisch spricht, schreibe ich danach noch ein paar Worte.

Die zwei Grundhaltungen, die sie in Selbstbild* beschreibt sind:

  1. Statisches Denken versus
  2. Dynamisches Denken

Die erste Einstellung lautet: Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten sind von meinen Talenten und Begabungen bestimmt. Dadurch sind sie von vornherein festgelegt.

Die zweite Einstellung lautet: Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickle ich durch

  • meinen Lerneinsatz,
  • meine Lernstrategien und
  • durch die Unterstützung guter Mentoren

Beim Statischen Denken sind Fehler und Misserfolge Bedrohungen für das Selbstbild. Da bekommt das Ego vor jeder neuen Herausforderung neue Panik. Wenn ich verliere oder nicht bestehe, ist es besiegelt: Ich bin unfähig und dumm. Die Konsequenz ist erbärmlich: Ich wage nichts. Und zwar unabhängig davon, ob ich mich für vorherbestimmt klug oder dämlich halte. Auch die vermeintlich Kluge würde riskieren, dumm dazustehen. Das würde ihr Selbstbild zerstören und, so die Annahme, Verwandte und Freunde enttäuschen. Klar: Wer will sich schon mit einer Versagerin brüsten? Carol Dweck beschreibt, wie Kindergartenkinder mit diesem ‚Mindset‘ lieber das schon bekannte Puzzle wiederholt haben und ihren Erfolg bestätigt haben als eines mit mehr Teilen auszuprobieren.

Beim Dynamischen Denken sind Fehler und Misserfolge natürliche Lernerfahrungen. Sie definieren nicht die Person. Es gibt keinen Grund, das Bekannte zu wiederholen. Langweilig! Die Kindergartenkinder wählen die nächste Herausforderung. Wenn sie es nicht schaffen, müssen sie sich eben mehr anstrengen oder von jemandem lernen, der es besser weiß.

Jemand, der etwas besser kann, wirkt inspirierend auf jemanden mit dynamsicher Einstellung. Für jemanden mit statischer Einstellung ist er eine Bedrohung. Genau das beschreibt das obige Beispiel von Josh Waitzkin und seinem Trainingspartner.

Noch nicht bestanden – Wie wir ein ‚Growth Mindset‘ fördern können

In ihrem Stanford Alumni Vortrag erzählt Dweck von einer High School in Chicago. Wer durch die Prüfungen fällt, bekommt ein ‚Noch nicht bestanden‘. Damit drückt die Schule aus: Wenn du dir Mühe gibst, kannst du es beim nächsten Mal schaffen.

Unser ‚Mindset‘ ist veränderbar. Ohnehin kann es für unterschiedliche Lebensbereiche verschieden aussehen. Auch in einem Bereich kann ich mal so mal so denken. Also kann ich auch beobachten, was bei mir welche Einstellung antriggert.

Dwecks Studien haben gezeigt, dass unterschiedliche Fragestellungen und Rückmeldungen das statische und dynmische Denken fördern. Entscheidend ist bei Lob und Kritik: Es geht um den Prozess, nicht um Talent oder Begabung. Lob und Kritik sollten wir entsprechend auf den Einsatz, die Hartnäckigkeit oder die Entwicklung beziehen. Das gilt auch für unsere Selbstgespräche.

Es geht nicht alles aber es geht mehr

Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass alle die gleiche Ausgangsbasis haben und jeder alles werden kann. Sie bedeuten aber, dass niemand auf seinem jetzigen Stand bleiben muss. Das gilt für unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten genauso wie für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen – und für die Entwicklung der Lebenskunst.

In ihrem Vortrag erzählt Carol Dweck vom Brief eines 14jährigen. Er habe ihr Buch gelesen und es habe ihn gefreut, dass es auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Deshalb hat er die dynamische Haltung in drei Lebensbereichen ausprobiert. Mit folgenden Ergebnissen:

  • Er hat bessere Noten in der Schule.
  • Er hat eine bessere Beziehung zu seinen Eltern.
  • Er hat eine bessere Beziehung zu seinen Mitschülern.

