Was Alex Diehl und Miss Norma gemeinsam haben

Mut

Alex Diehl ist Musiker. In einem Interview, erschienen im Weser Kuriers am 29.9.2016, beschreibt er, wie er überraschend zu seiner heutigen Bekanntheit gekommen ist. Wenige Tage später veröffentlichte die Zeitung einen Bericht über das Ende der Reise von Miss Norma, die mit 91 Jahren an Krebs gestorben ist. Tausende von Fans haben ihre Reise verfolgt, die sie nach ihrer Krebsdiagnose angetreten ist.

„Sieh an“, dachte ich, „da gibt es doch eine Parallele.“ Nämlich? Eins nach dem anderen …

Alex Diehl: Viel Arbeit, viel Hartnäckigkeit und …

Vier Instrumente spielt Alex Diehl laut Interview in Studioqualität. Selbst bei einer Menge Talent kann er das nicht mit reinem Herbei-Sehnen erreicht haben. Wer ein Instrument wirklich beherrschen möchte, muss sehr viel Übungszeit investieren. Bei vier Instrumenten dürfte es sehr, sehr viel Übungszeit gewesen sein. Nur: Fähig zu sein, reicht nicht.

Um sich ganz der Musik widmen zu können, hat Alex Diehl vor dem Abitur die Schule geschmissen. Er wusste genau, was er wollte. Ich will niemanden auffordern, sofort den Job zu kündigen, denn das ist weder in jeder Lebenssituation noch für jeden ‚Typen‘ der passende Weg. Mir geht es um den klaren Willen, den dieser Schritt zeigt. Vielleicht zeigt er auch ein wenig jugendliche Naivität, denn leicht war der weitere Weg nun wirklich nicht. Alex Diehl hat erst einmal sehr einfach gelebt, verschiedene Stile probiert und Texte für andere geschrieben.

Der große Durchbruch ließ auf sich warten. Viele geben in einer solchen Situation wahrscheinlich auf. Alex Diehl hat das Gegenteil gemacht: Er hat in Eigenregie ein Konzert für mögliche Vertragspartner organisiert und selbst die Band gezahlt. Und er bekam einen Vertrag.

Er hatte die Fähigkeiten, die Hartnäckigkeit und?

… und Mut

Alex Diehl hat es gewagt, Lieder auf Deutsch auf der Bühne zu singen, die er zunächst nur für sich geschrieben hatte. Lieder, die ausdrücken, was ihn bewegt. Wer sich mit seinen Produkten und Werken der Öffentlichkeit stellt, braucht eh schon Mut. Doch gerade die Werke zu präsentieren, die ausdrücken, was einen am meisten bewegt, braucht Zusatz-Mut. Da zeigt sich jemand mit seinen ganz eigenen Erfahrungen, emotional und verletzbar. Und was passiert? Er berührt Menschen. Bestimmt nicht jeden, vielleicht nicht einmal die Mehrheit, aber das muss auch nicht sein.

Den überraschenden Durchbruch hat Nur ein Lied gebracht, das Alex Diehl aus seiner Betroffenheit über die Pariser Terroranschläge im November 2015 geschrieben, mit Handy gefilmt und auf Facebook veröffentlicht hat. Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich das Video massiv. Der Sänger hat ausgedrückt, was ihm am Herzen lag und vielen, vielen anderen ging es wohl ähnlich. Sein aktuelles Album heißt Bretter meiner Welt*.

„Miss Norma“ Bauerschmidt

Als Alex Diehl geboren wurde, war „Miss Norma“ 62 Jahre alt. Im August 2015 bekam Norma Bauerschmidt die Diagnose Krebs und entschied sich für ein Reiseabenteuer statt für eine Krebsbehandlung. Sie wollte Wale beobachten, die Niagara-Fälle besuchen und Vieles mehr. Sie stieg zu Sohn und Schwiegertochter ins Wohnmobil und machte sich auf den Weg. Das ist an sich schon eine Besonderheit, aber nur ein Teil der Geschichte.

Der Spiegel berichtet, dass 450.000 Menschen ihre Reise verfolgt haben. Unter Driving Miss Norma haben ihr Sohn und ihre Schwiegertochter die Reise auf Facebook dokumentiert. Macht man sowas, den eigenen Umgang mit einer tödlichen Krankheit öffentlich dokumentieren? Sich in solcher Verletzbarkeit zeigen? Ach ja, das ist ja nicht die Frage, denn Lebenskunst ist unkonventionell. Mit der Art, wie es Miss Norma gemacht hat, hat sie Hunderttausende Menschen berührt und ermutigt. Ende September 2016 ist sie gestorben.

Die Gemeinsamkeit und ein Balanceakt

Das sind doch sehr unterschiedliche Geschichten. Was sie gemeinsam haben: Beide Protagonisten haben es gewagt, persönliche Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle öffentlich zu präsentieren. Sie haben uns teilhaben lassen und damit sicher nicht ausschließlich Begeisterung geerntet, sondern auch manches Kopfschütteln oder Nase Rümpfen.

Nur: Wo ist die Grenze zum Seelenstriptease oder reinem Voyeurismus? Ist ‚Big Brother‘ etwa inspirierend? Wohl kaum, denke ich. Ich sehe mir so etwas nicht an, weil es keinen Reiz für mich hat. Da geht es um die Selbstdarstellung an sich, vermutlich um ein ziemlich aufgesetztes Selbst.

Wer sich auf das Parkett der Lebenskunst wagt, bringt sich mit seiner Originalität ein. Dabei dürfen auch ab und zu Banalitäten auftauchen, nur hoffentlich nicht ungefiltert jeder Unsinn. Wagen wir doch ruhig etwas mehr Öffnung ohne Seelenstriptease. Wir müssen ja nicht gleich Hunderttausende damit inspirieren. Und wo die Grenze ist, das spürt jeder selbst sehr gut, wenn er ehrlich zu sich ist.


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Autor: Lydia Girndt

Lydia Girndt ist Diplom-Psychologin, Beraterin und Autorin. Ihre Leidenschaft ist die Persönlichkeitsentwicklung.

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