Sein Fazit: Er muss feststellen, dass er den größten Teil seines bisherigen Lebens verschwendet hat. Carol Dweck und ihr Publikum lachen. Er hat hoffentlich noch viel Leben vor sich.

Verschwenden wir unser Leben nicht mit den Etiketten, die andere oder wir selbst uns gegeben haben, sondern stellen uns neugierig den Herausforderungen und lernen aus unseren Misserfolgen.


Melden Sie sich jetzt zum Newsletter an und erhalten Sie 100 inspirierende Zitate zum Downloaden.

Lebenskunst berührt

Lebenskunst – das bewusste Gestalten des eigenen Lebens nach seinen individuellen Einsichten und Werten. Was hat das mit anderen zu tun?

Ich durfte mich vor vielen Jahren einmal tänzerisch auf einer christlichen Konferenz ausdrücken. Gerd Voß hatte einen alten, ausdrucksstarken Choral neu arrangiert und ich habe auf der großen Bühne gezeigt, was der Text und die Melodie in mir auslösen. Meine Knie haben durch ihr Zittern ausgedrückt, dass mich das einige Überwindung gekostet hat. Über Ecken habe ich erfahren, was das bei einer Konferenzteilnehmerin ausgelöst hat: Sie habe sich nach Monaten der Trauer um ihren Mann befreit gefühlt, die Musik mit nach Hause genommen und selbst dazu getanzt. Ich wäre nicht ansatzweise auf die Idee gekommen, dass dieses Experiment einen solchen Effekt haben könnte.

Wer sein Leben bewusst gestaltet, gestaltet auch das Zusammenleben bewusst. Die Begegnungen mit anderen. Die Botschaften, die er sendet. Und die eigenen Reaktionen auf die Botschaften der anderen.

Lebenskunst wächst durch Begegnung

Wie kommen wir zu unseren Werten und Überzeugungen? Was formt unsere Einstellungen? Wie entdecken wir unsere Stärken? Wie kommen wir darauf, wie wir sie in unser Verhalten und Gestalten übersetzen können?

Unterschiedlich.

Manche entwickeln fast alles im direkten Austausch mit anderen. Der Psydiater C. G. Jung hat sie als extravertiert bezeichnet, nach außen gewandt. Andere sind eher introvertiert, nach innen gewandt. Sie durchdenken die Fragen für sich, sammeln damit Erfahrungen in Begegnungen und reflektieren dann wieder für sich. Sie lesen Sprüche, Erfahrungsberichte, Gedichte, die Bibel, die Philosophen. Auch indirekte Begegnungen sind Begegnungen.

Wir brauchen die Gedanken, Rückmeldungen und Reaktionen anderer, um uns und unsere Lebenskunst zu entwickeln. Klick um zu Tweeten

Wie es ein anderer so passend formuliert hat:

Am Du werden wir erst zum Ich. (Martin Buber)

Als Gerd Voß mich damals fragte, ob ich einen Ausdruckstanz bei einem Kongress machen würde, fand ich das ein bisschen albern. Ich wusste ja nicht einmal, was das ist! Und ich war auch damals schon zu alt, um noch professionelle Tänzerin zu werden. Schreiben war immer eher mein Metier. Da hat ein anderer etwas gesehen, worauf ich nicht gekommen wäre und hat seine musikalischen Fähigkeiten eingesetzt, damit etwas Gemeinsames entsteht, das andere berühren kann.

Auf unsere individuelle Art und Weise interpretieren wir, filtern wir, setzen wir neu zusammen, machen uns die Themen und Gedanken zu eigen. Jede von uns ist ein Unikat und jede von uns braucht die anderen, um ihr Profil weiter zu schärfen.

Lebenskunst drückt sich in Begegnung aus

Wenn Sie Ihre Gedanken ausschließlich in Ihr Tagebuch schreiben und es unter Verschluss halten, kann das für Sie sehr wertvoll und sinnvoll sein. Ich will Sie davon nicht abhalten. Kunst ist es (noch) nicht.

Erst wenn Sie Ihre Gedanken und Erkenntnisse ‚öffentlich‘ äußern, können Sie etwas bewegen, was über Sie hinaus geht. Mit ‚öffentlich‘ meine ich in diesem Fall auch das Vier-Augen-Gespräch. Vielleicht können Sie jemandem in einer schwierigen Trennungssituation besonders gut zuhören, weil Sie so etwas selbst schon durchlebt und verarbeitet haben. Ihre Gesprächspartnerin spürt: Die versteht mich, die kennt das und heute geht es ihr gut. Sie geht ermutigt aus dem Gespräch, es hat sie verändert. Es ist Lebenskunst.

In Neustadt am Rübenberge habe ich ein Singspiel erlebt, das mich umgehauen hat. Die Kantorin Birgit Pape hat es selbst geschrieben und mit den Kindern eingeübt. Eltern, Geschwister und andere Ehrenamtliche haben für Kostüme, Bühnenbild, Technik, Musikalische Begleitung, Verdunklung und Beleuchtung gesorgt. Dabei ist eine Gemeinschaftsproduktion entstanden, die mich und andere zutiefst berührt und total begeistert hat. Als Entwurf in Frau Papes Schublade hätte es das nicht geschafft.

Kunst drückt sich aus und schafft Verbindungen zu anderen. Wenigstens zu einigen anderen. Vielleicht haben Sie auch schon Kunstwerke gesehen, bei denen Sie den berüchtigten Satz dachten: Ist das Kunst oder kann das weg? In Ihnen bewegt solche Kunst nichts außer Kopfschütteln. Auch das ist typisch Kunst: Sie berührt und bewegt nicht alle. Bei anderen führt sie zu gar nichts oder gar zu Verärgerung. Deshalb brauchen wir ja Mut dafür.

Wie sollen andere aus der Begegnung mit Ihnen, mit Ihren Texten, Ihren Darbietungen oder Produkten herausgehen? Was möchten Sie auslösen? Und sind Sie bereit, die anderen entscheiden zu lassen, wovon und wie sie sich bewegen lassen?


Melden Sie sich jetzt zum Newsletter an und erhalten Sie 100 inspirierende Zitate zum Downloaden.

Lebenskunst braucht Mut

Risiken und Nebenwirkungen der Lebenskunst

Mut brauchen wir, wenn wir Risiken eingehen. Mut bedeutet, trotz der Angst zu handeln. Wenn Lebenskunst unkonventionell ist, birgt sie einige Risiken, die Angst machen können. Zum Beispiel Angst vor

  • Ablehnung,
  • Kritik, Unterstellungen und Sanktionen,
  • Lächerlichkeit,
  • Scheitern,
  • Spott,
  • Neid,
  • Übervorteilung oder
  • Mangel und Armut.

Wir neigen dazu, alles Andersartige erst einmal abzulehnen. Wer öffentlich zu seinen Ideen, Gedanken, Gefühlen und Fähigkeiten steht, riskiert diese Ablehnung. Dabei wollen wir doch so gerne dazugehören. Gute soziale Beziehungen gehören zu unseren psychologischen Grundbedürfnissen. Ablehnung tut weh. Die Ablehnung kann mit direkter Kritik verbunden sein: Wenn du dich nicht an unsere Regeln hältst, bist du illoyal. Möglicherweise unterstellen uns andere unlautere Motive: Wir wollen nur auffallen oder Macht haben. Die Gruppe kann einen ausschließen. Je nach Kultur und Gesetzeslage kann es bis zu Verfolung oder Gefängnisstrafen gehen, weil wir mit unserer Meinungsäußerung die Mächtigen infrage gestellt haben. Malala hat nur ein Recht auf Bildung gefordert.

Dass andere uns belächeln oder auslachen, ist auch nicht gerade erstrebenswert. Gerade diejenigen, die uns lange kennen, können sich oft nicht vorstellen, dass wir etwas Außergewöhnliches tun. „Du willst ein Buch schreiben? Soso.“ Dabei ein mitleidiges Lächeln. „Du willst etwas in der Gesellschaft verändern? Sei nicht naiv!“ Und sie können Recht behalten, wir können scheitern. Lebenskunst würde in dem Fall bedeuten, wieder aufzustehen und ein weiteres Scheitern zu riskieren. Aber ist das nicht doch zu peinlich? Und ist es dann nicht Zeitverschwendung?

Sogar wenn Viele uns zujubeln, gibt es Kritiker, Spötter und Neider. Einige gönnen uns den Erfolg nicht, andere halten unsere Ideen für albern, andere sogar für gefährlich. Je klarer und öffentlicher wir unsere Meinung vertreten, desto schärfer wird auch die Kritik. Nach einem Vortrag von Heribert Prantl habe ich mir sein kleines Buch Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!* gekauft. Sehen Sie sich einmal die Rezensionen dazu an. Bequem ist das nicht.

Wenn Lebenskünstler Beziehungen aufbauen, Vertrauen schenken, sich einbringen, können andere das ausnutzen. Ich gehe davon aus, dass mehr Menschen sich davon anstecken und mitreißen lassen. Aber es wird auch solche geben, die Vertrauen missbrauchen und sich auf der Großzügigkeit anderer ausruhen. Ich möchte mich in meinem Verhalten nicht nach denen richten, aber als dumm und naiv dastehen möchte ich eigentlich auch nicht.

Schließlich kann die Vorstellung Angst machen, zu kurz zu kommen. Wenn Sie geben und sich einbringen, werden Sie dann auch genug zurückbekommen? Werden Sie Ihren Standard halten können? Werden Sie genug haben? Wer von einem Mangel-Denken geprägt ist, tut sich mit dem Geben schwer.

Der Preis der Mutlosigkeit

Bei all diesen Risiken und Ängsten scheint es verständlich, in den gewohnten Grenzen zu bleiben.

Zwei Gründe sprechen dagegen:

  1. In den gewohnten Grenzen ist es nur scheinbar sicher.
  2. In den gewohnten Grenzen verpassen Sie viel.

Ich komme hier auf Seth Godins Buch The Icarus Deception: How High Will You Fly?* zurück. Der Autor behauptet: In der Komfortzone ist es nicht mehr sicher. Die Sicherheitszone hat sich von der Komfortzone weg bewegt. Wer früher die richtige Qualifikation hatte, sich an die Regeln gehalten hat und einen guten Job ergattert hat, hatte es geschafft. Inzwischen ist die Welt so dynamisch, dass einem das nur noch Sicherheit vorgaukelt. Es ist sicherer, die Unsicherheit immer wieder aktiv zu suchen, statt sich in scheinbarer Sicherheit zu wiegen. Ich weiß nicht, ob das so grundsätzlich stimmt, aber sich der Dynamik zu verschließen ist sicher unsicher.

Mir ist das zweite Argument wichtiger. Wer sich nicht traut, Grenzen zu überwinden,

  • erfährt nicht, welche Möglichkeiten in ihr stecken,
  • bewegt weniger im Leben, als sie könnte,
  • könnte in Reue und Verbitterung enden,
  • könnte in Langerweile und Unauffälligkeit verkümmern
  • könnte auf ein erfülltes Leben verzichten.

Wir hatten in meiner Kindheit einen einigermaßen schlecht erzogenen Hund. Ob er gehorchte, hatte viel mit seiner Tagesverfassung zu tun. Wenn ich in den Weiten der Felder und Wälder mit ihm spazieren ging, musste ich entscheiden, ob ich ihn von der Leine lasse. Ich hatte immer etwas Angst, dass er abhaut und von einem Jäger abgeschossen wird oder unter eines der wenigen Autos gerät. Meistens habe ich es trotzdem getan. „Besser er lebt kurz, fröhlich und interessant als lange an der kurzen Leine“, habe ich mir gesagt. An einer viel befahrenen Hauptstraße hätte ich das nicht getan. Das Risko war überschaubar.

Wieso sollten Sie sich nicht gönnen, was ich sogar meinem Hund gegönnt habe?

Wie Sie Mut zur Lebenskunst sammeln können

Woher sollen wir den Mut nehmen, den wir brauchen?

Als erstes setzt es voraus, dass wir uns überhaupt Gedanken darüber machen, wie wir unser Leben gestalten wollen. Das tun sie schon, sonst wären Sie nicht hier gelandet.

Der zweite Schritt ist, die Angst so weit zu reduzieren, dass sie uns nicht mehr lähmt. Ganz abstellen lässt sie sich meist nicht. Dann wäre kein Mut mehr nötig. Stellen Sie einmal gegenüber:

  • Welche Möglichkeiten stecken in der Veränderung?
  • Was würde wirklich passieren, wenn es schief geht?

Zwischenmenschlich wäre oft das Schlimmste, dass andere einen enttäuschen oder über einen lachen. Vielleicht verachten einen auch ein paar Leute. Nun gut, wollen Sie mit denen befreundet sein? Würden Sie selbst Ihre Freunde verachten, wenn ihnen ein mutiger Schritt misslingt?

Materiell ist in Deutschland meist das Schlimmste, dass man neu anfangen muss,  auf das alte Niveau zurückkehren muss oder auf niedrigerem Standard weiterleben muss. Erinnern Sie sich an Zeiten, in denen das der Fall war. Wie viel unglücklicher waren Sie damals?

Sehr ermutigend können auch Vorbilder sein. Suchen Sie nach Menschen, die so leben, sich so einsetzen, wie Sie es gerne tun würden. Am besten funktioniert das, wenn sie Ihnen einigermaßen ähnlich sind.

Gehen Sie überschaubare Schritte und lernen Sie parallel. Wer schreiben, malen oder musizieren will, braucht dafür viel ‚Handwerk‘. Sie können aber nicht warten, bis Sie perfekt sind, bevor Sie an die Öffentlichkeit gehen. Denn die Erfahrung und den Misserfolg brauchen Sie auch. Lernen und Tun müssen ineinandergreifen und eine gemeinsame Aufwärtsspirale bilden. Mein erstes Coaching habe ich für einen minimalen Tagessatz mit einer wohlwollenden Bekannten gemacht, nicht mit der Geschäftsführung eines anspruchsvollen Kunden.

Machen Sie sich Ihre Überzeugungen klar und handeln Sie danach. Machen Sie sich Ihre Stärken klar und genießen Sie ihren Einsatz. So werden Sie unabhängiger vom Ergebnis. Ist es ein Misserfolg, dann lernen Sie halt daraus. Vielleicht müssen Sie an Ihrer Stärke weiter feilen oder sie sind an die falschen Leute geraten oder zum falschen Zeitpunkt an die richtigen Leute. „Versuch macht klug“ ist mehr als ein Spruch.

Interpretieren Sie Ihre Angst und Ihren inneren Widerstand um. Der Gedanke „Ich glaube, ich lass es doch lieber“ kann ein Hinweis darauf sein, dass Sie vor einem lohnenden Schritt aus Ihrer Komfortzone stehen.

Und wenn Sie Christ sind: Lesen Sie in der Bibel nach, wie Gott immer wieder mit Menschen die Welt bewegt hat, die sich das selbst nicht zugetraut haben.

Auf den Punkt

Ganz kurz gesagt:

  • Wer seine Grenzen überschreitet, geht Risiken ein.
  • Mut ist, wenn man es trotzdem tut.
  • Legen Sie los, genießen Sie den Prozess und erlauben Sie sich Misserfolge.

Und folgen Sie den Beiträgen dieser Seite. Sie wollen ermutigen und inspirieren.

 

Lebenskunst ist unkonventionell

Wann haben Sie sich das letzte Mal mitten in einem Kaufhaus zum Ausruhen auf den Fußboden gelegt? Solche Aktionen schlägt Tim Ferris in Die 4-Stunden-Woche* vor. Damit soll sich der Leser daran gewöhnen, Ungewöhnliches zu tun. Denn: Nur vier Stunden in der Woche zu arbeiten, ist unkonventionell. Das muss man sich erst einmal trauen!

Was sind Konventionen?

‚Konventionen‘ sind Übereinkünfte, wie ‚man‘ sich in verschiedenenen Situationen als anständiges Mitglied einer Gesellschaft oder einer Gruppe verhält. In Kaufhäusern auf Fußböden herumliegen? Macht man nicht! Nur vier Stunden in der Woche erwerbstätig sein? Dann ist man kein wertvolles Mitglied der Leistungsgesellschaft. Beim Essen schmatzen? Macht man nicht! Konflikte direkt ansprechen? Ärger zeigen? Als Mann in Tränen ausbrechen? Sonntags in die Kirche gehen? Macht man nicht?!

Moment. Möglicherweise arbeiten Sie in einem Team, in dem Konflikte immer direkt angesprochen werden. Oder in Ihrer Familie ist es normal, Ärger zu zeigen. Und war es nicht lange Zeit eine gesellschaftliche Konvention, sonntags in die Kirche zu gehen?

Wenn ich ‚zugebe‘, dass ich an relativ vielen Sonntagen zum Gottesdienst gehe, bekomme ich manchmal zur Antwort: „Ich kann auch an Gott glauben, ohne jeden Sonntag in die Kirche zu rennen.“ Nun, ich hatte weder „jeden Sonntag“ gesagt, noch laufe ich so spät los, dass ich rennen müsste. Normalerweise. Trotzdem glauben die Zuhörer schnell, ich tue das aus irgendeinem Zwang heraus. Schließlich galt früher einmal: „Sonntags geht man in die Kirche. Wer das nicht tut, ist komisch und eher nicht vertrauenswürdig.“ Offenbar kann sich eine Konvention in ihr Gegenteil verkehren. Heute gilt eher: „In die Kirche geht man nur an Weihnachten. Wer sonntags in die Kirche geht, ist komisch und naiv.“

Sobald ich etwas näher darüber nachdenke, fällt mir auf, dass Konventionen nicht so starr sind, wie sie klingen. Sie sind

  • gruppenbezogen,
  • generationsbezogen,
  • situationsbezogen und
  • regionsbezogen.

Es gab Zeiten und gibt vermutlich heute noch Milieus, in denen es ‚zum guten Ton‘ gehörte, nach dem Essen laut zu rülpsen.

Konventionen bieten Sicherheit

Wer die Konventionen einer Gesellschaft oder Gruppe kennt, hat einige Vorteile. Er weiß, wie er sich benehmen muss, um dazuzugehören und niemandem vor den Kopf zu stoßen. Entsprechend unwohl und unsicher fühlen wir uns, wenn wir uns in fremden Zusammenhängen bewegen müssen:

  • Wie benimmt man sich in einem feinen Restaurant?
  • Wie benimmt man sich bei einem klassischen Konzert?
  • Wie benimmt man sich in der neuen Firma / im neuen Kollegenkreis?

Zu Anfang meiner Beraterinnen-Tätigkeit habe ich bei einem Geschäftsessen Scholle bestellt, ohne mir vorher Gedanken zu machen, in welcher Form das Tier auf meinem Teller landet. Die Form war vollständiger als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich saß da und dachte: „Toll. Wie isst ‚man‘ das denn?“ Es war mir wirklich unangenehm. Ich stand vor der Entscheidung, entweder die ganze Zeit mit dem Tier zu kämpfen und zu überlegen, was die Geschäftspartner von mir denken – oder einfach zu fragen und mich dann aufs Gespräch konzentrieren zu können. Ich entschied mich, meine mangelnde Schollen-Erfahrung einzugestehen und die Dame neben mir zeigte mir gerne die Schollen-Ess-Konventionen.

Wer die Regeln nicht kennt, ist verunsichert. Wer die Regeln kennt, aber nicht gewohnt ist, hat das Gefühl, sich verbiegen zu müssen. Das verführt uns dazu, uns in relativ engen,  uns bekannten Grenzen zu bewegen.

Warum Lebenskünstler unkonventionell sind, obwohl sie keine Rebellen sind

Rebellen sind diejenigen, die die Konventionen durchbrechen, um sie zu durchbrechen. Sie kennen das vielleicht aus der eigenen Pubertät oder aus der ihrer Kinder. Letztlich sind die Rebellen also genauso von den Konventionen bestimmt wie die Konventionellen. Sie müssen immer genau das Gegenteil machen.

Lebenskünstler sind Menschen, die aus Überzeugung handeln, wie sie handeln. Ob sie dabei Konventionen einhalten oder nicht, ist nicht entscheidend. Klick um zu Tweeten Mal entsprechen die Konventionen ihren Überzeugungen und Werten, mal nicht. Sie handeln unabhängig von den Konventionen und sind damit selbst dann unkonventionell, wenn sie sie einhalten.

Was ist mit Konventionen, die mit eigenen Überzeugungen und Werten wenig zu tun haben? Mir fällt seltsamerweise wieder das Rülpsen ein, das ‚man‘ sich in der Öffentlichkeit verkneift, wenn ‚man‘ älter als 17 und nicht auf dem Bau ist. Ich halte Rülpsen nicht für sehr wichtig. Mir fällt gerade keine Philosophie ein, die ich darum herum stricken könnte, warum ich das unbedingt trotzdem tun oder auf jeden Fall lassen sollte. Bei mir greift an der Stelle ein übergeordneter Wert: Anderen nicht unnötig vor den Kopf stoßen. Wenn mir der Rülpser nicht unkontrolliert herausrutscht, verkneife ich ihn mir eher. Ein wenig spielt da wohl auch die konventionelle Lydia mit hinein, die nicht gerne unangenehm auffällt. Egal, an der Stelle muss ich nicht mit meinen konventionellen Persönlichkeitsanteilen um meine Identität als Lebenskünstlerin kämpfen.

Kurz und knapp

Ein Kriterium für Lebenskunst ist für mich, dass die Konventionen keine entscheidende Rolle für das Denken, Handeln und Tun spielen. Dieser Herausforderung möchte ich mich stellen. Machen Sie mit?


Melden Sie sich jetzt zum Newsletter an und erhalten Sie 100 inspirierende Zitate zum Downloaden.

Was ist Lebenskunst (hier)?

Was Künstlerinnen tun

Kennen Sie Künstlerinnen? Was tun sie?

Sie drücken sich aus. Ihre individuellen Sichweisen, Ideen und Interpretationen. Darstellend oder bildend, tanzend, singend, malend, komponierend, bildhauerisch, schreibend, kabarettistisch – genau so, wie es zu ihnen passt.

Mit ihrer Kunst berühren sie ihre Zuhörer, Zuschauer, Leser oder Betrachter. Manche haben ein vergleichsweise großes Publikum, andere ein kleines. Alle treffen auf Menschen, die mit ihrer Kunst nichts anfangen können. So ist Kunst – originell, individuell und bewegend.

Wann wird Leben zur Lebenskunst?

Philosophen meinen mit Lebenskunst meist, dass Menschen ihr Leben bewusst gestalten und meistern. Das ist Teil davon und Voraussetzung dafür, was ich hier mit Lebenskunst meine.

Unter Lebenskunst verstehe ich darüber hinaus

  • die eigene Originalität mit seinem Leben auszudrücken und
  • das Leben anderer damit zu berühren.

Wenn in meiner Kindheit jemand aus der Nachbarschaft krank wurde, wechselte meine Mutter Verbände, sprach Mut zu  und gab bei Bedarf nach Absprache mit dem Arzt auch Spritzen. Warum? Weil sie es konnte.  Sie arbeitete zwar im Kindergarten, hatte aber einmal Krankenschwester gelernt. Vor Ort gab es keinen Arzt. Meine Mutter brachte und bringt sich mit ihrer individuellen Kombination aus Fähigkeiten ein, wo sie kann.

Wenn Sie Ihre Stärken ausbauen und in Ihrem Umfeld einbringen, schaffen Sie Lebenskunst. Wenn Sie Ihre Ideen und Gedanken laut aussprechen, Konventionen hinterfragen, den Mut haben, aufzufallen, Gefühle zeigen und tiefe Beziehungen knüpfen, drücken Sie sich aus und es kann etwas Neues entstehen.

Was ist keine Lebenskunst?

Das Gegenteil von Kunst ist Standard und Massenware. Im Industriezeitalter haben wir Anpassung und Konformität trainiert. Bloß nicht auffallen. Man brauchte Menschen, die Anweisungen befolgen, Prozesse einhalten, Erwartungen erfüllen. „Das macht man nicht“ galt als überzeugendes Argument. Lebenskünstler konnte nur sein, wer Aussteiger war.

Moment. Warum schreibe ich in der Vergangenheit? Diese Bloß-nicht-auffallen-Haltung prägt uns bis heute. Wo sie wegfällt, wo der Anpassungsdruck nachlässt, kippt sie leicht in reinen Individualismus: Ich mache, was ich will. Auch keine Kunst.

Kunst schafft Verbindung. Wer publikumsfrei im Keller musiziert, ist vielleicht Hobbymusiker, aber kein Künstler. Wer Gedichte und Erzählungen in seiner Schublade hortet, ohne etwas zu veröffentlichen, schafft keine Kunst.

Höher fliegen

In seinem Buch The Icarus Deception* warnt Seth Godin davor, zu niedrig zu fliegen. Ikarus war der junge Mann in der Mythologie, der zu dicht an die Sonne geflogen ist, zu hoch. Dabei ist das Wachs geschmolzen, mit dem seine Flügel befestigt waren und das war’s dann. Das sei aber nur die halbe Wahrheit, meint Seth Godin. Zu niedrig zu fliegen und an die Wellen zu stoßen, sei genauso gefährlich.

Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die es wagen, höher zu fliegen und unbekanntes Terrain zu erkunden, die Missstände aufdecken, Ideen produzieren und kreative Lösungen entwickeln. Fähige Leute und tolle Produkte gebe es im Überfluss. Es mangele an Vertrauen, Beziehung und Überraschung. Drei wesentliche Elemente in der Arbeit eines erfolgreichen Künstlers, so Godin.

Lebenskunst lohnt sich

Lebenskunst in diesem Sinne kann ziemlich anstrengend sein. Das Ergebnis ist unsicher. Es kann sein, dass es lange dauert, bis die eigenen Ideen und der eigene Einsatz fruchten. Es kann sein, dass es nicht gelingt. Bei der Lebenskunst geht es nicht um ein Ergebnis. Es geht darum, immer weiter zu machen und immer weiter zu lernen. Sich immer wieder auf unsicheres Gebiet zu begeben, Neues zu schaffen, die Komfortzone zu verlassen und Beziehung zu wagen.

Wozu? Um gelebt zu haben.

Ein erfülltes Leben lohnt sich, unabhängig davon, wie viel Bekanntheit oder Belohnung es mit sich bringt. In drei weiteren grundlegenden Artikeln sehen wir uns das genauer an:

  1. Lebenskunst ist unkonventionell.
  2. Lebenskunst braucht Mut.
  3. Lebenskunst berührt.

Melden Sie sich jetzt zum Newsletter an und erhalten Sie 100 inspirierende Zitate zum Downloaden.